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Organisierte Kriminalität: Die nigerianische Mafia in Italien | BR24

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In Castel Volturno regiere seit Jahren die nigerianische Mafia, berichten Aussteiger.

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    Organisierte Kriminalität: Die nigerianische Mafia in Italien

    Castel Volturno, gut zwei Stunden von Rom - einst ein Urlaubsparadies, heute das Armenhaus der Region. Wie italienische Ermittler bestätigen, verdient dort die nigerianische Mafia Millionen Euro mit Drogen- und Menschenhandel, sprich Prostitution.

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    Gut zwei Stunden südlich von Rom liegt Castel Volturno. Einst ein Urlaubsparadies, heute jedoch das Armenhaus der Region. In Castel Volturno regiere seit Jahren die nigerianische Mafia, berichten Aussteiger. Italienische Ermittler bestätigen, die Nigerianer würden mit Drogenhandel und Prostitution Millionen verdienen. Für Italien bedeutet das: ein zunehmendes Problem mit einer weiteren Form organisierter Kriminalität.

    Kriminelle Geschäfte in Castel Volturno

    Castel Volturno ist eine Kleinstadt direkt am Meer. Idyllisch gelegen und sonnenverwöhnt, mit Strand vor der Haustür. Doch der erste Eindruck ist alles andere als einladend: Heruntergekommene Häuser, ohne Fenster, der Putz blättert ab. Schimmelige Matratzen, kaputte Fernseher, Autobatterien, Plastiksäcke voller Müll am Straßenrand. Und hinter verschlossenen Türen oder an geheimen Orten werden kriminelle Geschäfte gemacht, im großen Stil.

    Davide hat hier einige Jahre gelebt, als Mitglied der nigerianischen Mafia. Eigentlich heißt er anders. Der junge Mann will nicht erkannt werden. Er bittet für dafür um Verständnis. Ein Spaziergang durch die Stadt oder einfach mal aus dem Auto auszusteigen, das sei einfach viel zu gefährlich.

    Die Nigerianer kommen, die Italiener gehen

    Davide hatte sich in der Hierarchie weit nach oben gearbeitet. Dann konnte er die Gewalt und das Verbrechen nicht mehr ertragen und ging zur Polizei. Er war als V-Mann in Italien, aber auch in Spanien unterwegs, um Seilschaften, Geschäfte und Arbeitsweise auszuspionieren. Sprich: er entschied sich dafür, gegen die organisierte Kriminalität zu kämpfen. Er sei die erste Person, die als Kronzeuge auspacke, sagt er. Die Polizei würde sehr hart arbeiten, dass das alles aufhöre. "Aber es ist, als ob eine Ameise jede Stunde 25 Kinder kriegen würde, und wenn du eines tötest, kommen Tausende neue nach."

    Das Zentrum der nigerianischen Mafia

    Bei der Fahrt durch die Stadt erzählt Davide, dass die Gemeinde hier stetig wachse. Allerdings nur die nigerianische, während die Italiener Castel Volturno verließen. Die Stadt sei das Zentrum der nigerianischen Mafia, so der V-Mann. Es sei der einzige Ort, wo sie leben könnten, ohne kontrolliert zu werden. "In Castel Volturno gibt es viele geheime Orte, wo sie Waffen und Drogen verstecken können, sprich alles machen können, ohne dass Staat oder Polizei davon etwas mitbekommen."

    Am Strand Lager für Waffen und Drogen

    Mit dem Auto geht es über kleine Straßen mit kaputtem Asphalt und tiefen Löcher. Und durch abgelegene Gebiete - Häuser, die normalerweise nie bewohnt würden, ohne Fenster oder Türen, mit kaputten Dächern. Geheime Orte gibt es hier unzählig viele. Ruinen dominieren in Teilen der Stadt das Straßenbild. An kilometerlangen Stränden dienen verlassene Strandbäder oder Geschäfte als Lager für Drogen und Waffen.

    Während der Fahrt durch die Stadt zieht Davide die Kapuze immer mehr ins Gesicht und rutscht tiefer in den Sitz. Der junge Familienvater, der seine Landsleute verraten hat, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, ist der nigerianischen Mafia noch immer ein Dorn im Auge.

    Kriminelle Machenschaften inzwischen im ganzen Land

    Illaria Sasso del Verme ist als Staatsanwältin viele Jahre in Castel Volturno unterwegs gewesen, sie kennt die Zustände dort nur zu gut. Aber sie erzählt, dass die nigerianische Mafia längst nicht mehr nur dort regiert. Ihre kriminellen Machenschaften seien bereits im ganzen Land zu beobachten: in Kampanien, im Latium, in Piemont, Venetien und Sizilien. In diesen Gebieten hätten sich die die afrikanischen Gemeinschaften hauptsächlich niedergelassen. "Was Castel Volturno betrifft, muss man sagen, dass wir hier von einer Region sprechen, die mittlerweile seit mehreren Jahrzehnten in einem wirklich schlimmen kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Zustand ist."

    Einst war die Gegend ein Ferienparadies

    Illaria Sasso del Verme erinnert sich an goldene Zeiten in Castel Volturno: Ferienhäuser en masse, dann verbrachten amerikanische Soldaten ihren Urlaub hier. Mit dem Erdbeben in den 1980er Jahren kippte die Situation, heute ist Castel Volturno auch bekannt, aber eben in einer anderen Szene. Einst ein Ferienparadies und jetzt das Armenhaus und Zentrum organisierter Kriminalität - warum rutscht eine Region so ab? Nach den Worten der Staatsanwältin hätten die Afrikaner, die an den Küsten Siziliens und Italiens ankämen ohne die Sprache zu beherrschen dort einen "sofortigen Bezugspunkt".

    Sie beobachtete im Laufe der Zeit, wie sich drei Clans aufbauten: Vikings, Aie und Black Axt. Drei Gruppen beherrschen den Markt um Drogen und Prostitution und verdienen damit viele Millionen. Mancherorts in Castel Volturno würden nigerianische Gruppen tatsächlich in jeder Hinsicht das Gebiet beherrschen. "Das heißt: die Verwaltung der ungesetzlichen Aktivitäten ist komplett in ihren Händen. Das stellt natürlich eine gewisse Gefahr dar, nicht nur für die Opfer des Menschenhandels, sondern für alle."

    Gemeinsame Sache mit der Camorra

    Wie kann es sein, so fragt man sich, dass sich in einer Gegend in Kampanien, dem Umland von Neapel, in dem die Camorra, also die italienische Mafia, regiert, die Nigerianer so ausbreiten können? Das spricht doch dafür, dass beide Organisationen nicht nur voneinander wissen, sondern auch gemeinsame Sache machen. Die Staatsanwältin Sasso delle Verme bestätigt das. Und auch für Davide ist die Sache klar: Die nigerianische Mafia sei stark in Italien, weil sie hier willkommen sei. "Wenn ich in dein Land komme, du mir den Platz gibst, mich frei zu bewegen, ohne Kontrollen, Regeln, Vorkehrungen, dann liegt das Gesetz in meiner Hand. Wenn es irgendein Problem gibt, müssen sich nigerianische und italienische Mafia vorab beraten, um zu entscheiden, was zu tun ist."

    Nigerianische Mafia als internationales Problem

    Vor der nigerianischen Mafia kann in Italien eigentlich niemand mehr die Augen verschließen. Alle müssen längst um deren Machenschaften wissen. Denn sie schaltet und waltet, tötet Menschen und wickelt kriminelle Geschäfte im großen Stil ab - Tag für Tag.

    Inzwischen stellt die nigerianische Mafia ein internationales Problem dar. Wie alle Netzwerke des organisierten Verbrechens kennen auch die Nigerianer keine Grenzen mehr. So lange der Handel mit Kokain ein weltweit florierendes Geschäft ist, wird sich das auch nicht ändern. Die Nigerianer sehen den Erfolg - oder messen ihn in Zahlen. Nach den Worten des V-Manns wächst die nigerianische Mafia weiter. Vor 35 Jahren hätte sie in Nigeria angefangen - inzwischen sei sie auf der ganzen Welt. "Wenn du nach Kambodscha gehst, wirst du sie selbst dort finden."

    Hier gibt es die ganze Sendung zum Nachhören.

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