In Yanqing, etwa 70 Kilometer nordwestlich des Stadtzentrums von Peking, werden im Februar 2022 die Olympischen Bob-, Skeleton- und Ski-Alpin-Wettbewerbe ausgetragen. Mitten im Ort befindet sich eine komplett abgeriegelte Hotelanlage. Mit Mauern, Zäunen, Kameras und Wachleuten. Hier sind Sportlerinnen und Sportler aus der ganzen Welt untergebracht, die extra nach China geflogen sind, um die olympische Bobbahn zu testen. Bis Anfang Oktober haben in Yanging nur chinesische Athletinnen und Athleten trainiert.
Zum ersten Mal können nun auch ausländische Piloten die Bahn testen – auch Bobfahrerinnen und Bobfahrer aus Deutschland. Sie befinden sich in einer komplett abgeschirmten sogenannten Blase – niemand darf hinein, sie dürfen nicht heraus. Die chinesischen Behörden begründen die strikten Maßnahmen mit der Null-Covid-Politik des Landes. Wie es "drinnen" abläuft, erzählt der deutsche Bobfahrer Johannes Lochner: "Das sind drei Gebäudekomplexe, in zweien wohnen wir, im dritten gibt es Essen." Sie dürften sich frei bewegen, 250 Meter zu Fuß. Es gäbe noch einen Kraftraum und einen Sportplatz.
"Es ähnelt einem offenen Vollzug, einem Gefängnis. Es gibt viele Wachleute, überall stehen Menschen rum und passen auf. Die stehen einfach da und gucken." Johannes Lochner
Großer Aufwand, strenge Corona-Auflagen
Dass eine Stadt sowohl Sommer- als auch Winterspiele abhält, gab es noch nie in der olympischen Geschichte. Nun werden einige der Sportstätten von 2008 in der chinesischen Hauptstadt umgebaut und erneut genutzt. In Yanqing ist komplett alles neu gebaut worden. Alle weiteren Ski-Wettkämpfe finden in einem Skigebiet in der Nähe der Stadt Zhangjiakou in der Provinz Hebei statt, rund 160 Kilometer nordwestlich von Peking. An allen drei Wettkampf-Orten gibt es olympische Dörfer. Hochgeschwindigkeitszüge verbinden die Olympia-Standorte miteinander. Vom Stadtzentrum der chinesischen Hauptstadt nach Zhangjiakou kommt man in knapp einer Stunde.
Die Kosten für die Olympischen Spiele sind enorm, genaue Zahlen hat die Staatsführung allerdings nicht veröffentlicht. Was die Kosten weiter in die Höhe treiben wird: Wegen Chinas strikter Null-Covid-Politik werden die Spiele komplett abgeschottet vom Rest des Landes stattfinden. Athletinnen, Athleten und Begleitpersonal können nur ohne dreiwöchige Hotel-Quarantäne einreisen, wenn sie vollständig geimpft sind. Selbst mit Impfung aber werden alle Beteiligten die Wettkampfstätten sowie den Rest der Blase nicht verlassen dürfen. Dazu kommen tägliche PCR-Tests. Der Aufwand ist enorm. Sport-Fans aus dem Ausland sind nicht zugelassen. Wer in China wohnt, soll sich um Tickets für die Spiele bewerben können.
Parteipropaganda statt Transparenz
An chinesische Sportlerinnen und Sportler sowie Trainer kommen ausländische Medien nicht heran. Sie werden komplett abgeschottet. Auch die Wettkampfstätten und die Olympischen Dörfer können derzeit nicht besichtigt werden. Was die Behörden dagegen gern zeigen, ist, wie sich die Gegend um Peking zu einer vermeintlichen Wintersportregion entwickelt. Die örtliche Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei in Yanqing präsentiert ausländischen Medien unter anderem eine Grundschule mit Wintersportprägung. Die Kinder fahren in voller Schutzkleidung mit Rollschuhen Runden auf dem Sportplatz.
Yao Ximiao hat Eislaufen als Unterrichtsfach an der Uni studiert. Die Sportlehrerin kam direkt nach ihrem Abschluss vor zwei Jahren an die Grundschule. In der Vergangenheit seien die meisten Absolventinnen und Absolventen, die Wintersportarten studiert haben, "normale" Sportlehrer geworden, erzählt sie nach dem Training. Wegen der Olympischen Winterspiele gebe es jetzt aber einen großen Bedarf an Lehrkräften, die Wintersportarten unterrichten.
Sport und Politik in China untrennbar
Im kommunistisch regierten China ist der Staat schon immer stark in den Sport involviert. Das gilt für den schulischen Bereich, vor allem aber für den Spitzensport. Das sieht man unter anderem daran, dass sowohl das Nationale Olympische Komitee Chinas als auch das Orga-Komitee der Winterspiele in Peking fast vollständig aus Vertretern der Kommunistischen Partei besteht – ganz überwiegend Männer. Dass Sport in China immer auch politisch ist, sei nichts Neues, sagt Chen Xiyao, pensionierter Professor der Sport-Universität Shanghai: "In den meisten Staaten ist Sport weitgehend eine Sache der Zivilgesellschaft. Anders hier in China: Bei uns ist Sport Teil des staatlichen Strebens nach einer starken und blühenden Nation."
Wie selbstverständlich auch chinesische Athletinnen und Athleten Sport und Politik vermischen, wurde bei den Olympischen Sommerspielen in der japanischen Hauptstadt Tokio im August 2021 besonders deutlich. Genauer gesagt bei der Siegerehrung des Bahnrad-Teamsprints der Frauen. Im Finale des Teamsprints hatten sich die beiden Chinesinnen Zhong Tianshi und Bao Shanju durchgesetzt, gegen die deutschen Radsportlerinnen Sophie Friedrich und Emma Hinze. Bei der anschließenden Siegerehrung präsentierten Zhong und Bao auf dem Podium nicht nur stolz ihre beiden Goldmedaillen, sondern auch zwei Anstecker der Kommunistischen Partei. Auf den rot-goldene Broschen prangte das stilisierte Konterfei von Mao Zedong, Mitbegründer und 27 Jahre lang der erste Diktator der Volksrepublik Chinas.
Mao-Anstecker "eine Geste des extremen Nationalismus"
Historikerinnen und Historiker schätzen, dass Mao mit seiner Politik für den Tod von mindestens 38 Millionen Menschen verantwortlich ist. Von Chinas kommunistischer Staatsführung aber wird Mao Zedong nach wie vor als Volksheld verehrt. Für die Asienexpertin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Didi Kirsten Tatlow, ist das öffentliche Tragen der Mao-Anstecker durch die chinesischen Sportlerinnen Teil der staatlichen Propaganda: "Damit soll gezeigt werden: Schaut her, wir hier! Wir sind China! Das ist eine Geste des extremen Nationalismus, mit der nochmal ordentlich Aufmerksamkeit erregt werden soll."
Innerhalb Chinas wurde die Mao-Anstecker-Aktion der beiden Radsportlerinnen nicht groß thematisiert. Symbole der Kommunistischen Partei und auch das Porträt von Langzeitdiktator Mao Zedong sind in der Volksrepublik allgegenwärtig. Doch außerhalb Chinas sorgen die KP-Anstecker während der Siegerehrung der Olympischen Sommer-Spiele von Tokio für Empörung. Denn Paragraph 50 der Olympischen Charta verbietet in Absatz 2 ausdrücklich das Zeigen von "politischer Propaganda", wie es wörtlich heißt.
Vorwurf gravierender Menschenrechtsverletzungen
Dementsprechend laut kritisiert wird auch die Vergabe der Winterspiele nach China. Eine der Aktivistinnen, die sich seit langem vehement dagegen ausspricht, ist Zumretay Arkin. Ihrer Ansicht nach sind die Olympischen Spiele erneut einem Land anvertraut worden, das aktiv Völkermord begehe. Konkret gemeint ist damit Chinas Umgang mit den Uiguren. Arkin ist im Vorstand des Weltkongresses der Uiguren, der seinen Sitz in Deutschland hat.
"Die olympische Fackel steht eigentlich für Frieden und Hoffnung. Aber für unser uigurisches Volk, das unter der Kontrolle der brutalen Kommunistischen Partei Chinas lebt, steht die Fackel für etwas anderes: für eine weltweite Komplizenschaft mit Chinas extremem Unterdrückungssystem." Zumretay Arkin, Weltkongresses der Uiguren
Auch wenn der von Arkin verwendete Begriff Genozid – Völkermord – unter Expertinnen und Experten umstritten ist: Dass Chinas Staats- und Parteiführung im nordwestlichen Landesteil Xinjiang systematisch die Rechte ethnischer Minderheiten wie der Uiguren verletzt, ist belegt. Durch geleakte Regierungsdokumente, Medienrecherchen und Augenzeugenberichte etwa ist seit Jahren bekannt, dass in Xinjiang wohl mehr als eine Million Menschen wegen ihrer Ethnie oder ihrer Religion in Umerziehungslagern eingesperrt wurden und werden, meistens ohne Anklage, Prozess oder Urteil. Die chinesische Staatsführung weist die Existenz der Lager inzwischen nicht einmal mehr zurück. Sie spricht von "Berufsbildungszentren".
IOC und Chinas Parteiführung beschwichtigen
Der Weltkongress der Uiguren und Dutzende weitere Menschenrechtsgruppen weltweit protestieren seit Jahren gegen die Austragung der Olympischen Winterspiele in Peking. Neben Uiguren-Verbänden haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten vor allem Tibeter, sowie Unterstützerinnen und Unterstützer der Hongkonger Demokratiebewegung zu Wort gemeldet. Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen das Internationale Olympische Komitee. IOC-Sprecher Juan Antonio Samaranch Junior will sich dazu allerdings nicht konkret äußern.
"Jeder hat das Recht, seine Ideen, seine Positionen und seine Prinzipien zu vertreten. Ich muss aber sagen, dass wir diese Proteste nicht kommentieren können. Bei den Olympischen Spielen geht es darum, zu versuchen, alle zu vereinen. Daher denke ich nicht, dass ich mich zu den Protesten äußern sollte." Juan Antonio Samaranch Junior, IOC-Sprecher
Auch Chinas Staats- und Parteiführung weist die Kritik zurück und verwehrt sich gegen die Boykottaufrufe. "Die Politisierung des Sports verstößt gegen die Olympische Charta. Politisierung schadet den Interessen der internationalen Athleten und widerspricht der Olympischen Sache. Die internationale Gemeinschaft wird das nicht akzeptieren", so ein Regierungssprecher.
"Olympischen Winterspiele wichtiges Ereignis für die KP"
Während Chinas Staatsführung eine vermeintliche Politisierung des Sports ablehnt, sieht die Realität in der Volksrepublik ganz anders aus. Die allesamt staatlich kontrollierten Medien des Landes werben seit Monaten mit nationalistischen Tönen für die Winterspiele in der chinesischen Hauptstadt. Peking 2022, so der hochpolitisierte Tenor, sei eine Art nationale Kraftanstrengung, mit der man dem eigenen Land und dem Rest der Welt beweisen könne, welche Potentiale China habe – auch und gerade nach überstandener Covid-19-Pandemie.
"Xi Jinping, Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, Präsident und Vorsitzender des Zentralen Militärausschusses, hat kürzlich die Sportstätten besucht. Er leitete dort ein Briefing zur Vorbereitung der Olympischen Winterspiele und hielt wichtige Reden. Er betonte, dass die erfolgreiche Ausrichtung der Olympischen Winterspiele und der Paralympics ein wichtiges Ereignis für die Kommunistische Partei und das Land ist." Ausschnitt aus dem staatlichen Fernsehsender CCTV
Boykottaufrufe nur bedingt wirksam
Über die weltweiten Proteste, die Boykottaufrufe und die Kritik an der Vergabe der Spiele nach Peking wird in der Volksrepublik nicht berichtet. Die allesamt staatlich kontrollierten Medien blenden das Thema vollständig aus. Mit Fans, Sportlerinnen oder gar Funktionären offen über das Thema zu sprechen, ist so gut wie unmöglich. Der pensionierte Shanghaier Sport-Uni-Professor Chen Xiyao verweist auf die geopolitische Großwetterlage:
"Die ideologischen Auseinandersetzungen nehmen weltweit zu. So ist das nun einmal. Chinesische Regierungsvertreter sind sehr vorsichtig mit Aussagen. Denn wenn über sie in einem negativen Kontext berichtet wird, müssen sie dafür geradestehen. Um auf Nummer sicher zu gehen, erfüllen chinesische Offizielle ihre Pflichten und reduzieren ihre Medienaktivitäten auf ein Minimum." Chen Xiyao, Sport-Professor
In den nächsten Wochen dürften die weltweiten Proteste gegen die Austragung der Olympischen Winterspiele in China eher noch zunehmen. Angesichts der Teilnehmerstaaten an den Spielen sei das kein Wunder, sagt die Sinologin Didi Kirsten Tatlow von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik: "Wir dürfen nicht vergessen: Sportlich gesehen werden die Olympischen Winterspiele in der Regel von Ländern dominiert, die liberale Demokratien sind, also von Staaten in Europa und Nordamerika. Für China kann diese Tatsache ziemlich bedrohlich sein. Denn in genau diesen Staaten wird weitgehend die Ansicht vertreten, dass in China die Menschenrechte in hohem Maße missachtet werden."
Die meisten Kritiken fordern zwar keinen sportlichen, aber einen politischen Boykott der Winterspiele von Peking. Ihre Forderung: Politikerinnen und Politiker sollen demonstrativ nicht zu den Spielen nach China reisen. Angesichts der immensen Anti-Corona-Restriktionen in China und drohender Zwangsquarantäne vor Ort wird es dazu allerdings sowieso nicht kommen. Die strikte Null-Covid-Politik der Staats- und Parteiführung bietet bei den Winterspielen also beiden Seiten eine bequeme Möglichkeit, das Gesicht zu wahren: Westliche Politiker haben einen Vorwand, daheim zu bleiben. Und in China kann die staatliche Propaganda bequem auf den Kampf gegen Corona verweisen, wenn es darum geht, das Fehlen internationaler Spitzenvertreterinnen und -Vertreter zu erklären.
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