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Organspendeausweis in einem Portemonnaie
© picture alliance / blickwinkel
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Organspendeausweis in einem Portemonnaie

Bayern 2-radioWelt: Wenn jemand zu Lebzeiten nie aktiv ja gesagt hat zur Organspende, warum sollten ihm dann Organe entnommen werden dürfen?

Prof. Eckhard Nagel, Chirurg und Transplantationsmediziner, Direktor am Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften, Universität Bayreuth: Wir haben eine Situation, wo die Organspende etwas ist, was nicht nur uns als einzelne Person betrifft, sondern auch als Gesellschaft. Wir haben gesellschaftlich einen Mangel. Das bedeutet, dass in den Transplantationszentren viele Menschen warten, die kein Organ bekommen. Und was bedeutet es, kein Organ zu bekommen? Es bedeutet zu sterben - an einer Erkrankung, die man vielleicht von Geburt an hat oder die man sich im Laufe des Lebens akquiriert hat. Die Frage also ist: Ist die Gesellschaft mitverantwortlich für diese Personen? Und deshalb diskutieren wir das nicht nur auf der individuellen Ebene - also: Geht das mit meinen Organen? – sondern auch als Gesellschaft. Und deshalb glaube ich, ist es sehr wohl möglich, als Gesellschaft auch eine Zustimmung zu dem Thema Organspende zu finden. Und deshalb ist es in meiner Formulierung keine Widerspruchslösung, wie Herr Spahn es heute vorstellt, sondern eine gesellschaftliche Zustimmungslösung.

Bayern 2-radioWelt: Es wird auch in Zukunft Menschen geben, die sich mit der Frage der Organspende nicht auseinandersetzen wollen oder die es versäumen, ihren Widerspruch eintragen zu lassen. Hätten Sie ein moralisches Problem, jemandem Organe zu entnehmen, der das vielleicht nie gewollt hätte?

Eckhard Nagel: Wir haben als nationaler Ethikrat 2007 formuliert, dass es eine moralische Pflicht gibt, sich zu entscheiden. Es gibt keine moralische Pflicht, ein Organ zu spenden. Sondern jeder muss selbst für sich entscheiden: Ist das für mich richtig oder stimmt es für mich nicht? Und es kann gute Gründe geben, warum jemand glaubt, dass er das nicht machen möchte. Diese persönliche Entscheidungsfreiheit darf nicht eingeschränkt sein.

Bayern 2-radioWelt: Sie wollen Menschen sozusagen zwingen, sich zu entscheiden - mit dem Druckmittel: "Wenn ihr euch nicht entscheidet, seid ihr automatisch Spender!"

Eckhard Nagel: Wir "zwingen" die Menschen ja auch dazu, in einer Krankenkasse zu sein, oder eine Haftpflichtversicherung zu haben, wenn sie Auto fahren. Und zwar deshalb, weil wir sagen, da passiert etwas, was die Gesellschaft, was andere Menschen unter Umständen schützen soll. Und deshalb glauben wir, dass es richtig ist, dass wir uns gesellschaftlich entscheiden. Das ist genau die gleiche Situation.

Hier kann ich auch als Einzelperson auf jeden Fall sagen: "Ich möchte keine Organe spenden!" - wie auch heute. Und wenn ich Herrn Spahn richtig verstanden habe, dann ist es ja auch so, dass neben der gesellschaftlichen Zustimmung - also, dass wir alle Organspender wären, wenn wir nicht Nein sagen - dass es noch die nötige Frage an die Angehörigen gibt: Gab es denn bei der betreffenden Person einen Widerspruch zu Lebzeiten? Also auch diese Sicherheit ist noch einmal gegeben. Ich sehe nicht, dass hier jemand gegen seinen Willen "aus Versehen" Organspender wird.

Was würde sich durch die Widerspruchslösung ändern?

Was würde sich durch die Widerspruchslösung ändern?