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Warteschlange vor einem Impfzentrum

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    Patientenschützer fordern Sanktionen gegen Impfdrängler

    Sie erschleichen sich mit Tricks und teils falschen Angaben eine vorzeitige Impfung gegen Covid-19: Einem Medienbericht zufolge sind es deutschlandweit tausende Fälle. Nun fordern Patientenschützer Strafen gegen sogenannte Impfdrängler.

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    Von
    • BR24 Redaktion
    • Rüdiger Hennl

    Falsches Alter, falscher Beruf: Mit solchen Tricks versuchen sich sogenannte Impfdrängler eine vorzeitige Impfung gegen das Coronavirus zu erschleichen. Nun fordern Patientenschützer Konsequenzen.

    "Zwar werden Tausende erwischt, aber es fehlt an Sanktionen", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der Deutschen Presse-Agentur: "Sich beim Impfen vorzudrängen, ist weiterhin keine Ordnungswidrigkeit."

    "Psychische und physische Drohgebärden"

    Brysch sagte mit Blick auf den Druck vieler Impfwilliger: "Jetzt werden Vakzine freigegeben. Damit entsteht in den Impfzentren und bei den Hausärzten massiver Druck. Am Patientenschutztelefon erfahren wir von psychischen und physischen Drohgebärden."

    Auch viele Impfzentren klagen nach einem Medienbericht über Aggressivität von Impfwilligen und zunehmende Versuche, sich eine vorzeitige Impfung zu erschleichen. Das SWR-Fernsehmagazin "Report Mainz" berichtete von mehreren tausend Fällen. In München würden bis zu 350 Vordrängler in der Woche erwischt, in Saarbrücken bis zu 140, so "Report", in vielen anderen Städten werde die Zahl der Impfdrängler aber nicht erfasst. In Hamburg ist das anders. Hier meldete das Impfzentrum zuletzt sogar 2.000 Vordrängler in einer Woche.

    Um vorzeitig an einen Impftermin zu kommen, würden etwa falsche Alters- oder Berufsangaben gemacht, berichtete "Report". Der Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, Martin Helfrich, sagte dem ARD-Magazin: "Die Stimmung wird aggressiver. Den Menschen ist teilweise sehr klar, dass sie nicht berechtigt sind und trotzdem versuchen sie, sich impfen zu lassen."

    Den "Report"-Recherchen zufolge geben sich Impfbetrüger oft auch als höher priorisierte Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen oder Schwangeren aus. Denn eine pflegebedürftige Person kann zwei Kontaktpersonen benennen, die vorrangig geimpft werden. In einem Fall schafften es aber statt zwei acht junge und gesunde Leute, sich als Kontaktpersonen impfen zu lassen.

    Impfzentren vertrauen oft auf wahrheitsgemäße Angaben

    Die Impfzentren können offenbar nicht jedem Impfdrängler auf die Spur kommen. "Report Mainz"-zufolge wird oft nicht "nach den Dokumenten gefragt", erklärten befragte Drängler. Fehlende Kotrollen bestätigen auch andere Impflinge. So werde zum Beispiel der Name der schwangeren oder pflegebedürftigen Person nicht erfasst. Auf Nachfrage erklärten die meisten Bundesländer dazu, eine absolute Kontrolle sei nicht möglich, man vertraue auf wahrheitsgemäße Angaben.

    Experten befürchten noch mehr Impf-Konkurrenz

    Weil Geimpfte jetzt mehr Rechte zurückbekommen, könnte das Problem noch größer werden, warnen Experten. Mit dem Ende der Impfreihenfolge, das die Politik für spätestens Juni angekündigt hat, werden zudem noch mehr Menschen um einen Impftermin konkurrieren.

    Dabei haben laut Ständiger Impfkommission (STIKO) noch nicht einmal alle Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ein Impfangebot erhalten. Der Vorsitzende der STIKO, Prof. Thomas Mertens, rät deshalb, an der Priorisierung zunächst festzuhalten:

    "Als STIKO und mithilfe der RKI-Impfdaten haben wir berechnet, dass es noch ungefähr zehn Millionen Menschen gibt, die priorisiert sind und die kein Impfangebot erhalten haben. Leider Gottes ist aber auch das Problem der Impfung gegen Covid-19 mittlerweile Gegenstand der politischen Auseinandersetzung und vielleicht sogar zum Wahlkampfthema geworden. Das tut aus meiner Sicht den Dingen, der sachlichen Beurteilung, nichts Gutes." Prof. Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO

    Ähnlich argumentiert auch Prof. Franz-Josef Bormann, Moraltheologe an der Universität Tübingen und Mitglied im Ethikrat: "Zu erwarten ist, dass sobald der Startschuss fällt, der große Run auf die Arztpraxen erfolgt. Und ich finde es nicht richtig, dass man die Organisations-Last jetzt einfach den Arztpraxen aufdrückt. Es gibt eine neue Knappheitssituation und das führt zu Frustrationen, zu Ärger und wachsender Ungeduld."

    Zum Artikel: Auch Nürnberger Impfzentren kämpfen mit Impfdränglern

    Mehr als 35 Millionen Impfungen verabreicht

    Insgesamt haben die Impfstellen mittlerweile mehr als 35 Millionen Impfdosen gegen Corona verabreicht - etwas weniger als 27,3 Millionen bei Erstimpfungen und weitere gut 7,8 Millionen bei Zweitimpfungen (Stand Montag). 32,8 Prozent der Menschen haben mindestens eine Impfung erhalten. Den vollen Impfschutz erhielten demnach bislang 9,4 Prozent der Bevölkerung.

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