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Österreich lockert: Das sagt der Statistiker dazu | BR24

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Österreich, Wien: Eine Frau geht durch einen geschlossenen Markt in der Innenstadt.

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Österreich lockert: Das sagt der Statistiker dazu

Österreich lockert heute seine Corona-Maßnahmen. Schulen, Museen und Geschäfte dürfen wieder öffnen - außerdem dürfen sich wieder mehr Menschen treffen. Im B5 Thema des Tages erklärt der Wiener Statistiker Erich Neuwirth, was er davon hält.

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Von
  • Fabio Taormina
  • B5 aktuell

Nach sechs Wochen Lockdown öffnen in Österreich die Geschäfte heute wieder. Die Regierung setzt dabei auf vermehrte Coronatests und strenge Hygienevorschriften. Fast überall ist das Tragen einer FFP2-Maske Pflicht. Wer zum Friseur oder zur Massage will, muss einen negativen Corona-Test vorlegen. Auch in den Betrieben wird verstärkt getestet. Hotellerie und die Gastronomie bleiben hingegen geschlossen. Österreich kündigte außerdem an, Grenzkontrollen zu verschärfen.

Wie bewertet ein Statistikexperte die Lockerungen?

Sind diese Lockerungen zu rechtfertigen? Was spricht dafür, was dagegen? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt der Blick weg von der virologischen, epidemiologisch und politischen Perspektive - hin zur statistischen Sichtweise. Erich Neuwirth ist Mathematiker, Statistiker und Professor an der Universität Wien - und er hat im B5 Thema des Tages seine Sicht der Dinge dargelegt. Wir haben die fünf wichtigsten Punkte zusammengefasst.

Erstens: Neuwirth hat zwar Verständnis für die Lockdown-Müdigkeit vieler Menschen und er registriert eine steigende Unruhe in der Bevölkerung. Dennoch hält er die neuen Lockerungen für "sehr riskant", weil der aktuelle Sieben-Tage-Inzidenzwert in Österreich noch immer sehr hoch ist - bei 107, und damit deutlich höher als in Deutschland und weit über dem von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Wert von unter 50. Nach dem 6. Januar hätten sich in Österreich die Zahlen wöchentlich um 25 Prozent verringert - zuletzt, sagt Neuwirth, sei jedoch kein eindeutiger Abwärtstrend mehr erkennbar gewesen.

Zweitens: Der Statistikexperte plädiert zwar dafür, sich nicht am Inzidenzwert alleine zu orientieren. Allerdings bereitet ihm die Qualität der Kontaktrückverfolgung Sorgen. Die Erfolgsquote liege regional in Österreich zurzeit nur bei 40 Prozent.

Drittens: die Impfsituation. Neuwirth verweist darauf, dass die Impfquote sich noch nicht in einem Bereich bewegt, der alle beruhigen könnte - auch wenn viele ältere Menschen schon geimpft worden seien.

Viertens: Schwierigkeiten bereiten den Statistikern die Virusmutationen. Neuwirth bezeichnet die statistische Datenlage dazu als dürftig, daher sei die Diskussion über die Abriegelung des Bundeslandes Tirol schwer zu beurteilen. Er sieht aber durchaus warnende Vorzeichen und empfiehlt, die Anzahl der Tests zu erhöhen, um ein klareres Bild von der Lage zu bekommen.

Fünftens: Auch die Frage, ob Handel, Gastronomie, Schule oder andere einzelne Bereiche die Infektionstreiber sind, lässt sich aus statistischer Sicht nicht so leicht beantworten. Neuwirth sagt, es sei kaum möglich, die Wirkung der einzelnen Schutzmaßnahmen "auseinanderzudröseln". Dennoch: die Öffnung der Schulen findet Neuwirth sehr wichtig - auch hier hält er mehr Tests für das Mittel der Wahl, um einen sicheren Wechselunterricht mit geteilten Klassen zu gewährleisten.

Neuwirths Prognose: der nächste Lockdown kommt

Wie es in Österreich nun weitergeht und wie sich die Lockerungsmaßnahmen auswirken? Statistikexperte Neuwirth kann "eine wissenschaftlich fundierte Prognose" derzeit nicht geben. Dazu gebe es zu viele Unwägbarkeiten wie die Mutationen. Aber er vermutet: Der nächste Lockdown ist kaum zu verhindern.

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Österreich lockert - zurecht? Der Statistiker Erich Neuwirth im Gespräch mit Manfred Wöll im B5 Thema des Tages.

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