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Organspende: Kommt die Widerspruchslösung? | BR24

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will, dass künftig jeder zum Organspender wird, der dem zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. Nun bekommt er Gegenwind von zwei Amtsvorgängern. Eine Betroffene mit Spenderherz verfolgt die Debatte genau.

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Organspende: Kommt die Widerspruchslösung?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will, dass künftig jeder zum Organspender wird, der dem zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. Nun bekommt er Gegenwind von zwei Amtsvorgängern. Eine Betroffene mit Spenderherz verfolgt die Debatte genau.

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Merle Holst sieht man nicht an, dass in ihrer Brust das Herz eines verstorbenen Menschen schlägt. Eine Herzmuskelentzündung hatte das Herz der jungen Frau vor vier Jahren so stark geschädigt, dass sie dringend eine Organspende brauchte. Sie habe Glück gehabt, sagt die 19-Jährige. Denn als Kind habe sie auf der Warteliste Vorrang gehabt: "Ich hatte eine sehr kurze Wartezeit von einer Woche", sagt Merle Holst, "aber das ist natürlich bei weitem nicht die Regelzeit".

Viele Menschen sterben, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ bekommen

Viele Patienten müssen Jahre warten, im Schnitt sterben pro Tag drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ bekommen. Merle Holst kämpft deshalb dafür, dass jeder automatisch zum Organspender wird, außer er hat zu Lebzeiten Nein gesagt. Sie ist also für die sogenannte Widerspruchslösung, für die sich auch Bundesgesundheitsminister Spahn stark macht.

Gröhe: Widerspruchslösung verstößt gegen Grundgesetz

Die junge Frau kann nicht verstehen, dass die früheren Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe von der CDU und Ulla Schmidt von der SPD das nicht wollen. Sie hört aufmerksam zu, während die beiden Politiker ihre Haltung erläutern.

Aus Sicht des Ex-Ministers Gröhe verstößt es gegen das Grundgesetz, konkret gegen das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und körperliche Unversehrtheit, wenn jemand automatisch zum Organspender wird, obwohl er nicht zugestimmt hat. Schon im Begriff Organspende komme zum Ausdruck, dass dem eine Entscheidung zu Grunde liege, sagt Gröhe:

"Eine Spende ist nicht etwas, was von meinem Konto abgebucht wird, es sei denn, ich widerspreche, sondern eine Spende setzt Entscheidung voraus." Hermann Gröhe (CDU), Ex-Bundesgesundheitsminister

In Bayern warten 1.400 Patienten auf ein Organ

Bedingung für eine Organentnahme ist der Hirntod eines Patienten. Nach Angaben der Stiftung Organtransplantation haben Mediziner im vergangenen Jahr in Deutschland etwa 1.400 hirntote Menschen als mögliche Organspender identifiziert. Es warten aber viel mehr Menschen auf ein Organ. Bundesweit etwa 9.500, allein in Bayern derzeit etwa 1.400 Patienten. Bis Ende Juli wurden in diesem Jahr laut bayerischem Staatsministerium für Gesundheit die Organe von 72 hirntoten Menschen gespendet.

💡 Was bedeutet hirntot?

Voraussetzung für eine Organspende ist, dass der Hirntod eines Menschen festgestellt wird. Dies geschieht in einem aufwendigen Verfahren. Mit dem unumkehrbaren Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) ist der Tod des Menschen eingetreten. Auf den Hirntod folgen unweigerlich der Herzstillstand und der Ausfall aller übrigen Organe.

Wenngleich durch maschinelle Beatmung und Medikamente der Kreislauf und damit die Sauerstoffversorgung der Organe für eine gewisse Zeit künstlich aufrechterhalten werden können, ist eine Rückkehr ins Leben ausgeschlossen. (Erklärt von Petra Zimmermann, BR24)

Abläufe in Kliniken verbessern

Aus Sicht der beiden früheren Gesundheitsminister Gröhe und Schmidt müssen vor allem die Abläufe in Kliniken besser werden. Hier setzt ein Gesetz an, das im April in Kraft getreten ist. Es schreibt vor, dass Kliniken den Transplantationsbeauftragten mehr Zeit einräumen müssen, damit die Ärzte mögliche Organspender ausfindig machen und mit den Angehörigen sprechen können. Der Stiftung Organtransplantation liegen keine konkreten Daten dazu vor, wie viele potenzielle Organspender gar nicht erst gemeldet werden.

Ex-Ministerin Schmidt ist allerdings skeptisch, ob die Regelung ausreicht: Konkret sollen Kliniken je 100 Intensivbehandlungsbetten eine volle Stelle für einen Transplantationsbeauftragten einrichten. Also pro zehn Betten 0,1 Stellen. "Ob die 0,1 ausreichen, das werden wir dann sehen müssen", sagt Schmidt: "Ich hätte mir gewünscht, dass wir seit dem ersten April, statt die Diskussion über die Widerspruchslösung zu führen, darüber diskutiert hätten: Wie wird das denn jetzt umgesetzt vor Ort?"

Bürger sollen regelmäßig befragt werden

Schmidt und Gröhe wollen auch erreichen, dass mehr Menschen Organspender werden. Alle Bürger sollten aus ihrer Sicht regelmäßig dazu befragt werden. Etwa beim Abholen der Ausweispapiere. Zudem soll der Hausarzt seine Patienten regelmäßig über die Organspende beraten. Das sieht ein Gesetzentwurf vor, den eine Reihe von Abgeordneten aus Union, SPD, FDP, Linken und Grünen erarbeitet hat – als Gegenentwurf zu der von Spahn favorisierten Widerspruchslösung. Merle Holst ist nicht überzeugt, dass das ausreicht. Sie erwartet von den Bundestagsabgeordneten, "genau zu reflektieren, ob nicht viel eher die Widerspruchslösung auch Erfolge und Veränderungen bringen kann".

Bundestag entscheidet ohne Fraktionszwang

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) ist noch unentschlossen, ob sie hinter dem Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn steht. Die CSU-Politikerin sagt, ihr sei wichtig, dass "ein solcher Weg auf Zustimmung in der Bevölkerung stößt".

Die Bundestagsabgeordneten werden voraussichtlich im Herbst darüber entscheiden. Ohne Fraktionszwang, das heißt frei nach ihrem Gewissen und nicht entsprechend ihrer Parteizugehörigkeit. Dabei werden diese Fragen im Mittelpunkt stehen: Was wiegt schwerer, die Unversehrtheit des Körpers oder die Not der Kranken? Und welche Regelung ist besser, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen? Der Ausgang ist offen – die Gräben gehen durch die Fraktionen.