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Ein Mann zeigt seine mit Rohöl verschmutzten Hände während eines Protestes gegen Shell nach einer Ölpest auf dem Shell-Ölfeld Bonga.

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    Nigeria: Der mühsame Kampf gegen den Öl-Riesen Shell

    Der Ölmulti Shell muss Bauern in Nigeria entschädigen, weil er bei der Ölförderung ihr Land verseucht hat. Vier Witwen werfen dem Konzern vor, an der Hinrichtung ihrer teils prominenten Männer mitschuldig zu sein. Ein mühsamer Kampf um Gerechtigkeit.

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    Von
    • Weltspiegel Digital
    • Veronika Beer
    • Jana Genth

    Seit den 1950er-Jahren fördert der Mineralölkonzern Shell Erdöl im Niger-Delta. Sümpfe und Flussarme sind seither verunreinigt. Vor Ort lebt das Volk der Ogoni. Ihre Lebensbedingungen wurden vom "Fluch des schwarzen Goldes", wie sie es nennen, nachhaltig beeinträchtigt. Trinkwasser wurde verunreinigt, Ackerland unbrauchbar, der Fischbestand in Gewässern getötet.

    Nun fällte das Berufungsgericht in Den Haag ein Urteil, das wegweisend sein könnte. Shell sei haftbar für Verseuchungen durch Öl-Lecks in den Jahren 2004 und 2005. Das Tochterunternehmen des Öl-Konzerns in Nigeria muss deshalb mehrere Bauern entschädigen – in welcher Höhe, muss noch festgelegt werden.

    Konzerne wie Shell für Umweltfolgen ihrer Arbeit verantwortlich

    Der Konzern habe eine "Sorgfaltspflicht" und müsse alte Öl-Leitungen mit Sensoren auszurüsten, die Lecks zuverlässig entdecken, urteilte das Gericht. Shell hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen und erklärt, Saboteure und Öldiebe seien für die Lecks verantwortlich gewesen.

    Damit wurde ein internationales Energieunternehmen für die Umweltfolgen seiner Tätigkeit verantwortlich gemacht. Bereits das Urteil von 2013 galt als zukunftsweisend, da Forderungen gegen ein ausländisches Tochterunternehmen auch am Hauptsitz des britisch-niederländische Mutterkonzerns in Den Haag durchgesetzt werden konnten.

    "Auch auf europäischer Ebene müssten verbindliche Regelungen für Unternehmen verabschiedet werden, die diesen auferlegen, entlang ihrer gesamten Wertschöpfungsketten menschenrechtliche Sorgfaltspflichten einzuführen." Mathias John, Wirtschaftsexperte bei Amnesty International Deutschland, gegenüber dem BR

    Shell mit weiteren Prozessen aus Nigeria konfrontiert

    Das Urteil könnte weitreichende Folgen für weitere Verfahren haben, mit denen sich Shell aus Nigeria konfrontiert sieht. Vor wenigen Tagen sprach das Oberste Gericht in Großbritannien mehr als 40.000 Bewohnern des Niger-Deltas das Recht zu, in England Schadenersatzklagen gegen Shell wegen Umweltverschmutzung einzureichen. Im Dezember begann ein Prozess, in dem es um den Beitrag des Konzernriesen zum Klimawandel geht.

    Zudem klagen seit zwei Jahrzehnten Witwen aus dem Volk der Ogoni gegen Shell. Die vier Frauen beschuldigen das Unternehmen, 1995 an der Hinrichtung nigerianischer Aktivisten beteiligt gewesen zu sein, die gegen die Ölförderung im Niger-Delta protestiert hatten.

    Die Ermordungen hatten international heftige Proteste ausgelöst. Die Kläger legen Shell unter anderem zur Last, Zeugen bestochen und direkte Kontakte mit den Richtern unterhalten zu haben, um Einfluss auf den Prozess zu nehmen. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück.

    "Besonders wichtig ist den vier Witwen die geforderte Entschuldigung, mit der die Konzernmutter Royal Dutch Shell ihre Mitschuld an den Menschenrechtsverletzungen zugibt. Schließlich liegt es auch in der Verantwortung von Shell, dass das Leben dieser vier Frauen und vieler anderer Menschen in Nigeria seit Jahren durch tiefes Leid geprägt ist." Mathias John, Amnesty -Wirtschaftsexperte, gegenüber dem BR

    1995: Diktator Abacha lässt Bürgerrechtler Saro-Wiwa erhängen

    Damals in den 90er-Jahren, regierte der Militärdiktator Sani Abacha in Nigeria. Er ließ die Proteste aus dem Volk mehrfach gewaltsam niedergeschlagen. Doch der massive Widerstand des Ogoni-Stamms ebbte nicht ab. Am 10. November 1995 ließ Abacha die Umweltaktivisten der "Ogoni Neun" um den bekannten Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa in einem Schauprozess zum Tode verurteilen und erhängen.

    Für seinen Kampf wurde der Aktivist und Autor Saro-Wiwa mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Alternativen Nobelpreis. Noch immer kämpfen seine Anhänger für Gerechtigkeit – allen voran seine Tochter, die britische Journalistin Noo Saro-Wiwa, die auch noch 25 Jahre nach der Hinrichtung die posthume Begnadigung der neun mutigen Männer durch die nigerianische Regierung fordert.

    Beispiel Namibia: Testbohrungen nach Erdöl haben begonnen

    Weiter südlich, im 3.500 Kilometer entfernten Namibia und Botswana, fürchten die Menschen derzeit ein ähnliches Schicksal wie in Nigeria. Auch dort geht es offenbar um gigantische Öl-Ressourcen. Der kanadische Konzern "ReconAfrica" hat bereits mit Testbohrungen begonnen und rechnet allein für den Anfang mit zwei Milliarden Barrel Erdöl – mit deutlich höherem Potenzial in tieferen Gesteinsschichten.

    Schwerwiegende Umweltfolgen befürchtet – auch für Botswana

    Was den Energiesektor freuen und Investoren neugierig machen dürfte, erntet zunehmend Gegenwind von Umweltschützern und Anwohnern in der Region. Die verschiedenen Standorte für die Bohrungen befinden sich in einem sensiblen Ökosystem. Der Nordosten Namibias ist die einzige größere landwirtschaftlich nutzbare Region in dem Wüstenstaat. Darüber hinaus rechnen Bewohner und Umweltverbände mit schwerwiegenden Konsequenzen für das weltbekannte Okavango-Delta, einen einzigartigen Lebensraum für Natur und Tiere im Nachbarland Botswana. Mit mehr als 20.000 Quadratkilometern ist es eines der größten und tierreichsten Feuchtgebiete Afrikas. Seit 2014 gehört es zum Unesco-Welterbe. Dort befinden sich auch heilige Stätten der San, der indigenen Bewohner.

    "Die Gegend lebt vom Tourismus, und das wird auch Botswana jenseits der Grenze treffen. Da sind viele wilde Tiere. Es würde nicht nur sie töten, sondern das ganze Ökosystem." Michael Matlapeng vom Tshole Trust, einer Umweltorganisation in Botswana

    Deutschland zahlt Millionen für nun bedrohtes KAZA-Schutzgebiet

    Auch das KAZA-Schutzgebiet, das von Deutschland (Kfw-Bank) mit Millionen Euro unterschützt wird, muss Folgen fürchten. Die "Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area" ist ein grenzüberschreitendes Natur- und Landschaftsschutzgebiet im südlichen Afrika. Es soll insbesondere den Elefanten freie Bewegung in ihrem natürlichen Lebensraum ermöglichen. Das Schutzgebiet wurde 2012 eröffnet, hat den Status eines Nationalparks und ist mit einer Fläche von 520.000 Quadratkilometern das zweitgrößte Landschutzgebiet der Erde.

    Umweltschützer erinnern an Nigeria

    Ab Mitte des Jahres soll Öl gefördert werden. Dem Staat Namibia stehen laut "ReconAfrica" vertraglich zehn Prozent der Anteile zu – zu wenig, beklagen Aktivisten. Das Unternehmen hat sich 90 Prozent des Riesenprojekts gesichert. Die Umwelt werde man dabei nicht verschmutzen, heißt es. Dass sich dieses Versprechen halten lässt, daran glauben die Kritiker nicht:

    "Wir wissen doch alle, was im Niger-Delta passiert ist und wie es dort noch aussieht. Wie soll ein Unternehmen, das kleiner ist als Shell, es schaffen, das Ökosystem intakt zu halten? Wir können doch überall auf der Welt sehen, was dort geschieht, wo fossile Industrien sind." Ina-Maria Shikongo von Fridays for Future in Windhuk

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