Symbolbild: Badeanzug im Schwimmbad

Symbolbild: Badeanzug im Schwimmbad

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    Oben ohne: Diskussion um nackte Brüste in Schwimmbädern

    Oben ohne: Diskussion um nackte Brüste in Schwimmbädern

    Oben ohne beim Baden und Sonnen – sollen Frauen das auch dürfen? Es scheint nur um ein Stück Stoff zu gehen, doch für Aktivistinnen geht es um nicht weniger als Gleichberechtigung.

    "Gleiche Brust für alle", fordert das Oben Ohne Kollektiv Augsburg. Nach dem Motto "Keine Brustwarze ist frei, bis alle Brustwarzen frei sind", wollen viele Aktivistinnen, dass sich nicht nur Männer, sondern auch Frauen mit nacktem Oberkörper in der Öffentlichkeit und damit auch in Schwimmbädern zeigen dürfen. "Im Grundgesetz steht, dass niemand aufgrund seines Geschlechts diskriminiert werden darf, da darf eine Bäderverordnung nicht drüberstehen", sagt Rafaela vom Augsburger Kollektiv. Ihre Forderung gelte, betont die 27-Jährige, nicht nur für Frauen, sondern für alle Menschen mit Brüsten, und sei auch nicht auf das Thema Schwimmbäder begrenzt.

    Zustimmung und Kritik für Forderung von SPD-Politikerin

    Auch die Hamburger SPD-Politikerin Paulina Reineke-Rügge forderte kürzlich, dass Frauen in Hamburger Schwimmbädern sich oben ohne sonnen dürfen. Sie bekam, wie sie im Interview mit "t-online" sagte, viel Zustimmung, aber auch Kritik und sexistische Mails, in denen sie zum Beispiel gefragt wurde, wann man sie denn nun mal oben ohne sehen könne. Der AfD-Politiker Georg Pazderski wiederum griff den Vorschlag der Hamburger Politikerin auf und versuchte, die Debatte für das Thema Migration zu instrumentalisieren, indem er behauptete, dass sich Frauen bei "der Buntheit, die mittlerweile in deutschen Freibädern herrscht" zwei Mal überlegen würden, ob sie oben ohne sonnenbaden und schwimmen wollten.

    Von Brüsten "wird weder das Bier warm, noch das Badewasser kalt"

    Der saarländische FDP-Politiker Stephan Schorn kann die Aufregung um Brüste generell nicht nachvollziehen. Er schrieb auf Twitter. "Ihr liegt im Freibad, 30m weiter bräunt sich eine Frau die Brüste. Weil sie will. Und jetzt? Davon wird weder das Bier warm noch das Badewasser kalt."

    "Warum nicht ganz nackt?"

    Für den Sexualforscher Kurt Starke ist klar, dass die Diskussion immer wieder aufkommen werde "und zwar solange die Menschen ein verklemmtes Verhältnis zu ihrem Körper haben". Er findet: Eigentlich müsse die Frage lauten: "Warum nur oben ohne, warum nicht ganz nackt?"

    Männer finden oben ohne besser als Frauen.

    Bildrechte: BR

    Fall in Göttingen löste Debatte aus

    Auslöser der Oben-ohne-Debatte war unter anderem ein Vorfall in einem Göttinger Schwimmbad. Dort badete eine Person oben ohne und erhielt, weil das Schwimmbad sie als Frau ansah, Hausverbot. Doch die Person identifizierte sich nicht als Frau. Inzwischen erlaubt Göttingen zumindest am Wochenende allen Badegästen blanke Brüste. Auch in Siegen müssen nur noch primäre Geschlechtsmerkmale vollständig bedeckt werden, sprich: eine Badehose reicht aus.

    "Übliche" Badebekleidung gefordert

    Tatsächlich hat sich die Einstellung in den vergangenen Jahren gewandelt. In den 1970er und 1980er Jahren waren blanke Brüste nichts Besonderes. Heutzutage sieht man – außer in ausgewiesenen FKK-Bereichen – kaum mehr Frauen, die nur eine Badehose tragen. Die Regelungen dazu sind vage: In der Haus- und Badeordnung der Stadt Augsburg heißt es zum Beispiel: "Die Badegäste haben alles zu unterlassen, was den guten Sitten sowie dem Aufrechterhalten der Sicherheit, Ruhe und Ordnung zuwiderläuft." Diskussionen oder Beschwerden zum Thema gebe es nicht, heißt es aus der Stadtverwaltung, ebensowenig in Nürnberg. Dort ist in der Bädersatzung geregelt, dass der Besuch der städtischen Bäder in "üblicher Badekleidung" erlaubt ist. "Der Begriff 'üblich' unterliegt ja auch dem Zeitgeist, deshalb ist für uns heute die übliche Badebekleidung für einen weiblichen Badegast der Bikini, der Badeanzug, der Burkini, der Neoprenanzug", so Joachim Lächele, Zweiter Werksleiter im Volksbad.

    "Leben und leben lassen" – auch im Schwimmbad

    In der Münchner Badekleidungsverordnung steht: "Wer öffentlich badet, muss im Stadtgebiet der Landeshauptstadt München Badekleidung tragen. Dies gilt für das Wasser-, Luft- und Sonnenbaden." Ausnahmen von der Bekleidungsregel gibt es unter anderem am Flauchersteg und der "Schwabinger Bucht" im Englischen Garten. Aber: "In den Münchner Bädern gilt seit jeher 'leben und leben lassen'. Natürlich ist das Wie des 'leben lassen' auch immer dem Zeitgeist unterworfen", heißt es aus der Pressestelle der SWM – Stadtwerke München. Im Laufe der 1980er und 1990er Jahre habe sich der gesellschaftliche Umgang mit Nacktheit gewandelt. "Die Ansichten gerade bei jungen Menschen wurden ein Stück weit konservativer", heißt es. Man beobachte die Diskussion und werde das Thema gegebenenfalls erneut ergebnisoffen diskutieren.

    Frauenkörper werden in der Werbung vermarktet

    Der Grund für den gesellschaftlichen Wandel scheint vielfältig zu sein: Es gebe immer wieder "Wellen des Konservatismus", so der Sexualforscher Starke. Auch die Tatsache, dass Frauenkörper zum Beispiel in der Werbung vermarktet werden, spiele eine große Rolle. Letztendlich aber gehe es bei der Diskussion nicht um die weibliche Brust an sich, sondern um Nippel. Tatsächlich zeigen auch soziale Medien wie Facebook zwar häufig sehr freizügige Bilder von Frauen. Fotos, auf denen weibliche Brustwarzen zu sehen sind, werden dagegen schnell gelöscht. Auch im US-Fernsehen sind keine Nippel zu sehen: Seit "Nipplegate", dem Busenblitzer von Janet Jackson beim Super Bowl im Jahr 2004, der für einen Aufschrei gesorgt hat, werden Großveranstaltungen sogar mit einigen Sekunden Verzögerung ausgestrahlt.

    Auch die Aktivistin Rafaela sieht die Entwicklung kritisch: "Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, unsere Körper werden ständig bewertet und sexualisiert. Es gibt auch eine Übersexualisierung von weiblichen Körpern in der Werbung. Das macht natürlich was mit jungen Menschen, die mit diesen Bildern aufwachsen."

    Ethnologe beklagt Repatriarchalisierung

    Für den Münchner Ethnologen Alexander Knorr ist klar, es geht in der aktuellen Oben ohne-Diskussion um viel mehr als um ein Stück Stoff und nackte Brüste. "Wir sind in den 2020er Jahren und fangen jetzt wieder mit einer Debatte an, die es vor 50 Jahren gab. Wir sehen ein Erstarken konservativer Strömungen bis hin zu einer Repatriarchalisierung", sagt Knorr und verweist auf die jüngste Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA, das liberale Abtreibungsrecht zu kippen. "Das ist ein brutales Zeichen." Gleichzeitig werde "Gift und Galle gespuckt" und das Vorgehen der Taliban gegen Frauen in Afghanistan scharf kritisiert. Dabei gehe es bei all diesen Beispielen – auch bei der Oben-ohne-Debatte – im Prinzip immer um dasselbe: "Es wird Macht gegen Frauen ausgeübt. Es werden ihnen Rechte weggenommen."

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