Hochwasser, Zugunglücke, Amokläufe: Wo immer etwas Schlimmes passiert, sind Notfallseelsorger im Einsatz

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Notfallseelsorge als Berufung: Diese Menschen helfen

Notfallseelsorge als Berufung: Diese Menschen helfen

Bei dem Zugunglück in Garmisch-Partenkirchen kamen fünf Menschen ums Leben. Bei der Bewältigung solcher Katastrophen spielen auch Notfallseelsorger eine wichtige Rolle. Doch wer sind die Helfer? Und wie können sie am besten helfen?

Pfarrerin Sandra Gassert war gerade auf dem Weg zu einer Taufe, als ihr Pieper Alarm schlug. Seit 25 Jahren ist Gassert ehrenamtliche Notfallseelsorgerin. Einen Tag nach dem Unglück in Garmisch-Partenkirchen war sie im Einsatz. "Ich habe dann quasi die losen Enden aufgedröselt und war beratend dabei, wie die Kinder Abschied nehmen können von ihren Müttern."

Rund um die Uhr psychosoziale Notfallversorgung

Die Notfallseelsorge ist ein Angebot der evangelischen und katholischen Kirche. Oft arbeiten die Kirchen mit den sogenannten "Kriseninterventionsteams" der Hilfsorganisationen zusammen. So stellen sie sicher, dass rund um die Uhr psychosoziale Notfallversorgung geleistet werden kann. Über 90 Prozent der Einsätze fänden dabei im häuslichen Umfeld statt, erklärt Dirk Wollenweber, Beauftragter für Notfallseelsorge der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern.

"Sehr dramatisch ist das natürlich in den größeren Ballungsräumen, wenn ein Ehepartner verstirbt und die Hilfskräfte feststellen, dass dieser Mensch überhaupt kein soziales Netz hat oder dass dieses Netzwerk erst mal aktiviert werden muss, weil die nächsten Angehörigen viele, viele Stunden entfernt wohnen. Das ist der Moment, wo wir tätig werden." Dirk Wollenweber, Beauftragter für Notfallseelsorge der evangelisch lutherischen Kirche in Bayern

Notfallseelsorge soll Betroffenen eines Unglücks helfen, die Stunden danach besser zu überstehen. "Sie hören zu, schweigen, reden, organisieren oder kochen auch mal Nudeln", erzählt Pfarrerin Gassert. "Mich darf man auch anweinen oder sich in den Arm nehmen lassen", sagt die Pfarrerin.

Keine Helden, sondern Begleiter

Timo Grünbacher, Leiter der Notfallseelsorge in der Erzdiözese München und Freising, macht sich viele Gedanken, was genau die Aufgabe von Notfallseelsorgenden ist. Er möchte weder ein "Manager" noch ein "Intervenierender" sein, der in die Krisen von anderen Menschen reinspringt und der große Held ist." Er sieht sich eher als Begleiter für einen schweren Moment im Leben. "Und da entsteht auch eine gewisse Nähe", so Grünbacher.

Trotzdem müssen Notfallseelsorgende sich von dem, was sie aus nächster Nähe miterleben, auch distanzieren. Obwohl Sandra Gassert nach dem Einsatz oft Fragen durch den Kopf gehen, könne sie das Leid anderer Menschen inzwischen gut von ihrem Leben trennen, sagt sie. Trotzdem aber habe die Konfrontation mit dem Tod Konsequenzen für ihr Leben: Ihren Kindern und ihrem Mann sage sie jeden Morgen, dass sie sie lieb habe. "Weil ich weiß, dass sie vielleicht nicht heimkommen könnten." Sandra Gassert schätzt, was sie im Leben hat. "Und ich weiß, dass es zerbrechlich ist."

Warum macht man das?

Rund 800 Haupt- und Ehrenamtliche seien in Bayern als evangelische Notfallseelsorgende tätig, sagt Dirk Wollenweber. Auf katholischer Seite seien es rund 450. Fragt man diese Menschen, warum sie das machen, hört man eine Antwort besonders häufig: "Ich mache es, weil ich es kann". So sieht es auch Sandra Gassert: "Ich habe ein Talent mitbekommen, in Krisensituationen präsent zu sein oder handlungsfähig zu sein oder hilfreich zu sein." Auch Timo Grünbacher sagt: "Ich habe für mich in diesem Bereich meine Stärke gefunden." Und Johanna Becker, die Landesvorsitzende der Katholischen Jungen Gemeinde in Bayern, ist froh, dass sie die Erfahrung machen durfte in Notsituationen für Menschen da sein zu können.

Johanna Becker hat gerade eine Ausbildung zur Notfallseelsorgerin in München begonnen. In ihrer Gruppe sind auch ein Anwalt, eine Soldatin und eine Lehrerin - "alles ganz unterschiedliche Menschen", sagt Becker. Eines haben Notfallseelsorgende aber gemeinsam: Den Wunsch, für Menschen da zu sein.

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