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Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel
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Achim Wendler
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Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel

An einem Dienstag des Jahres 2012 soll Angela Merkel eine Träne vergossen haben. So erzählen es CDU-Politiker, die in der Nähe standen und ihre Vorsitzende genau beobachten konnten. Es war der 4. Dezember, ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl, und die CDU hatte sich in Hannover zum Parteitag versammelt. Die Delegierten hatten Merkel soeben an der Spitze bestätigt, mit fast 98 Prozent. Eine sensationelle Sympathiebekundung, die Kanzlermaschine CDU brummte, Merkel war auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Sie stand in der Beliebtheit der Partei da, wo vor ihr nur Helmut Kohl gestanden hatte.

Als Merkel fast in der SPD gelandet wäre

Das war, um es vorsichtig zu sagen, nicht absehbar gewesen. Merkel und die CDU, diese Verbindung war kein politischer Funkensprung. Eher Zufall.

Jedenfalls fehlte nicht viel, und Merkels politischer Weg hätte bei der SDP begonnen, dem ostdeutschen Vorläufer der SPD. Nur weil Merkel dort Stil und Habitus nicht gefielen, entschied sie sich für den Demokratischen Aufbruch DA, der später von der CDU übernommen wurde.

Von Merkel lässt sich das nicht so leicht sagen. Wer übernahm wen, elf Jahre später? Die ostdeutsche Protestantin die Partei Helmut Kohls? Oder umgekehrt?

Auf den ersten Blick ist die CDU unter Merkel das geblieben, was sie immer war, eine Kanzlermaschine. Sie funktionierte selbst dann noch zuverlässig, als viele Christdemokraten mit Merkel haderten, in und nach der Flüchtlingskrise.

Widerspruch zwischen Programm und Pragmatismus immer gravierender

Dabei mutete die Vorsitzende ihrer Partei viel zu. Im Grundsatzprogramm von 2007, das bis heute gültig ist, stehen so klangvolle und klare Sätze wie: "Wir bekennen uns zur Wehrpflicht" und "Die Ehe ist unser Leitbild der Gemeinschaft von Mann und Frau". Man findet auch die Forderung nach Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken. Und schaut man in den schwarz-gelben Koalitionsvertrag von 2009, findet man das Bekenntnis, "einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn lehnen wir ab". Darunter auch die Unterschrift der CDU-Vorsitzenden.

Heute ist die Wehrpflicht ausgesetzt, Kraftwerke werden abgeschaltet, dafür gibt es Mindestlohn und "Ehe für alle".

Partielle Kernschmelze - der Preis des Regierens für die CDU

Was die Physikerin Merkel mit ihrer Energiepolitik unbedingt vermeiden wollte, zwang sie ihrer Partei auf, die partielle Kernschmelze.

Man kann das als richtungslos geißeln, als beliebig, wie es mancher Christdemokrat ja tut. Dann übersieht man aber die ziemlich klare Richtungsvorgabe Angela Merkels: "Da wo die Mitte ist, sind wir, und da wo wir sind, ist Mitte."

Das Bemerkenswerte an diesem Satz ist nicht die Gleichsetzung von Mitte und CDU. Das war immer der Anspruch dieser Volkspartei. Das Bemerkenswerte ist, dass für Merkel in Wahrheit nur der erste Teil des Satzes Geltung hatte: Sie drängte ihre CDU in jene Richtung, in der sie die gesellschaftliche Mitte verortete. Wo die Mehrheit laut Umfragen schon wartete.

Der Drang zur Mitte und nicht zu Inhalten

Den zweiten Teil des Satzes vernachlässigte Merkel: Sie verzichtete darauf, Mehrheiten zu erarbeiten für Positionen, die auf der christlich-demokratischen Weltkarte mittig gewesen wären. Kurz gesagt, Merkels politischer Richwert war die Mehrheit, nicht die Programmatik der CDU.

Das erleichterte manches. Debatten müsse man führen, wenn sie aufkämen, sagte Merkel einmal. Allzu passiv für eine Partei- und Regierungschefin? Vielleicht. Allemal pragmatisch.

Die Partei murrte mitunter leise, ließ sich aber mitnehmen, sie fuhr ja gut mit Merkels Pragmatismus. Deshalb die 98 Prozent beim Parteitag 2012. Und ein Jahr später, bei der Bundestagswahl, fast die absolute Mehrheit der Mandate!

Der Wendepunkt auf dem Beliebtheitshoch

Die Flüchtlingskrise war der Anfang vom Ende. Dass die CDU unter Merkels Nachfolger zu alter Stärke zurückfinden wird, ist trotz aller Versprechen der Kandidaten nicht gewiss.

Vielleicht wird man irgendwann rückblickend feststellen, dass Merkel auf das Ende der Volksparteien und die Zersplitterung der Parteienlandschaft reagierte, bevor sie eintraten. Jedenfalls machte ihr pragmatischer Zugang das Regieren in unterschiedlichen Koalitionsformationen erst möglich.

Dass Merkel als Episode in die Geschichte der CDU eingeht, ist ausgeschlossen. Schon allein wegen der Dauer ihres Vorsitzes: Wer am Tag von Merkels erster Wahl geboren wurde, ist heute erwachsen. Oder ist manches, was sie erreichte, doch vergänglich?

Bevor sie Generalsekretärin wurde, vertraute Merkel Journalisten ein Ziel an: Die Dominanz der "alten Männer" in der CDU müsse überwunden werden. Morgen wird sich zeigen, ob sie Erfolg hatte.