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"Wer sich nicht zu seinen Taten bekennt und keine Reue zeigt, ist nicht Teil unserer Kirche. Ihm steht kein christliches Begräbnis zu." So äußerte sich Papst Franziskus am 17. November 2017. Da war der "Schlächter", wie er in Mafiakreisen genannt wurde, der ehemalige Pate der sizilianischen Cosa Nostra, Toto Riina, erst wenige Stunden zuvor im Gefängniskrankenhaus von Perugia gestorben.

Eine Begnadigung gab es also bis zum Schluss nicht. Im Gegenteil, Toto Riina war quasi exkommuniziert. Seine Schuld an hunderten Mordaufträgen war erwiesen, er war zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt worden. Er aber bestritt, damit etwas zu tun zu haben und bezeichnete sich als "treudienenden Christen", der der Kirche "zeitlebens spendabel zur Seite stand". Bereut hat er nie.

Don Luca Leon lobt Papst Franziskus für seinen Kampf gegen die Mafia

Für Don Luca Leon, Pfarrer der San Leoluca Kirche in Corleone, ist das typisch: "Mafiosi stellten sich gerne als Wohltäter eines Ortes dar und finanzierten oft die Stadt- oder Dorffeste zu Ehren ihrer Schutzpatrone. Es war ihnen wichtig, sich als glaubensstarke und mit der Religion verwurzelte Personen darstellen zu können. Auch wenn sie einen Lebenswandel führten, der in Opposition zum Evangelium stand." Inzwischen sei das Verhältnis zwischen Mafia und Religion nicht mehr ganz so eng. Kirche und Politik hätten sich entwickelt. Nach Meinung des jungen, weltoffenen Pfarrers ist das auch Papst Franziskus' Verdienst.

"Ich denke zum Beispiel an seine Predigt 2014 in Kalabrien, wo die N’drangheta – ein anderer Begriff der lokal fungierenden Mafia – nach wie vor großen Einfluss ausübt. Seilschaften, Betrügereien, Korruption, Morde zeichnen diese Organisation aus. Und als sich Papst Franziskus offen gegen diesen verbrecherischen Bund aussprach, war das sehr couragiert von ihm. Er sprach von Exkommunikation. Exkommunikation ist kein juristischer Akt! Ein Urteil zu fällen, bezieht sich allein auf ein fortlaufendes Fehlverhalten gegenüber christlicher Gesetzesregelung. Papst Franziskus bekannte sich zum Kampf gegen die Mafia und stellte sich damit schützend vor die Gemeinde Gottes." Pfarrer Don Luca Leon über Papst Franziskus

Ähnlich sieht es auch Don Francesco Carlino, Pfarrer im Städtchen Prizzi: Wer sich Gewalt, Unterdrückung, Mord und Totschlag verschreibe, entziehe sich bewusst der Gemeinschaft mit Gott und exkommuniziere sich selbst, "weil du bewusst Dingen nachstellst, die kriminell sind".

Dreimal hat Bischof Pennisi öffentliche Begräbnisse verwehrt - und Morddrohungen kassiert

Formell braucht es die Genehmigung zweier Institutionen, wenn ein öffentliches Begräbnis verboten werden soll: Der Bischof entscheidet über den kirchlichen Bereich, das Polizeipräsidium über Straßen und Plätze. Als Bischof hat Monsignore Michele Pennisi bereits drei Mal ein solches Begräbnis von Mafiabossen verwehrt. Die Leichen werden dann direkt zum Friedhof gebracht - ohne großes Aufsehen. "Falls die Angehörigen einen Priester, um ein Gebet bitten, so sollte er sich dem nicht entziehen, vorausgesetzt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das gehört zu unserer Trauerarbeit, die wir den Angehörigen nicht verwehren wollen. Dem Verstorbenen selbst wird hingegen keine letzte Ehre zuteil, denn er hat sich nicht nur gewaltig vor Gott, sondern auch an der Menschheit versündigt." Die erste Todesdrohung erhielt Pennisi im Jahr 2007.

Am 26. Januar fand in Corleone ein Gedenkgottesdienst statt. Zu Ehren zweier – genau vor 40 Jahren von der Mafia hingerichteter Personen. In der Folgenacht wurden gegen drei morgens in unmittelbarer Nähe der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz – in Florenz, nicht in Palermo! – mehrere Graffiti unter Mithilfe einer vorgefertigten Schablone mit feuerroter Farbe an historische Mauern und Wände gesprüht. Zu sehen war ein jedermann vertrautes, übergroßes Konterfei: Toto Riina! Darunter zwei Worte: "Santo, subito!" Heiligsprechung sofort! Die Mafia hatte also das Weite gesucht.

Autoren

Jasper Ruppert

Sendung

B5 aktuell vom 01.04.2018 - 18:15 Uhr