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Niederlande führen Tempolimit als Klimahilfe ein | BR24

© picture alliance/Friso Gentsch/dpa

Tempo 100 von 6 bis 19 Uhr steht auf einem Verkehrsschild auf einer Autobahn an der Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland.

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    Niederlande führen Tempolimit als Klimahilfe ein

    Während in Deutschland emotional über eine mögliche Geschwindigkeitsbegrenzung diskutiert wird, schaffen die Niederlande Fakten: Ab Montagmorgen 6 Uhr gilt dort überall Tempo 100 - eine drastische Maßnahme, um das Klima zu verbessern.

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    Von
    • Gudrun Engel

    Seit heute Morgen, 6 Uhr, gilt in den Niederlanden: Fuß vom Gas - Tempolimit 100. Und zwar überall - immer zwischen 6 Uhr früh und 19 Uhr abends. In Deutschland wäre das undenkbar. Aber die niederländische Regierung hat entschieden: Der Umwelt zuliebe muss jetzt langsamer gefahren werden.

    Grund für die neue Tempo-Beschränkung sind hohe Stickoxid-Emissionen, die gemessen an der Fläche des Landes die vorgegebenen EU-Grenzwerte erheblich übersteigen. Das höchste Gericht und Beratungsgremium der Regierung der Niederlande, der Raad van State, hatte das Kabinett von Premier Mark Rutte deshalb vor die Wahl gestellt, entweder wirksamere Maßnahmen zur Verminderung von Stickoxid zu ergreifen oder etwa große Bauprojekte zu streichen - darunter den Bau von Tausenden Wohnungen.

    Die Regierung entschied sich für das Tempolimit. Eine miserable Maßnahme sei das, gibt selbst Regierungschef Rutte zu Protokoll. Aber eben eine notwendige, wenn man die Vorgaben zum Schadstoffausstoß einhalten wolle.

    4.000 neue Schilder

    4.000 neue Schilder hat die zuständige Behörde Rijkswaterstaat in den vergangenen Wochen aufstellen lassen. Mehr als 700 Menschen sind an der Umstellung beteiligt.

    Erwin de Groot und Jean-Paul Labrijn waren in ihren orangefarbenen Signaljacken in der gesamten Provinz Südholland bei jedem Wetter unterwegs. Mit dem Fahrzeug der Straßenmeisterei fuhren sie bei jedem Wetter den Standstreifen entlang. Während auf der Autobahn der Verkehr vorbeibretterte, hoben sie Löcher hinter den Leitplanken aus, gruben neue Pfosten ein und schraubten Schilder an. Aus Umweltsicht könne er das Tempolimit schon nachvollziehen, gibt Jean-Paul Labrijn zu. Aber er privat würde auch lieber so schnell fahren, wie es in Deutschland erlaubt ist.

    Eigentlich hätte es auch gereicht, wenn man an allen 34 Grenzübergängen den Hinweis "Ab hier Tempo 100!" aufgehängt hätte, wundert sich Charles Goddijn von der HC Gruppe in Rijswijk. Seine Firma hat den Auftrag bekommen, die neuen Schilder zu produzieren. Aber es gebe eben viele Ausnahmen, etwa in Naturschutzgebieten. 250 Mitarbeiter an neun Standorten seien im Dreischichtbetrieb im Einsatz gewesen. Denn alle Schilder, die für das neue Tempolimit in den Niederlanden ausgetauscht oder neu aufgestellt wurden, sind Handarbeit. Sie sind mit einem Meter Durchmesser auch bei hoher Geschwindigkeit im Vorbeifahren gut lesbar.

    Ein solches Schild kostet 300 Euro. Zu den Materialkosten kommen die Umstellungen im elektronischen Verkehrsleitsystem und die Schulung von Mitarbeitern. Ursprünglich hatte die zuständige Behörde Rijkswaterstaat mit Kosten von sieben bis acht Millionen Euro für das Projekt gerechnet. Jetzt musste sie aber zugeben, dass die Umstellung am Ende vermutlich mit 17 Millionen Euro zu Buche schlagen wird.

    Keine zusätzlichen Radarkontrollen

    Die Polizei in den Niederlanden hat bereits angekündigt, dass sie die neue Maßnahme nicht durch Knöllchen refinanziert wird. Sie wolle keine zusätzlichen Radarkontrollen einführen, aber an der einen oder anderen Stelle mit mobilen Blitzgeräten kontrollieren.

    Wer in den Niederlanden beim Rasen erwischt wird, muss tief in die Tasche greifen: Zehn Kilometer pro Stunde zu schnell kosten 60 Euro, 20 Kilometer pro Stunde 175 Euro. Wer 30 Kilometer pro Stunde zu schnell ist, muss satte 300 Euro zahlen. Nach Deutschland oder ins europäische Ausland werden alle Knöllchen per Amtshilfeverfahren weitergeleitet, die höher als 70 Euro ausfallen.

    Weniger Rückstaus erwartet

    Die Niederländer selbst sehen das Projekt mehrheitlich gelassen. Der Klimaschutz ist Teil der bevorstehenden Verkehrswende. Auch die Zahl der Elektroautos in den Niederlanden ist deutlich höher als in Deutschland. Luc de Beer, der täglich von Den Haag nach Utrecht pendelt, gibt sarkastisch zu Protokoll, dass man in den Niederlanden ohnehin mehr im Stau stehe, als man fahren könne.

    Verkehrsexperten rechnen durch das Tempolimit tatsächlich mit weniger Staus: Wenn alle weniger schnell fahren, verringere sich auch der Sicherheitsabstand. So könnten mehr Autos einen Straßenabschnitt nutzen und es gebe weniger Rückstaus. Anders gesagt: Der Einzelne kommt weniger schnell voran, aber im Schnitt sind alle schneller.

    Wim de Vries ist Professor an der Uni Wageningen und quasi der niederländische "Abgas-Papst". "Wir gehen davon aus, dass die Leute vielleicht nicht exakt 100 fahren, sondern vielleicht 105, 110 Kilometer pro Stunde. Dadurch haben wir nicht nur weniger Emissionen. Es bilden sich auch weniger Staus. Das ist wichtig, denn in Staus werden jede Menge Abgase in die Luft gepustet, ohne Bewegung."

    "Ein klassischer politischer Kompromiss"

    Einzig, dass das Tempolimit nur tagsüber von 6 bis 19 Uhr gilt, sehen viele skeptisch. "Ich verstehe nicht, was das bringen soll, dass wir tagsüber langsam fahren. Nachts fahren wir wieder schnell und haben wieder viele Abgase. Das nützt doch dann nichts", sagt Handwerker Nils Pijnacker.

    "Es ist eben ein klassischer politischer Kompromiss", erklärt Wim de Vries. Eine drastische Maßnahme für den Umweltschutz, die aber in den Niederlanden nicht so große Wellen schlägt, wie in Deutschland die bloße Debatte über eine Geschwindigkeitsbegrenzung. "Ich denke, es hat damit zu tun, dass unser Land einfach kleiner ist, wir müssen nicht so lange Strecken fahren . Deshalb macht es den Menschen nicht so viel aus", deutet er die Gelassenheit seiner Landsleute.