BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

"Panik auf der Titanic?" Nervosität bei SPD-Bundestagsfraktion | BR24

© BR24

Die Gretchen-Frage der SPD: Raus aus der Großen Koalition oder nicht? Was passiert, wenn doch, und was bedeutet das für die eigene Existenz? Einige haben bereits die Notbremse gezogen - und fahren mit dem neu eingeschlagenen Weg sichtlich gut.

21
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Panik auf der Titanic?" Nervosität bei SPD-Bundestagsfraktion

Die Gretchen-Frage der SPD: Raus aus der Großen Koalition oder nicht? Was passiert, wenn doch, und was bedeutet das für die eigene Existenz? Einige haben bereits die Notbremse gezogen - und fahren mit dem neu eingeschlagenen Weg sichtlich gut.

21
Per Mail sharen
Teilen

Einer ist schon weg: Burkhard Lischka, 54, Sachsen-Anhalt. Burkhard Lischka ist ein jovialer Mann, offen, zugänglich, und: überzeugter Sozialdemokrat.

"Wenn es die SPD nicht mehr gibt, dann fehlt wirklich etwas in diesem Land, glaube ich." Burkhard Lischka

Das sagt Lischka in seinem Notar-Büro in Haldensleben, Sachsen-Anhalt, etwa zwei Stunden westlich von Berlin. Noch gibt es die SPD, aber Burkhard Lischka hat sich herausgezogen. Seit dem 14.10.2019 ist er kein Bundestagsabgeordneter mehr. Aus. Ende. Vorbei. Plötzlich entdeckte er ein Leben neben der Politik und unendlich viel freie Zeit.

"Ich kann mich erinnern an mein erstes freies Wochenende. Ich habe zwei Stunden lang mein Auto geputzt und war dann drei Stunden lang im Supermarkt einkaufen und hab mir erstmal wieder die Regale angeschaut. Das sind Dinge, die man wieder genießt, wenn man aus der Politik raus ist." Burkhard Lischka

Die SPD – ein sinkendes Schiff?

Autos wienern und Regale betrachten haben mehr Zukunft als die SPD. Kein Wunder, dass Lischkas Genossinnen und Genossen ihm seinen Rückzug, den er bereits Anfang Januar verkündet hatte, übelgenommen haben. Aber auch Lischka hat mit sich gehadert, erzählt er.

"Ja, ich muss sagen, das ist natürlich bei vielen so angekommen nach dem Motto: Die ersten verlassen das sinkende Schiff. Das hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht, weil mir das fern lag, dass Menschen so meinen Weggang deuten. Da kann man beteuern, dass das immer der Plan gewesen ist, nicht bis zur Rente in der Berufspolitik zu bleiben. Aber das wird einem sehr schnell vorgeworfen und dieser Vorwurf hat mich auch durchaus manche Woche, manchen Tag beschäftigt.“

Das Schwergewicht: Sigmar Gabriel, 60, Niedersachsen

Lischka hat seinen Rückzug lange geplant, wie auch Sigmar Gabriel, der per Twitter Ende September verkündete, er habe sich für ein Leben jenseits der Politik entschieden.

"Liebe Freunde, ich bin vor ein paar Tagen 60 Jahre alt geworden, und rund um diesen Geburtstag hab ich mich gefragt, wie ist das so mit der letzten Runde, die man so dreht im Leben, und ich hab mich entschieden, dass ich Anfang November dieses Jahres deshalb mein Mandat im deutschen Bundestag aufgeben werde, um nochmal die Chance zu nutzen, mit 60 ein paar neue Dinge zu machen, die man wahrscheinlich mit 63, 64, 65 nicht mehr machen könnte.“ Sigmar Gabriel

Nicht alle Genossen beweinen den Abschied von Sigmar Gabriel. Martin Burkert etwa, Chef der bayerischen SPD-Abgeordneten, ruft ihm ungewohnt schmallippig hinterher.

"Bei Sigmar Gabriel ist es wohl so, dass er so viele Termine hat, dass er kaum mehr in den Deutschen Bundestag kommt und deshalb auch schon öffentlich gerügt worden ist, weil er bei so vielen namentlichen Abstimmungen gefehlt hat. Da hat er sich jetzt auch für einen anderen Weg entschieden und das hat man zu akzeptieren.“ Martin Burkert, SPD

Burkert werden ebenfalls Abwanderungsgedanken nachgesagt. Kein Wunder. Es ist kein Geheimnis, dass mit der SPD derzeit kein Blumentopf, geschweige denn ein Bundestagsmandat zu gewinnen ist; in Bayern noch weniger als im Rest der Republik.

Existenzsorgen bei den Mitarbeitern in der Fraktion

Die allgemeine Nervosität betrifft aber nicht nur Abgeordnete, sondern besonders deren Arbeitsumfeld, auch Burkhard Lischka hat das gespürt.

"Es geht ja nicht nur um Abgeordnete, es geht um Mitarbeiter in den Fraktionen. Das ist natürlich auch spürbar, dass viele Mitarbeiter um ihren Job zittern.“ Burkhard Lischka

Lischkas Mitarbeiter haben alle einen neuen Job bekommen. Keiner ist arbeitslos geworden. Treibt ihn das eigentlich um, diese Flucht aus der Fraktion? Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, Carsten Schneider, wiegelt ab.

"Es ist, glaube ich, normal, dass man nicht sein ganzes Leben in der Politik verbringt, sondern auch einen Wechsel hat. Und es kommen auch wieder spannende neue Kollegen nach. Niemand ist unersetzbar.“ Burkhard Lischka

Schneider hegt keine Abwanderungsgedanken, er bleibt. Sagt er. Zumindest bis die große Koalition am Ende ist. Wann auch immer.