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Hauptsache kein Fleisch: Was bringen Veggie-Burger und Co?

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Hauptsache kein Fleisch: Was bringen Veggie-Burger und Co?

Hauptsache kein Fleisch: Was bringen Veggie-Burger und Co?

Der Appetit auf Fleisch scheint unersättlich, doch seine Produktion heizt das Klima an und verursacht Tierleid. Die Lebensmittelindustrie sucht deshalb nach Alternativen auf pflanzlicher Basis. Innovative Lösung - oder vor allem ein gutes Geschäft?

Alle drei Jahre trifft sich die internationale Fleischwirtschaft auf der IFFA, bislang eine Fachmesse für die Verarbeitung, die Verpackung und den Verkauf ausschließlich von Fleisch. In diesem Jahr waren in Frankfurt jedoch erstmals auch Vertreter vegetarisch-veganer Verbände vor Ort – nicht um zu protestieren, sondern als Vertreter eines neuen Trends: Vegane und vegetarische Fleischersatzprodukte, die schmecken sollen wie "das Original". Ein Angebot laut der Hersteller vor allem für Flexitarier, die weniger Fleisch essen und dennoch ihr gewohntes Ernährungsmuster nicht aufgeben wollen.

Das "Fleisch von morgen" – in der EU derzeit nicht erlaubt

Ein Highlight der IFFA: die Zelluläre Landwirtschaft. Das Fleisch von morgen kann damit aus wenigen tierischen Zellen in sogenannten Bioreaktoren gezüchtet werden. In der EU ist der Verzehr noch nicht erlaubt, denn das Verfahren funktioniert nur mit Gentechnologie.

Die Einschätzung von Godo Röben, der als Geschäftsführer beim Wursthersteller Rügenwalder Mühle den veganen Trend gestartet hat und jetzt Politik und Wirtschaft berät: "Ich glaube, die nächsten Jahre werden wir auf die pflanzenbasierten Produkte noch ein bisschen mehr schauen, die zellbasierten werden entwickelt und dann werden die in vier, fünf Jahren dazukommen".

Ein Milliardenmarkt lockt

Viel Überzeugungsarbeit muss Röben auf der IFFA nicht mehr leisten. Die Branche ist bereits auf den Geschmack gekommen, denn es lockt ein Milliardenmarkt mit zweistelligem Umsatzzuwachs. Weltweit wurden allein mit herkömmlichen Fleischersatzprodukten wie beispielsweise Veggie Burgern aus Erbsen im vergangenen Jahr 5,2 Milliarden Euro umgesetzt - ein Plus von 17 Prozent. Alleine in Westeuropa waren es 2,3 Milliarden Euro, ein Plus von 19 Prozent.

Für Röben ist die Zukunft klar: "Es wird weiter Wurst geben, Schnitzel geben, aber die werden jetzt aus Pflanzen gemacht. Das merken jetzt immer mehr Fleischhersteller und Wursthersteller. Sie sehen, dass es kein Trend ist wie die Lightwelle, die vielleicht einmal zehn Jahre da war, sondern dass es jetzt wirklich ein Ernährungswandel ist."

Und tatsächlich: Längst sind sie keine Nischenprodukte mehr. Fleischalternativen sind im Alltag angekommen, stehen in jedem Supermarkt und Discounter in den Regalen. In der Werbung fallen sie durch ein grünes Image auf, das Gesundheit und Nachhaltigkeit verspricht. Doch trifft das auch zu?

Ersatzprodukte nicht unbedingt gesünder

Zumindest der Münchner Ernährungswissenschaftler Malte Rubach hinterfragt dieses Image. Er ist Verfasser des Buchs "Die Ökobilanz auf dem Teller" – und hat festgestellt, dass sich die Ersatzprodukte von Erzeugnissen aus der Wursttheke rein von der Verarbeitungsstufe her nicht besonders unterscheiden, "… weil man bei verarbeiteten Produkten immer Zusatzstoffe benötigt, […] ich brauche einen Stabilisator, brauche Gewürze, brauche Salz, brauche ein Konservierungsmittel oder dergleichen."

Das sei sowohl bei Wurstwaren als auch bei den Ersatzprodukten der Fall – und so seien diese weder gesünder noch ungesünder. Und ein Blick auf die Rückseite der angebotenen Ersatzprodukte bestätigt das auch: Im veganen Fleisch ist zumeist mehr als Soja- oder Erbsenprotein, bei veganer Wurst ist die Liste der Zusatzstoffe meist noch länger.

Haupt-Erfolgskriterium: Geschmack

Konfrontiert man die Hersteller der Fleischersatzprodukte damit, wird dies auch zugleich eingeräumt. Rohkost in Bioqualität sei natürlich gesünder, sagt beispielsweise Björn Witte, CEO bei Livekindly. Jedoch wünschten sich viele Kunden ein anderes Geschmackserlebnis. Und das sei nun mal maßgeblich für den Erfolg. Eine Herausforderung. Denn Fleischgeschmack zu imitieren, sei gar nicht so einfach und gelinge am besten durch den Einsatz von Gentechnik.

Die EU ist in diesem Punkt aber besonders streng. Und so drängt die Branche auf Lockerung.

Kleinbäuerliche Produktion als Alternative

Sind alternative Proteine aus der Lebensmittelindustrie womöglich gar nicht wirklich so gesund und nachhaltig, sondern eher Scheinlösungen? So sieht es zumindest eine Gruppe unabhängiger Wissenschaftler um den Agrarökonom Ricardo Salvador, die sich der Analyse unseres globalen Ernährungssystems verschrieben haben und regelmäßig den sogenannten IPES food report veröffentlichen.

Sie warnen davor, sich zu sehr auf Proteine zu fokussieren und auf ausschließlich technologische Lösungen durch die großen führenden Lebensmittelkonzerne: "Einerseits ist es eine technologische Meisterleistung, dass sie das können. Andererseits wird das System (…) weiterhin Kapital konzentrieren, es wird weiterhin eine starke Abhängigkeit von synthetischem Dünger und Pflanzenschutzmitteln und eine komplizierte Lieferkette geben." Er unterstreicht stattdessen die Bedeutung der kleinbäuerlichen Produktion.

Ernährungswende: ja – aber anders?

Für eine Ernährungswende sind auch viele Biobauern – gehen dabei aber einen anderen Weg als die Industrie. Wie etwa Michael Steinmaßl, der vor einigen Jahren von seinem Vater den Hof übernahm und von konventionellem Milchvieh auf Bio-Gemüse umgestellt hat. Er hat sich seinen Traum erfüllt, produziert auf kleiner Fläche und auf umwelt- und klimafreundliche Weise über 50 verschiedene Gemüsesorten für den regionalen Markt.

Die so dringend benötigte Ernährungswende sieht er nicht im neuen Fleischersatz. Davon profitiert seiner Meinung nach vor allem die Lebensmittelindustrie, die auf diesem Weg weiterhin Fertigprodukte verkaufen kann. Man müsse weg von den stark verarbeiteten Lebensmitteln und wieder frisch kochen. "Ich denke, dass wir eher in diese Richtung gehen müssen, als dass wir jetzt Fleischprodukte erfinden, die gar kein Fleisch mehr beinhalten - irgendwelche pflanzlichen Eiweiße, das sehe ich als nicht zielführend, für die Gesundheit nicht und für die Welt nicht", sagt der Biobauer. Dennoch sieht er, dass durch den veganen Trend eine wichtige Debatte angestoßen wird, denn: "Wir essen viel zu viel Fleisch".

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