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Pandemie in Norditalien: Angehörige von Corona-Toten klagen an | BR24

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Bildrechte: pa / dpa / Claudio Furlan

Angehörige von Corona-Toten klagen an

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Pandemie in Norditalien: Angehörige von Corona-Toten klagen an

Die Angehörigen zahlreicher in Italien an Covid-19 Gestorbener erheben schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Sie vermuten Versagen und Fahrlässigkeit und fordern Antworten. Heute stellten sie Strafanzeige gegen Unbekannt.

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Von
  • Elisabeth Pongratz

Ein Mann mit Brille lacht in die Kamera, in seinen Armen Enkel und Enkelin. Ein Bild mitten aus dem Leben, ein glückliches Bild. Im Facebook-Account der Gruppe "Noi denunceremo" - "Wir klagen an" - haben Mitglieder Fotos wie dieses gepostet, genauso wie die Leidensgeschichten ihrer Angehörigen.

Alles Wissenswerte über das Coronavirus finden Sie hier.

Die Lombardei als Brennpunkt

Mehr als die Hälfte aller Toten, die in Italien am Coronavirus gestorben sind, stammen aus der Lombardei. Bis heute sind es mehr als 16.300. Die Apothekerin Cristina Longhini aus Bergamo hat ihren 65- jährigen Vater verloren.

Anfang März wurde er krank, allmählich ging es ihm immer schlechter. "Da hat uns das Gesundheitsamt gesagt: ´Was können wir tun, gnädige Frau? Kontaktieren Sie den Hausarzt.´Verzweifelt habe ich die 118 angerufen, die Covid-Notrufnummer, doch die Antwort war, sie können nicht kommen, solange mein Vater keine Atemnot hätte."

"Wir wollen wissen, ob es Verantwortliche gibt"

Tagelang, so schildert sie in einer virtuellen Pressekonferenz, sei niemand gekommen. Bis sich sein Zustand erheblich verschlimmerte. Doch dann war auf der Intensivstation nichts mehr frei, ihr Vater starb. Cristina musste ins Krankenhaus, um ihn zu identifizieren. Dabei habe man ihr einen Müllbeutel gegeben, mit zwei seiner Kleidungsstücke, darunter ein blutiges Unterhemd.

"Ich weiß leider nichts über meinen Vater. Ich weiß nicht, ob er bei Bewusstsein war, ob er nach uns gefragt hat. Der Blutfleck hat mir sehr zu denken gegeben." Cristina Longhini

"Es geht um Gerechtigkeit"

Viele Hinterbliebene sind wütend, mehr als 56.000 haben sich inzwischen der informellen Gruppe angeschlossen. Auch Bürger, die nicht unmittelbar betroffen sind. Stefano Fusco hat mit seinem Vater das Komitee "Noi denunceremo" gegründet.

Es gehe nicht um Rache, erzählt er: "Es geht um Gerechtigkeit. Wir wollen keine Entschädigungen, auch weil uns selbst alles Gold der Erde das nicht zurückgeben könnte, was Covid uns genommen hat." Es gehe um die Wahrheit:

"Wir wollen wissen, ob es Verantwortliche gibt, ob leichtfertig entschieden wurde. Das treibt uns an." Stefano Fusco

Die Regionalregierung zeigt nach Rom

Dabei kritisiert Fusco nicht einzelne Ärzte oder Schwestern, sondern die Handhabung der Krise im Allgemeinen. Bis die Staatsanwaltschaft nicht festgestellt habe, ob es Verantwortliche gebe, gebe es nur Meinungen, sagt Fusco. Aus seiner Sicht gibt es nicht den einen Verantwortlichen: "Das kann von dem Leiter eines Gesundheitsamtes bis zum Präsidenten einer Region oder dem Gesundheitsminister gehen."

Schon früh war in der Lombardei Kritik laut geworden, dass man die Orte mit den meisten Corona-Infizierten nicht früh genug abgeriegelt habe. Die Regionalregierung, in der Händen der Lega-Partei, schiebt die Vorwürfe nach Rom weiter. Dort hätte man die Entscheidung treffen müssen.

Der Bürgermeister von Bergamo, Giorgio Gori, Mitglied des sozialdemokratischen Partito Democratico, äußert Verständnis für die Hinterbliebenen. Er hätte sich gewünscht, dass ein Untersuchungsausschuss, wie er auf regionaler Ebene beschlossen war, eine Antwort gegeben hätte, sagt Gori: "Dann macht auch die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit. Aber ich hätte mir gewünscht, dass die Politik dem nachgegangen wäre, was passiert ist, den Fehlern nachgegangen wäre." Bisher sei er jedoch nicht zustande gekommen.

Anzeigen gegen Unbekannt

Bei der Aufarbeitung der Corona-Katastrophe spielt auch stets parteipolitisches Kalkül eine Rolle, die Verantwortung wird oftmals hin und her geschoben. Die Leidtragenden, die Hinterbliebenen haben heute zum "Denuncia Day" aufgerufen. In Bergamo protestieren sie auf der Piazza Dante, direkt vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft. Dabei erstatten sie 50 Strafanzeigen, symbolisch, gegen Unbekannt. Sie wollen Antworten auf ihre Fragen.

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