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Overtourism: So reagieren Europas Top-Reiseziele | BR24

© picture-alliance/dpa/mirafoto

Mit Touristen voll besetzter Strand, Playa Levante, in der Hochsaison in Benidorm, Costa Blanca, Spanien, Europa

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Overtourism: So reagieren Europas Top-Reiseziele

Die Zahl der Touristen steigt seit Jahren, vor allem touristische Hotspots leiden unter dem Besucheransturm - und ziehen ihre Konsequenzen. Eintrittsgelder, Verbote und Apps: So muss man sich künftig für einen Besuch in Venedig sogar voranmelden.

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Riesige Kreuzfahrtschiffe, die dem fragilen Fundament der Lagunenstadt schaden, Touristenmassen, die sich durch enge Gassen drängen: Im Sommer 2017 demonstrierten mehrere tausend Venezianer gegen die "Enteignung" ihrer Stadt durch den Massentourismus - und gingen dabei im Trubel der Touristen beinahe unter.

Reisezahlen steigen

Die Zahl der Touristen steigt seit Jahrzehnten. Im Jahr 2017 wurden nach Angaben der World Tourism Organisation UNWTO weltweit mehr als 1,3 Milliarden grenzüberschreitende Reiseankünfte gezählt. 1950 waren es noch 25 Millionen. Die Deutschen sind ganz vorne mit dabei: Gemeinsam mit China und den USA war Deutschland 2017 eines der Länder mit den höchsten internationalen Tourismusausgaben. Besonders touristische Hotspots leiden zunehmend unter dem Besucheransturm.

Tourismus als Gefahr für Natur und Kultur

Die Probleme sind vielschichtig: Nicht nur die Bewohner touristischer Hotspots sind zunehmend verärgert, durch zu viele Touristen verschlechtert sich auch das Besuchererlebnis für Urlauber. Die örtliche Infrastruktur wird überlastet, Natur und Kultur leiden.

Venedig kostet Eintritt

Venedig hat inzwischen Konsequenzen gezogen: Den größten Kreuzfahrtschiffen soll die Zufahrt verweigert werden. Tagestouristen, die über Venedigs Brücken flanieren wollen, müssen schon seit Mai einen Obulus von drei Euro entrichten. Im nächsten Jahr steigt der Eintritt auf sechs Euro Eintritt. Danach - je nach Ansturm - auf bis zu zehn Euro. Es sei enorm teuer, Venedig instand und sauber zu halten. Dazu müssten auch Besucher ihren Beitrag leisten, so begründete Bürgermeister Luigi Brunaro die Maßnahme.

Ab dem Jahr 2022 sollen Tagestouristen ihren Venedig-Trip sogar vorab buchen. Ohne Vorverkaufsticket müsse man zwar nicht draußen bleiben, der Besuch werde aber komplizierter.

"Tourists go home": Einheimische Venezianer werden verdrängt

Die Mietpreise sind für viele Einheimische längst unbezahlbar geworden, viele Venezianer wurden durch den Massentourismus verdrängt. In den 1950er Jahren lebten etwa 150.000 Menschen dauerhaft in der Unesco-Welterbestadt - inzwischen ist es nur noch ein Drittel. Genauso viele, etwa 52.000 Besucher, könnte das Stadtzentrum laut einer Studie der venezianischen Universität Ca‘ Foscari pro Tag aushalten. Das wären 19 Millionen Menschen pro Jahr. De facto kommen aber jährlich mehr als 30 Millionen Touristen, Tendenz steigend. An venezianischen Hauswänden finden sich Graffitis mit dem Schriftzug "Tourists go home".

1.000 Euro Strafe für Kaffee kochen

Venedig geht deswegen schon länger strikt gegen Touristen vor, die sich danebenbenehmen oder an historischen Plätzen picknicken. Erst Mitte Juli mussten zwei Touristen aus Berlin fast 1.000 Euro Strafe bezahlen, weil sie sich einen Kaffee am Fuße der Rialtobrücke in Venedig gekocht hatten.

Philippinen: Insel vorübergehend geschlossen

Der Philippinische Präsident griff im April 2018 zu einer drastischen Maßnahme: Weil das Meer durch Abwässer von Hotels und Restaurants stark verschmutzt war, schloss er kurzerhand die Insel Borocay sechs Monate lang für alle Besucher. Die Schließung wurde laut Regierung für den Ausbau der Infrastruktur genutzt. Seit Oktober 2018 ist die Insel wieder geöffnet. In Thailand ist der aus dem Hollywood-Film "The Beach" bekannte Traumstrand Maya Bay aktuell auf unbestimmte Zeit geschlossen, damit sich das umliegende Korallenriff regenerieren kann.

Dubrovnik und Santorini wollen weniger Kreuzfahrtgäste

Neben Venedig leiden auch andere europäische Metropolen unter dem Massentourismus und ziehen ihre Konsequenzen. Im August 2017 kündigte die kroatische Stadt Dubrovnik einen Zweijahresplan an, um die Zahl von 10.000 Kreuzfahrtgästen täglich zu halbieren. Die Unesco hatte bereits erwogen der Stadt den Titel "Weltkulturerbe" zu entziehen. Zuvor hatten Wissenschaftler errechnet, dass die schmalen Gassen der Stadt maximal 8.000 Touristen pro Tag verkraften könnten.

Und auch die griechische Insel Santorini führte im Mai 2018 aufgrund von Überfüllung, Staus und steigendem Wasser- und Energieverbrauch eine tägliche Obergrenze für die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere ein.

© BR

Nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe pro Tag dürfen in Kroatiens Stadt Dubrovnik anlegen. So soll das UNESCO-Weltkulturerbe vor den Touristenmassen geschützt werden. Reporter Christian Limpert war für das ARD-Morgenmagazin vor Ort.

Amsterdam: Strafen, Vorschriften, Gebühren

Urlauber in Amsterdam müssen sich einschränken und bei Verstößen blechen. Führungen durch das Rotlichtviertel De Wallen sind ab kommendem Jahr 2020 komplett verboten. Die Begründung der Stadtverwaltung: Die Touren seien den Prostituierten gegenüber nicht respektvoll. Kreuzfahrt-Passagiere, die in Amsterdam an Land gehen, müssen seit diesem Jahr pro Tag und Kopf acht Euro Steuern zahlen. Und Alkohol trinken auf der Straße, Unrat auf die Straße werfen und Wildpinkeln kann in Amsterdam teuer werden. Die Strafen kassieren Ordnungshüter an Ort und Stelle - per Kartenlesegerät.

Mallorca will Besucherströme entzerren

Mallorca leidet vor allem in den Sommermonaten unter Touristenmassen. Am Partystrand Ballermann hat man die Vorschriften noch verschärft: Alkohol gibt’s nur noch im Lokal, auf der Straße darf nicht getrunken werden. Auch Werbung für Alkohol und "Happy Hours" mit Billig-Drinks sind verboten.

Viele Mallorca-Urlauber sind außerdem mit dem Mietwagen auf der Insel unterwegs, Verkehrsprobleme sind in der Hauptsaison die Regel. Die Zufahrt zum bekannten Kap Formentor bleibt deswegen zwischen 15. Juni und 15. September für Privatautos gesperrt, Besucher können mit Bussen pendeln.

Die Baleareninsel will außerdem den weniger trubeligen Osten der Insel bekannter machen. Dort entsteht etwa ein neuer Fernwanderweg. Außerdem versucht man die Saison zu entzerren und mehr Besucher in die Nebensaison anzulocken.

Berlin: per App in die Außenbezirke

Berlin liegt inzwischen mit über zwölf Millionen Besuchern auf Platz drei der europäischen "City-Destinationen" - nur London und Paris locken in absoluten Zahlen mehr Besucher an. Die Zahl der Ankünfte hat sich von 1992 bis 2017 mehr als verdoppelt, darum bemühen sich die Berliner Tourismusplaner nun, die Besucherströme per App gezielt in die Außenbezirke zu lenken.

In Deutschland ist die Hauptstadt das beliebteste Städtereiseziel: 2018 verbuchte man 33 Millionen Übernachtungen, seit 2003 hat sich die Zahl fast verdreifacht.

Nebensaison wird attraktiver

Laut einer von der Hochschule Kempten in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsunternehmen GfK SE durchgeführten Umfrage überlegt bereits jeder Vierte, seinen Urlaub in weniger überlaufenen Zielen zu verbringen, 46 Prozent können sich vorstellen, auf die Nebensaison auszuweichen.

© BR

Touristenzahlen im Jahr 2017