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Glücksspiel ist ein heikles Thema in Deutschland. Viele leiden unter Spielsucht. Jahrelang gab es keine einheitlichen Regeln und Gesetze. Bis sich die Bundesländer doch auf einen neuen Glückspielstaatsvertrag einigen konnten. Er gilt seit 1. Juli.

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Online-Glücksspiel: Wie der Staat bei der Kontrolle versagt

Glücksspiel ist ein heikles Thema in Deutschland. Nach Regellosigkeit erlaubt der neue Glücksspielstaatsvertrag nun Online-Glücksspiel. Dafür gibt es aber auch strenge Regeln zum Schutz vor Spielsucht. Doch an der Umsetzung gibt es große Kritik.

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Von
  • Sebastian Krause

Oliver ist einer von ganz wenigen, die ihre Spielsucht bisher öffentlich gemacht haben. Er war Teil einer Fernsehdokumentation in der ARD. 35 Jahre alt, groß, durchtrainiert, kurze Haare - Oliver ist Berufssoldat im Range eines Oberleutnants. Drei Auslandseinsätze in Afghanistan hat er hinter sich.

"Ich habe exzessiv im Juli 2019 damit angefangen, bei Tipico mit Sportwetten, und bis heute auf verschiedenen Sportwettseiten habe ich ungefähr 200.000 Euro verspielt," erzählt er.

Er habe komplett den Bezug zum Geld verloren, sagt Oliver. Glücksspielsucht sei ein Teufelskreis. Anfang März dieses Jahres hat er sich in einer Suchtklinik in Schleswig-Holstein in Therapie begeben.

Lizenzen für Online-Glücksspiel

Nicht nur bei den Sportwetten haben viele ihr Spielverhalten nicht mehr im Griff, sondern gerade auch bei den Online-Casinos, den virtuellen Automatenspielen. Die sind in Deutschland seit dem 1. Juli erlaubt. Nach jahrelangen Verhandlungen hatten sich die Länder auf den neuen Glücksspielstaatsvertrag geeinigt. Damit wird Online-Glücksspiel legal, der Markt geöffnet, dafür gibt es aber auch klare und strenge Regeln zum Schutz der Spieler vor Spielsucht. Dieses Versprechen hat die Politik bisher nicht gehalten, so die Kritik, die von mehreren Seiten kommt.

Suchtberater schlagen Alarm

Gunhild Scheidler ist Leiterin der Fachstelle Glücksspielsucht in der Suchtberatung der Diakonie in Bayreuth. Sie berät zwischen 70 und 100 spielsüchtige Menschen im Jahr. Die Umsetzung des neuen Glücksspielstaatsvertrags sei "ausgesprochen fragwürdig und enttäuschend", sagt Scheidler. Enttäuschend, weil einige Betroffene richtig Hoffnung geschöpft hätten, ihre Spielsucht mit dem neuen Gesetz in den Griff zu bekommen. Sie seien dann aber enttäuscht worden, weil es nach wie vor immer noch nicht überall möglich sei, sich als Spieler selber sperren zu lassen. Auch bei den Online-Sportwetten sei es schwierig.

"Ich hätte tatsächlich erwartet, nach dem großen Tam-Tam um den neuen Glücksspielstaatsvertrag, dass ich auf die Seite gehe, und als erstes gleich einen dicken Hinweis bekomme: Hier - Sperrmöglichkeit. So ist es leider überhaupt nicht." Gunhild Scheidler, Suchtberaterin

Sie habe sich erst durch sämtliche Wettangebote durchscrollen müssen, um zur Sperrmöglichkeit zu kommen, sagt Scheidler. Für Spieler sei das eine große Gefahr, weil der Spielwunsch erneut ausgelöst werden könne. In dem Fall handelte es sich laut Gunhild Scheidler um die Internet-Seite von bwin. Einer der großen Sportwetten-Anbieter, und auch Partner des Deutschen Fußball-Bundes.

bwin geht auf Anfrage nicht direkt auf die Kritik ein und antwortet, das Unternehmen habe die Anforderungen des neuen Glücksspielstaatsvertrags "im Einklang mit der von bwin gehaltenen Konzession umgesetzt."

Drogenbeauftragte beklagt mangelnde Kontrolle

Deutliche Worte kommen auch von der CSU-Politikerin Daniela Ludwig. Sie ist als Drogenbeauftragte der Bundesregierung für das Thema Glücksspielsucht zuständig.

"Man hat sich ja auf eine Aufsichtsbehörde verständigt, die man einrichten möchte, und diese Aufsichtsbehörde gibt es schlicht und ergreifend noch nicht. Das heißt, man vergibt jetzt Lizenzen, fürs Online-Glücksspiel, überprüft aber nicht, ob diejenigen, die die Lizenzen bekommen, auch sämtliche Voraussetzungen dafür erfüllen." Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung

Die neue Glücksspielbehörde, die die Kontrolle über sämtliche Bereiche zentral für ganz Deutschland übernehmen soll, wird in Halle, Sachsen-Anhalt, gerade aufgebaut. Sie soll erst zum 1.1.2023 fertig sein. Bis dahin fordert die Drogenbeauftragte Ludwig eine sofortige Übergangslösung von den Bundesländern.

"Die Länder, müssen sich jetzt kümmern. Sie haben es versäumt, die Aufsichtsbehörde an den Start zu bringen. Und jetzt muss man sich überlegen, wie man für den Übergangszeitraum meinetwegen eine Task-Force schafft, zwischen allen Bundesländern, die sich darum kümmert, dass das ordentlich läuft. Denn klar ist, wir sprechen über mehrere Hunderttausend Spielsüchtige in unserem Land, und dieser Zustand wird durch so was nicht besser." Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung

Die Bundesregierung geht derzeit von rund 450.000 Spielsüchtigen Menschen in Deutschland aus. Oft leiden auch die Familien mit. Inklusive der Angehörigen sollen es bis zu 4 Millionen Menschen sein, die direkt oder indirekt von der Glücksspielsucht betroffen sind.

Spielerschutz braucht mehr Gehör

Oliver, der Bundeswehr-Soldat, hat seine Spielsucht inzwischen im Griff. Ist spielfrei, nachdem er sich im Frühjahr in stationäre Behandlung begeben hatte. Aber auch Oliver ist der Ansicht: Durch den neuen Glücksspielstaatsvertrag hat sich bisher nicht viel geändert.

"Ja, ist schon ein heikles Thema, was mich auch sehr ärgert. Und ich hoffe weiterhin, dass da mal ein bisschen mehr Gehör gefunden wird. Und dass sich Menschen und Politiker sich damit weiter auseinandersetzen, und wirklich auch für diesen Spielerschutz einstehen." Oliver, Glücksspielsüchtiger

Mehr zum Thema: Der Funkstreifzug "Online-Glücksspiel – Wie der Staat bei der Kontrolle versagt", Mittwoch 08.09. um 12:17 Uhr in BR24 Radio.

Und als Podcast:

https://www.br.de/mediathek/podcast/der-funkstreifzug/505

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