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Parteitage: Corona zwingt Parteien ins Digitale | BR24

© pa/dpa/Moritz Frankenberg

Parteitage: Corona zwingt Parteien ins Digitale

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    Parteitage: Corona zwingt Parteien ins Digitale

    Diese Woche mussten CDU und Linke ihre Parteitage verschieben. Die Grünen weichen bei ihrem Treffen in drei Wochen ins Digitale aus. Die CSU experimentiert mit digitalen Basisversammlungen. Wie verändert das die Debattenkultur?

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    Von
    • Björn Dake

    Während der Corona-Pandemie müssen die Parteien ihre Parteitage nun online organisieren. Das verändert das Gesicht dieser Zusammentreffen vollständig. Denn Parteitage leben von emotionalen Reden in vollen Hallen, spontanen Anträgen und Verabredungen im kleinen Kreis.

    Argumente statt Emotionen

    Auf Parteitagen der Grünen etwa geht es oft laut zu. Vor mehr als 20 Jahren zum Beispiel musste sich der damalige Außenminister Joschka Fischer als "Kriegshetzer" beschimpfen lassen. Heute beginnen die Grünen-Parteitage mit einer Technik-Einführung.

    Dafür ist Michael Kellner zuständig. Er ist Bundesgeschäftsführer der Grünen und organisiert gerade die Bundesdelegiertenkonferenz in drei Wochen. Dort positioniert sich die Partei für das Wahljahr 2021. Das Treffen findet wieder digital statt. Kellner prognostiziert: "Dort werden dann wahrscheinlich nicht die emotionalsten Reden gewinnen, sondern die sachlich klügsten." Kellner sieht das nicht als Nachteil. Im Gegenteil: Die Atmosphäre eines digitalen Parteitags sei viel konzentrierter.

    Weniger Herdentrieb bei Abstimmungen

    Das sieht auch Markus Blume als großen Vorteil. Denn der CSU-Generalsekretär erinnert sich noch gut an die leeren Reihen bei früheren Parteitagen, wenn es um detaillierte Anträge zur Sachpolitik ging. Da lasse schon mal die Kondition der Delegierten etwas nach. Beim jüngsten virtuellen Parteitag sei bei allen Abstimmungen mindestens die Hälfte dabei gewesen. Für Blume ein Erfolg.

    Das kann aber auch dazu führen, dass die Delegierten die Parteiführung überstimmen."Natürlich sieht man bei vielen Anträgen, wie stimmen die anderen ab und dann ist ein gewisses Herdenverhalten nicht auszuschließen", so Blume. "Digital ist das natürlich anders."

    Der CSU-Generalsekretär hat das vor fünf Wochen erlebt. Beim virtuellen Parteitag ignorierte eine Mehrheit die Empfehlungen der Parteispitze. Es ging um eine Kundentoilettenpflicht in Supermärkten. Solche Mini-Revolten werden auf Parteitagen normalerweise im Hinterzimmer organisiert. Jetzt bleiben nur Chatgruppen.

    Mehr Hierarchie durch Digitalität

    Der Ablauf eines digitalen Treffens ist genau durchgetaktet. Die Regie hat die Parteiführung. Manche Mitglieder befürchten: Kontroverse Themen könnten da zu kurz kommen.

    Grünen-Bundesgeschäftsführer Kellner ist sich bewusst, dass sich die Hierarchie zwischen Parteispitze und Delegierten im Digitalen verstärkt: "Wir geben uns sehr viel Mühe bei der Planung, dieses Hierarchiegefälle nicht größer werden zu lassen und auf eine Gleichwertigkeit zu achten."

    Geld spart ein virtueller Parteitag nicht

    Die Delegierten sind zum Beispiel aufgerufen, ihre Technik zu testen. Mit Wackelbildern von der Wohnzimmercouch sehen sie sonst alt aus gegen die Politprofis. Längere Pausen sollen dafür sorgen, dass sich die Mitglieder zu Hause stärken können.

    Finanziell bringt so ein virtueller Parteitag laut Kellner keinen Vorteil. Die Kreisverbände würden zwar das Geld für die Reise sparen. Dafür sei die Technik umso teurer.

    CSU stellt sich auf digitalen Wahlkampf ein

    Die CSU hat schon einige Erfahrungen damit gesammelt. In München sieht man sich als digitale Avantgarde. Diese Woche hat Generalsekretär Blume eine erste virtuelle Basisversammlung organisiert. Zusammen mit Parteichef Markus Söder hat er gut zwei Stunden die Fragen der Mitglieder beantwortet. Mehr als 1.600 von ihnen waren dabei. Blume freut sich über den Zuspruch: Die "überwältigende" Rückmeldung der Basis laute: "Bitte weiter so und am besten regelmäßig."

    Blume geht davon aus, dass die Parteiarbeit auf Dauer noch digitaler wird. Und auch der Wahlkampf im nächsten Jahr. Bierzelt oder Bürgerfest mit Bratwurst – das wird es so schnell wohl nicht mehr geben.

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