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Normal war gestern – wie die Coronakrise unser Leben verändert | BR24

© picture-alliance/dpa; colourbox.com

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise sind für alle spürbar.

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    Normal war gestern – wie die Coronakrise unser Leben verändert

    Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise sind für alle spürbar. Für einige sind die Folgen gravierend - von psychischem Druck bis zu plötzlicher Arbeitslosigkeit. Drei persönliche Beispiele im Porträt.

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    Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen, eine tiefgreifende Wirtschaftskrise - der Alltag hat sich seit Mitte März drastisch verändert. Wir haben drei Menschen zwei Monate durch ihr Leben begleitet. Eine Intensivkrankenschwester, einen Spitzenpolitiker und eine junge Frau, die arbeitslos geworden ist. Daraus ist ein Audiotagebuch entstanden, das zeigt, wie sehr die Coronakrise unseren Alltag und unsere Arbeit selbst bis ins letzte Detail verändert hat.

    "Bei uns wird keiner alleingelassen"

    Karin Bültmann, 52, ist Intensiv-Krankenschwester mit Leib und Seele, seit sie mit 18 Jahren in den Beruf eingestiegen ist. Heute koordiniert sie als Bereichsleiterin über 100 Pflegende auf den Intensivstationen A und B des Krankenhauses Barmherzige Brüder in München. Die Intensivstation A ist seit Mitte März mit Covid-19 Patienten belegt. Die 16 Betten dort waren vor allem in den ersten Wochen stets voll ausgelastet.

    Die meisten Covid-Patienten auf der Intensivstation werden beatmet oder mit einer Herz-Lungen-Maschine versorgt und dabei sediert. Die Pflegekräfte arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten. Das ist kräftezehrend, denn die Intensivpflege ist anspruchsvoll. Karin Bültmann und ihr Team müssen sehr wachsam sein, denn der Zustand von Covid-19 Patienten ist oft instabil und kann sich rapide verschlechtern. Das Krankheitsbild ist für Ärzte und Pflegende neu.

    Bis Ende April versorgte das Krankenhaus Barmherzige Brüder 100 positiv getestete Covid-19-Patienten, 32 davon auf der Intensivstation. 18 Patienten konnte das Team aus Pflegenden und Ärzten nicht retten. Die letzten Wochen sind an niemandem spurlos vorübergegangen, sagt Karin Bültmann:

    "Also gestorben wird auf Intensiv schon immer. Jetzt ist es anders, weil häufig keine Angehörigen am Bett sitzen, weil wir auch das Besuchsverbot haben. Das ist eine schwierige Situation. Wir sitzen am Bett, halten die Hand. Sind die Patienten ansprechbar, haben wir Tablets, über die sie noch einmal ihre Angehörigen sehen. Wir hatten auch einen Herren, der noch ansprechbar war. Er konnte einfach nochmal telefonieren mit seinen Lieben. Es wird alles Menschenmögliche gemacht, damit diese letzten Stunden schön sind für die Patienten, weil es uns sehr wichtig ist, dass bei uns keiner allein gelassen wird." Karin Bültmann, 52, leitende Intensiv-Krankenschwester am Krankenhaus Barmherzige Brüder in München

    "Kommunikation ist wirklich alles."

    Lars Klingbeil, 42, ist in der SPD als Generalsekretär und Bundestagsabgeordneter dafür verantwortlich, dass die Partei auch in dieser Zeit des Ausnahmezustands gut gemanagt wird. Anstatt wie sonst sehr viel unterwegs zu sein, steuert Klingbeil nun viel vom Schreibtisch aus, telefoniert mit Ministerinnen und Ministern anstatt sie zu sehen. Politik wird seit Mitte März vor allem in Schaltkonferenzen und online gemacht.

    Wenn der Bundestag zusammentrifft, gelten auch hier die strengen Abstandsregeln, die für alle gelten. Auch die Pflege von Kontakten muss Lars Klingbeil auf ein Mindestmaß reduzieren. Ihm fehlen die persönlichen Treffen zunehmend. Und er steht unter Druck: Als Bundestagsabgeordneter ist es an ihm, die Beschlüsse der Großen Koalition in seinem niedersächsischen Wahlkreis zu vertreten. "Kommunikation ist wirklich alles", sagt er. Doch Bürgersprechstunden kann er nur online abhalten und auch die Parteibasis kann er nur eingeschränkt treffen. Einen kleinen regionalen Parteitag zur Coronakrise zum Beispiel gibt es nur digital.

    "Ich bekomme viele Rückmeldungen aus dem Wahlkreis, und die sind alle negativ. Es melden sich jetzt wirklich Leute mit krassen Problemen. Das sind gestandene Unternehmer oder Gewerkschafter, die ich in den vergangenen zehn Jahren immer als sehr starke Personen erlebt habe, die ich als Berufspolitiker unterwegs bin. Viele von denen haben jetzt Tränen in den Augen, sind verunsichert und ganz ehrlich, das färbt natürlich auch auf meine persönliche Lage ab. Das ist nichts, von dem ich mich hundertprozentig freimachen kann. Obwohl ich selbst ein sehr optimistischer, zuversichtlicher Mensch bin und auch versuche, mir das selbst in dieser Krise nicht nehmen zu lassen. Aber das geht nicht spurlos an einem vorbei.“ Lars Klingbeil, 42, SPD-Generalsekretär und Bundestagsabgeordneter

    "Ich will so professionell wie möglich sein."

    Katharina Deichsel hatte gerade eine neue Stelle in einem Start-Up angetreten. Doch wegen des Corona-Lockdowns konnte das Unternehmen sie nach Ablauf der sechsmonatigen Probezeit nicht übernehmen. Über Nacht brach ihre Haupteinkommensquelle weg. Ihre ersten Wochen der Coronakrise sind geprägt von Telefonaten mit dem Jobcenter und dem Versuch, finanziell zu überleben. Katharina Deichsel verbringt viel Zeit in telefonischen Warteschleifen.

    Doch mit viel Geduld kommt sie weiter und das Jobcenter erweist sich in der Krise als hilfsbereit und unbürokratisch. Gleichzeitig begibt sie sich auf Jobsuche. Es fällt ihr nicht leicht, sich in der Krise selbst zu motivieren. Die Isolation zehrt. Offene Stellen sind rar. In den Online-Jobbörsen sind jetzt vor allem Kraftfahrer, Saisonkräfte oder Hilfsarbeiter gesucht. Aber es gibt einen Lichtblick: Sie wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Doch auch das ist in Corona-Zeiten alles andere als normal.

    "Ich hatte letzte Woche mein erstes Vorstellungsgespräch über Zoom. Man trifft sich also am Bildschirm. Ich habe meinen Schreibtisch extra so gedreht, dass man nicht mein Wohnzimmer, sondern die weiße Wand hinter mir sieht. Ich wollte so professionell wie möglich wirken. Und anscheinend hat das ganz gut geklappt, denn ich hatte dann vor zwei Tagen ein zweites Interview. Diesmal von Angesicht zu Angesicht, was zu Coronazeiten ja schon etwas Besonderes ist. Das erste Hindernis war schon die Begrüßung: Kein Händeschütteln. Dann sind wir in einen großen Raum gegangen. Dort standen drei Pulte mit je drei Metern Abstand. Das war wie bei der mündlichen Prüfung. Weil wir während des Gesprächs so weit voneinander entfernt saßen, mussten wir sehr laut sprechen und es war auch gar nicht so leicht, die Mimik des Gegenüber zu lesen. Eine komische Situation." Katharina Deichsel, freie Autorin, Kommunikations- und Afrikawissenschaftlerin

    Alle drei beschreiben ihr Leben in Sprachnachrichten und Telefoninterviews, zu hören in der radioReportage.

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