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Pelztierzucht in Polen – umstritten aber immer noch erlaubt | BR24

© dpa-Bildfunk/SOKO Tierschutz

Nerz in polnischer Nerzzuchtfarm.

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    Pelztierzucht in Polen – umstritten aber immer noch erlaubt

    In vielen europäischen Ländern ist die Nerzzucht verboten. In Polen dagegen werden laut Tierschützern jedes Jahr bis zu sechs Millionen Nerze auf Hunderten Farmen getötet. Die Agrarlobby ist stark - ein neues Tierschutzgesetz liegt auf Eis.

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    Von
    • Michael Reinartz

    Schon vor etwas mehr als drei Jahren tat sich etwas ziemlich Ungewöhnliches in Polen: Damals, 2017, tauchte Jaroslaw Kaczynski, Chef der rechtskonservativen PiS-Partei, plötzlich in einem Spot der Tierschutzorganisation "Viva!" auf.

    "Wenn es um ein Verbot der Pelztierzucht in Polen geht, ist es vor allem die Frage der Einstellung zu den Tieren. Eine Frage des Herzens. Eine Frage des Herzens für die Tiere und des Erbarmens mit den Tieren. Jeder anständige Mensch sollte so etwas in sich tragen." Jaroslaw Kaczynski, Chef der rechtskonservativen polnischen PiS-Partei

    In diesem Umfeld und mit derlei Aussagen hatte man nicht mit dem mächtigsten Politiker Polens gerechnet. Denn die Pelztierzüchter wohnen auf dem Land, sie gehören definitiv zu den Stammwählern rechtsgerichteter Parteien in Polen. Dann dauerte es noch einmal rund zwei Jahre, bis die Geschichte im Sommer des letzten Jahres so richtig an Fahrt aufnahm.

    Tierschützerin: "Es gibt keine humane Pelztierzucht"

    "Seit Jahren dokumentieren wir die Bedingungen auf den Pelztierfarmen in Polen. Wir zeigen, dass das kurze Leben der Tiere von Anfang an – es dauert in der Regel sechs bis sieben Monate – ein Leben unter extremen Qualen ist. In jedem Moment ihres Lebens leiden die Tiere sehr, auf engstem Raum, es gibt keine humane Pelztierzucht," so Bogna Wiltowska von der Organisation "Otwarte Klatki", was so viel wie "offene Käfige" heißt. Mit deren Hilfe hat der Internetkanal Onet.pl einen aufrüttelnden Film über die Zustände auf einer gigantischen Nerzfarm in der Region Großpolen gedreht.

    Darin gibt es zahlreiche versteckt gemachte Handy-Aufnahmen von gequälten und hospitalisierten Nerzen zu sehen. Konspirativ gefilmt hat sie ein junger ukrainischer Tierrechts-Aktivist, der dort für einige Zeit gearbeitet hat.

    Aus der Vogelperspektive betrachtet sieht die riesige Farm fast wie ein Stadtviertel aus. Besitzer und Nerzzüchter Szczepan Wojcik wollte sich für die Onet-Reportage auf gar keinen Fall vor eine Kamera stellen – den jungen Journalisten ließ er vor dem Sicherheitszaun stehen und per Smartphone wissen: "Herr Redakteur, ich bin schon so müde, so müde von den Angriffen und all dem. Wirklich, es gibt eine Menge verschiedener Probleme und ständig werde ich von allen Seiten medial angegriffen, nur dafür, dass ich es wage, Landwirt zu sein!"

    Tiere unter ständiger Angst und Panik

    In dem Film auf der Online-Plattform Onet berichtet der ukrainische Aktivist von dem unglaublichen Stress, den er als Arbeiter auf der Farm erlebt hat. Bis zu einer halben Million Nerze hätten sich in ihren viel zu kleinen Käfigen bewegt, sich in ständiger Furcht und Panik befunden, sich sehr häufig selbst und gegenseitig furchtbare Verletzungen beigebracht. Ein unablässiger Gestank habe über dem gesamten Gelände gelegen.

    Alarmiert von der großen Resonanz des Films hat der Züchter Szczepan Wojcik einen eigenen Werbefilm für das Internet über seine Zucht anfertigen lassen. Als Reporter fungiert dabei der Sejm-Abgeordnete Krzystof Bosak, Wojciks Freund von der kleinen rechtsnationalen Kleinpartei Konföderatia:

    In dem Film fragt Bosak: "Warum sind die Tiere so leise? Heißt das, dass sie vielleicht Angst haben?" Als Antwort bekommt er vom Pelzzüchter zu hören "Aber nein! Die Tiere sind leise, weil alles in Ordnung ist."

    Schaffung von Arbeitsplätzen

    Eines der wichtigsten Argumente der polnischen Pelztierzüchter ist, dass sie Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen schaffen. Tierrechtsaktivisten und andere Kritiker verweisen dann immer wieder darauf, dass auf den Farmen meist Menschen aus der Ukraine, Belarus oder Russland arbeiten - für Hungerlöhne auf niedrigstem Niveau, bei Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden. Und selbst der PiS-Vorsitzende und bekennende Katzenfreund Kaczynski hat darauf hingewiesen, dass Länder wie Dänemark oder Holland ihre Pelztierzucht inzwischen häufig ins billigere Polen verlagern: "Nach EU-Standards werden derartige Zucht-Praktiken verboten, und die Firmen werden häufig nach Polen transferiert. Das darf nicht sein, wir können nicht ein Land zweiter Kategorie sein, wir müssen wirklich wahres Europa sein."

    Polen ist drittgrößter Nerzproduzent

    Polen ist weltweit der drittgrößte Produzent, nur Dänemark und China rangieren noch davor. Nach Angaben der Tierschützer werden hier jährlich fünf bis sechs Millionen Nerze getötet, mehrere hundert Farmen soll es im Land geben. Die Nerze werden auf grausame Art durch Gas getötet, der qualvolle Tod kann bis zu 30 Minuten dauern.

    Nobelpreisträgerin Tokarczuk unterstützt Tierschutz

    "Der Mensch hat viele hervorragende Textilien und Kleidungsarten hergestellt und es gibt keine Notwendigkeit, andere lebende Wesen zu enthäuten, um sich ihre Haut anzuziehen," sagt die polnische Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Auch sie hat sich im Auftrag der Organisation "Offene Käfige" an die Öffentlichkeit gewandt: "Bestimmt seht ihr, während ich spreche, den kleinen Film, der Füchse in Käfigen zeigt. Ich denke, das sind so starke Bilder, dass sowohl ihr als auch ich diese Bilder noch lange vor den Augen haben werden. Ich weiß auch, dass 60 Prozent der polnischen Gesellschaft dafür sind, dass sich die politischen Parteien mit dem Tierschutz beschäftigen. Ich appelliere also an Menschen, die mit der Politik verbunden sind, dieses schreckliche aber auch dumme Geschäft der Pelztierzucht aufzulösen, damit das möglichst schnell endet."

    Neues Tierschutzgesetz liegt auf Eis

    Tatsächlich hatte die Partei "Recht und Gerechtigkeit" von Jaroslaw Kaczynski im Herbst ein Gesetz zum Verbot gegen die Pelztierzucht in das Parlament gebracht. Dort scheiterte es letztlich – nicht nur wegen des erbitterten Widerstandes der beiden ultrarechten Koalitionsparteien von PiS. Sondern auch, weil es mit anderen Themen - wie zum Beispiel dem Verbot der rituellen Schlachtungen in Polen – vermischt und überladen war.

    Seit dem Herbst liegt es auf Eis. Vielleicht auch zur Freude deutscher Nerz- oder Fuchsfellträgerinnen und –träger. Denn so wirklich offen wird das Winterfell der gequälten Zuchttiere zwar nicht mehr präsentiert, aber weiterhin gerne als Innenfutter oder Mantelkragen verwendet.

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