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Özgürüz - das Exilradio des Erdogan-Kritikers | BR24

© Günter Herkel/BR

In der Türkei gilt Can Dündar immer noch als Verräter von Staatsgeheimnissen. Aus dem Exil in Berlin versucht der Journalist mit Hilfe des Internetmediums Özgürüz - zu deutsch: wir sind frei - zu berichten. Doch auch damit bekam er Schwierigkeiten.

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Özgürüz - das Exilradio des Erdogan-Kritikers

In der Türkei gilt Can Dündar immer noch als Verräter von Staatsgeheimnissen. Aus dem Exil in Berlin versucht der Journalist mit Hilfe des Internetmediums Özgürüz - zu deutsch: wir sind frei - zu berichten. Doch auch damit bekam er Schwierigkeiten.

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"Alle Medien in der Türkei werden inzwischen von [Präsident] Erdogan kontrolliert. Er will keinerlei Medien, die außerhalb seiner Kontrolle stehen. Also wurde unser Radio blockiert, übrigens exakt am Internationalen Tag der Pressefreiheit", sagt Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet.

Seit 2016 lebt er in Berlin - denn seine Berichte über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an syrische Extremisten nimmt ihm Präsident Erdogan noch immer übel. Mit Özgürüz - zu deutsch: wir sind frei - versucht er, aus dem Exil die türkische Bevölkerung mit Informationen zu versorgen.

Mit kleinen Tricks gegen die Zensur

Schon als Özgürüz vor gut zwei Jahren als Online-Plattform startete, wurde die Seite in der Türkei sofort geblockt. Diesmal sei man besser vorbereitet gewesen, sagt Dündar: "Wir hatten ja über ozguruz19.org gesendet. Nach zwei Stunden haben wir über ozguruz20.org gesendet. Das ist unser Weg, um mit dieser Sorte Zensur umzugehen."

Angesichts der Zuspitzung der innenpolitischen Verhältnisse in der Türkei erscheint Dündar das Medium Radio als geeigneteres Mittel, viele Menschen direkt anzusprechen. Die Idee kam ihm, als er feststellte, dass in Deutschland viele Taxifahrer türkischer Herkunft beim Fahren türkische Sender hören.

Aufmerksamkeit nicht nur für die Opposition

Als Internetradio peilt Dündar natürlich gerade auch die Menschen in der Türkei an. Im Fokus der Berichterstattung standen zunächst die Kommunalwahlen. In den türkischen Medien kommen die oppositionellen Kräfte faktisch nicht vor. Für Özgürüz eine Chance, dieses Defizit auszugleichen.

"Wir versuchen ausgewogen zu berichten. In der Türkei geht sowas nicht mehr. Soweit ich weiß, ist unser Sender der einzige, der sowohl der Regierungspartei als auch der Opposition gleichermaßen Aufmerksamkeit widmet. Das ist ein Vorteil, und führt zu einer großen Programmvielfalt." Can Dündar, Gründer von Özgürüz

Viel Musik - auch für verschiedene Ethnien

Gestemmt wird das Vollprogramm mit nur wenigen Ressourcen. Zehn Programm-Macher und -Macherinnen liefern aus der Türkei zu. In der Berliner Redaktion arbeiten lediglich fünf Journalisten. Özgürüz finanziert sich teilweise aus Zuwendungen von Sponsoren und Crowdfunding-Mitteln. Hauptkooperationspartner ist das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv, das von einer Stiftung finanziert wird.

Noch sendet Radio Özgürüz viel Musik. Sobald die Finanzierung auf stabileren Füßen steht, soll schrittweise ein immer größerer Teil des Programms aus Nachrichten und Information ausgebaut werden. Angestrebt wird ein 50:50-Mix. Auch die Kultur soll nicht zu kurz kommen. Und die ethnische Diversität in der Türkei soll sich in eigenen Musikformaten etwa für Kurden und Armenier spiegeln.

Die Lage in der Türkei immer im Blick

Trotz der Annullierung der Wahl in Istanbul befinde sich die Regierung Erdogan nach den Kommunalwahlen in einer schwierigen Position, meint Dündar. "Die Leute kommen jetzt wieder zusammen, um gegen Erdogan zu demonstrieren", sagt er. "Sie sind vereinter denn je: Kurden, Aleviten, Nationalisten, Kommunisten, Sozialdemokraten - es ist eine Art demokratische Front. Und es gibt erstmals Widerstand selbst innerhalb der AKP gegen Erdogan."

Weiteren Zensurversuchen aus der Türkei will die Özgürüz-Redaktion vorbeugen, indem sie soziale Medien verstärkt nutzt: "Wir haben beschlossen, unsere Produktion auszuweiten: Wir sind jetzt auf Youtube präsent, senden auch über Spotify. Wir wollen alle möglichen digitalen Kanäle nutzen, um unsere Stimme hören zu lassen", erklärt Dündar.

Kampf für Demokratie als Mission

Der Ex-Cumhuriyet-Chefredakteur schreibt inzwischen für die Wochenzeitung "Die Zeit", erstellt Video-Kommentare für "Cosmo" vom WDR, verfasst Beiträge für die Webseite des Gorki-Theaters - auf Türkisch und Deutsch. Selbstironisch bezeichnet er sich als rasenden Reporter. Erst Anfang Mai wurde sein neues Stück "Verräter" im Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel uraufgeführt. Der Kampf um die Wiederherstellung der Demokratie in seiner Heimat treibt Dündar rastlos um.

"Es ist nicht nur ein Job, sondern ich spüre auch eine Verantwortung. Unsere Freunde sind im Gefängnis, unsere Zeitungen verboten, unsere Familien quasi Geiseln in der Türkei. Daher hat sich meine Tätigkeit in eine Art Mission verwandelt. Die Stimme erheben, schreien – von Deutschland aus." Can Dündar, Gründer von Özgürüz