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Oktoberfest-Attentat: Die lange Verharmlosung rechten Terrors | BR24

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Kassel, Halle, Hanau - drei rechtsextreme Anschläge innerhalb eines Jahres. Rechter Terrorismus ist wieder da, aber war er jemals weg? 40 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat finden sich erstaunliche Parallelen zwischen den Taten von heute und damals.

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Oktoberfest-Attentat: Die lange Verharmlosung rechten Terrors

Kassel, Halle, Hanau - drei rechtsextreme Anschläge innerhalb eines Jahres. Rechter Terrorismus ist wieder da, aber war er jemals weg? 40 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat finden sich erstaunliche Parallelen zwischen den Taten von heute und damals.

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26. September 1980. Hans Roauer - damals erst 24 Jahre alt - wartet am Ausgang des Oktoberfests auf seine Freunde: "Mein erster Gedanke war noch: Welcher Idiot hat da Feuerwerksraketen gezündet, bei dem Umtrieb? Dann wusste ich nichts mehr", sagt er heute. Die Explosion reißt damals fast sein rechten Vorderfuß ab, er wird mehrmals operiert. Neben den körperlichen Schäden, das psychische Trauma: Jahrelang bekommt Roauer Todesängste bei den Silvesterfeuerwerken und Alpträume um die Wiesnzeit.

Verharmlosung rechter Gewalt

13 Menschen inklusive Attentäter Gundolf Köhler sterben beim Oktoberfest-Attentat. Doch die Ermittler blenden einen politischen Hintergrund aus, halten Köhler für einen Einzeltäter, der Probleme mit der Freundin hatte. Dass er ein Bild von Hitler über seinem Bett aufgehängt hatte und an Übungen der paramilitärischen, rechtsextremen "Wehrsportgruppe Hoffmann" aus Franken teilgenommen hatte, ignorieren sie zunächst. Ein bemerkenswerter Vorgang, meint die Gerichtsreporterin von der Süddeutschen Zeitung, Annette Ramelsberger:

"Dieser Mann wurde dann so dargestellt, als ob das Politische gar nicht wichtig gewesen wäre, sondern nur der Liebeskummer. Und das ist natürlich eine Verharmlosung, so dass man die Strukturen überhaupt nicht erkennt." Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung

Dabei passt das Oktoberfest-Attentat in eine Reihe von mehreren rechtsextremen Angriffen im Verlauf des Jahres 1980. "Das Jahr markierte eine Trendwende", sagt die Historikerin und Rechtsterror-Expertin Barbara Manthe von der Universität Bielefeld: "Rechtsterroristen fingen an, Anschläge zu begehen, die immer gewaltsamer wurden." In Zirndorf und Hamburg wurden im Sommer Flüchtlingsheime angegriffen. Beim Brandanschlag in der Hansestadt sterben die zwei Vietnamesen Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân. Sie sind die ersten Todesopfer der damals neuen rechten Gewalt. Im Verfassungsschutzbericht von 1980 heißt es lapidar, dass es am 30. Juli einen Anschlag auf das Sammellager für Ausländer in Zirndorf gegeben hat.

Systematisches Versäumnis

Im Dezember 1980 tötet der Rechtsextremist Uwe Behrendt den Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frieda Pöschke in Erlangen. Ein Mord im "jüdischen Milieu", meinen zunächst die Ermittler. Immer wieder, so stellt Barbara Manthe bei ihren Recherchen fest, versäumen es die Behörden, das Täterumfeld zu durchleuchten und rechte Netzwerke zu zerschlagen. Anders als bei dem Terror der RAF, der sich gegen Repräsentanten des Staates richtete und bei dem die Ermittler mit Hilfe der Rasterfahndung Tausende von Menschen überprüften:

"Bei Ermittlungen und Fahndungen gegen Rechtsterrorismus gab es das nicht. Das waren eher konventionelle Ermittlungen. Was nicht passiert ist, ist, dass ein ganzes Sympathisanten- oder Helferfeld ausermittelt wurde." Barbara Manthe, Rechtsterror-Expertin von der Universität Bielefeld

Bei den NSU-Morden werden in einigen Fällen zunächst die Familien der Opfer verdächtigt. So ist es unter anderem auch beim Mord an Enver Şimşek vor 20 Jahren in Nürnberg. Seine Frau wird monatelang überwacht und schikaniert. Annette Ramelsberger begleitete den NSU-Prozess:

"Ich habe mich mit dem Sohn unterhalten, der 13 war, als der Vater gestorben ist. Der sagte: Wir waren so erleichtert, als der NSU dann endlich rauskam, endlich durften wir trauern, endlich waren wir auch Opfer, endlich waren wir nicht mehr Verdächtige." Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung

Der Kampf um Anerkennung

Nach rechten Terroranschlägen scheinen die Behörden mit ihrer Unterstützung ausgerechnet bei jenen Opfern zu zögern, die aus dem Ausland kommen oder einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Das zeigt sich auch beim Attentat am Olympia-Einkaufszentrum in München im Juli 2016. Die Tat wird zunächst als Amoklauf eingestuft, obwohl der Täter gezielt auf Ausländer schießt. Erst am Tag der Gedenkveranstaltung am 22. Juli 2020 hat die Stadt München in der Inschrift am Denkmal sichtbar anerkannt, dass es sich um einen rassistischen Anschlag handelt: "Es war ein sehr schwieriger Kampf. Halle, Hanau, Lübcke: Das alles hat es leider gebraucht. Endlich haben wir es geschafft", sagt Claudia Neher, Rechtsanwältin einer der betroffenen Familien.

Grausame Taten mit schweren gesellschaftlichen Folgen und eine stockende Ermittlungsmaschinerie. Der Staat hat sich bei den Ermittlungen zu rechtem Terror oft schwergetan. Wird aus der Vergangenheit gelernt? Denn der rechtsextreme Terrorismus ist nicht nur wieder da: Er war nie wirklich weg.

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