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Kirchen gegen Spahns Widerspruchslösung

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Organspende: Kirchen gegen Spahns Widerspruchslösung

Mehr als 9.000 Menschen warten derzeit in Deutschland auf ein Spenderorgan, doch es gibt zu wenig Spender. Durch die von Jens Spahn (CDU) eingebrachte Widerspruchslösung soll das in Zukunft besser werden. Die Kirchen sehen dabei ethische Probleme.

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Ein Mensch hat sich nie Gedanken zur Organspende gemacht, nicht entschieden, ob er es will oder nicht - er verunglückt, ist hirntot und wird dann automatisch Organspender. Schweigen würde nach der Idee von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, anders als bisher, als Zustimmung gewertet werden. Das wäre der Fall, wenn sich Deutschland bei der Organspende für das sogenannte Widerspruchsmodell entscheidet.

Kirchen gegen Widerspruchsmodell

Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche befürwortet die Organspende, aber beide sprechen sich vor der heutigen Abstimmung deutlich gegen dieses sogenannte Widerspruchsmodell aus. Anton Losinger, Weihbischof von Augsburg und Ethik-Experte, hat selbst einen Organspendeausweis. Aus Sicht der Kirchen sei eine freiwillige Zustimmung zur Organspende ethisch korrekter, weil eine Spende nur dann eine Spende sei, wenn sie freiwillig geschehe. Die freie Zustimmung sei etwas ganz wichtiges. "Und deswegen ist sehr leicht zu erkennen, dass die Kirchen nicht für die Widerspruchslösung sind, sondern für die erweiterte Zustimmungslösung und für die Informiertheit der Menschen in diesem Land."

Kirchen haben rechtliche Einwände

Die beiden Kirchen haben bei der sogenannten Widerspruchslösung aber nicht nur ethische Bedenken, sondern auch rechtliche Einwände, wie Weihbischof Losinger ausführt. "Bei der Widerspruchslösung wäre es so, dass der eigene Leib im Zeitpunkt des Todes nicht mehr verfügbar ist und von Staat weitergegeben wird und nur durch einen Widerspruch könnte man das Eigentum am eigenen Leib aufrecht erhalten." Damit wäre es der einzige Rechtsbereich im Schatten des Grundgesetzes, wo nur durch einen Widerspruch das Eigentumsrecht aufrecht erhalten würde, betonte der Weihbischof.

Der evangelische Theologe und Vorsitzende des deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, teilt diese Skepsis gegenüber der Widerspruchslösung. Organspende müsse und solle eine solidarische Aktion sein mit schwerstkranken Menschen. Er halte es für übergriffig, wenn der Staat das Recht erhalte, Schweigen als Zustimmung zu deuten, so Dabrock.

Angehörige unter Umständen außen vor

Zudem könnte dieses Modell auch für die Angehörigen problematisch werden. Sie würden zwar gefragt, ob sie wissen, was der Verstorbene gewollt hätte, aber wenn sie es nicht sicher wissen, zählt ihr Wille nicht, so Dabrock. "Ich hoffe, dass das nie passiert, aber im schlimmsten Fall könnte das Transplantantionssystem, wenn man keine Infos gegen den Willen der Angehörigen hat, denen den Hirntoten wegnehmen und sie dadurch in ihrem Trauerprozess verletzen. Das finde ich nicht gut."

Dabrock: Transplantationssystem reformieren

Unabhängig davon wie die Abstimmung im Bundestag heute ausgeht: Für Peter Dabrock ist es positiv, dass die Organspende dadurch so viel Aufmerksamkeit erhält, denn das Thema gehöre in die Mitte der Gesellschaft. Das Modell sei zwar wichtig, aber sekundär. Viel wichtiger und unabhängig davon sei eine Strukturreform des Transplantationssystems, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende zu erhöhen.

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