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Papst lockert Geheimhaltungsgebot bei sexuellem Missbrauch | BR24

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Papst Franziskus hat die Möglichkeit abgeschafft, sich bei Fällen von sexuellem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche auf Geheimhaltung zu berufen. Kardinal Marx setzt sich derweil für unbürokratische, großzügige Entschädigung von Opfern ein.

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Papst lockert Geheimhaltungsgebot bei sexuellem Missbrauch

Papst Franziskus verschärft den Kampf gegen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche: Er hat das "Päpstliche Geheimnis" für ungültig erklärt - damit müssen Opfer nicht mehr schweigen. Kardinal Marx warb unterdessen für hohe Entschädigungsgelder.

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Geheimhaltung soll es im Falle von sexuellem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche nicht mehr geben. Der Vatikan teilte mit, das sogenannte Päpstliche Geheimnis habe in Missbrauchsfällen keine Gültigkeit mehr. Das Geheimnis soll im Vatikan grundsätzlich die Vertraulichkeit sensibler Informationen garantieren.

Die von Franziskus unterzeichnete Verfügung tritt dem Vatikan zufolge sofort in Kraft. Sie ermöglicht es der Kirche nun auch, in Missbrauchsfällen mit Justizbehörden außerhalb des Vatikans zusammenzuarbeiten. Das Beichtgeheimnis bleibt weiterhin streng geschützt

Opfer dürfen nicht mehr zum Schweigen verpflichtet werden

Direkt genannt wird sexueller Missbrauch in der Verfügung zwar nicht. Die Anordnung verweist aber auf zwei Artikel im vatikanischen Recht, in denen es um den Umgang mit sexuellen Missbrauchsfällen geht. Der Verfügung zufolge ist das Päpstliche Geheimnis ab sofort nicht mehr auf "Vorwürfe, Prozesse und Urteile" im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch anwendbar. Zudem dürfen mutmaßliche Opfer von sexuellem Missbrauch gemäß der päpstlichen Anordnung nicht zum Schweigen verpflichtet werden.

Kirchenvertreter begrüßen Entscheidung

Kirchenvertreter begrüßten die erhebliche Lockerung des Geheimhaltungsgebots im Vatikan. Der Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, nannte den Schritt eine "epochale Entscheidung", die Hindernisse bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen beseitige. Mit der Verfügung werde "Transparenz auf höchster Ebene" im Vatikan geschaffen, sagte Scicluna im Interview mit Vatican News. Magnus Lux von der Laienbewegung "Wir sind Kirche" sagte, bisher seien Opfer vor verschlossenen Türen gestanden; keiner habe Einblicke in die kircheninternen Prozesse gehabt. Die jetzige Entscheidung habe eine große Tragweite. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster sprach von einem "substanziell positiven" Schritt, der die Beweisaufnahme nun sehr erleichtere.

Marx für großzügige Entschädigung der Opfer

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, lobte den Schritt von Papst Franziskus: "Die Instruktion ist der richtige Schritt in einem langen Prozess der Kirche, der von vielen Seiten als notwendig angesehen wurde". Dabei verwies er darauf, dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bereits bei einem Vortrag im vergangenen Jahr in Rom die Abschaffung gefordert hatte.

Kardinal Marx selbst warb heute in München für eine großzügige Regelung bei der Entschädigung von Missbrauchsopfern. Er hoffe, dass sich die deutschen Bischöfe bis zum Frühjahr darauf einigen, wie Missbrauchsopfer von der katholischen Kirche entschädigt werden. Bislang erhalten Betroffene als "Anerkennung zugefügten Leids" jeweils rund 5.000 Euro. Bei der letzten Tagung der Bischofskonferenz wurden Entschädigungsmodelle diskutiert, in denen Summen von bis zu 400.000 Euro ausgezahlt werden. Unter den deutschen Bischöfen ist das umstritten.

Ohne sich auf eine konkrete Summe festzulegen, warb Marx heute für eine unbürokratische Lösung, die eine deutlich "bessere Anerkennung des Leids" vorsieht.

"Ich hoffe, dass wir im neuen Jahr eine plausibiliserte Regelung bekommen und eine bessere Sichtbarkeit dessen, das wir hier mehr geben müssen. Das ist das Minimum, das ich sagen kann. Es kann nicht bei den 5000 Euro bleiben." Kardinal Reinhard Marx

Umstritten ist ebenfalls, ob die Entschädigungszahlungen aus Kirchensteuermitteln oder aus dem Vermögen der Bistümer finanziert werden sollen. Kardinal Reinhard Marx hält diese Diskussion für verfehlt. Auch das Vermögen der Kirche gehöre allen Gläubigen.

Papst sagt sexuellem Missbrauch den Kampf an

Im Mai hatte Franziskus historisch bewertete Normen erlassen, in denen Mitarbeiter der Kirche dazu verpflichtet wurden, ihren Vorgesetzten Fälle von sexuellem Missbrauch zu melden.

In Europa und den USA wurden seit der Jahrtausendwende massenhaft Fälle des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche bekannt. Papst Franziskus hat den Kampf gegen den sexuellen Missbrauch innerhalb der Kirche zu einer Priorität seines Pontifikats erklärt. Schon Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. kündigte totale Transparenz an, was viele Kritiker aber immer noch nicht für durchgesetzt halten.