Immer weniger Menschen sind Mitglied in einer der beiden großen christlichen Kirchen.

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Rekord bei den Austritten aus der katholischen Kirche

Rekord bei den Austritten aus der katholischen Kirche

Es sind historisch hohe Zahlen, die die katholische Kirche heute veröffentlicht hat: 2021 sind die Kirchenaustritte erneut massiv gestiegen. Auch in Bayern verzeichnet die Kirche neue Höchststände bei den Austrittzahlen.

Die Deutsche Bischofskonferenz und die 27 (Erz-)Diözesen der katholischen Kirche in Deutschland haben heute die jährliche Kirchenstatistik für das vergangene Jahr 2021 veröffentlicht. Die Zahl der Kirchenaustritte ist 2021 erneut massiv gestiegen: 359.338 Menschen haben die Kirche verlassen. Ein knappes Drittel mehr als im Vorjahr. Eingetreten sind nur 1.465 Menschen in die katholische Kirche. In Deutschland machen die Katholiken mit 21.645.875 Kirchenmitgliedern nun 26 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. In Bayern traten 2021 100.872 Menschen aus der katholischen Kirche aus. 2019 waren es nur 78.309.

Die evangelische Kirche hatte bereits im März ihre Statistik veröffentlicht. In Bayern haben demnach 36.580 Menschen die Evangelisch-Lutherische Kirche verlassen. Die Zahl der Austritte stieg gegenüber 2020 um fast 10.000 an. Vor Corona im Jahr 2019 waren es knapp 32.400.

Bischof Georg Bätzing: "Ich bin zutiefst erschüttert"

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, zeigte sich erschüttert über die heute vorgestellte Austrittsstatistik: "Die Zahlen des Jahres 2021 zeigen die tiefgreifende Krise, in der wir uns als katholische Kirche in Deutschland befinden. Es ist nichts schönzureden, und ich bin – trotz der gestiegenen Zahlen der Sakramentenspendung – zutiefst erschüttert über die extrem hohe Zahl von Kirchenaustritten."

Mit "Sakramentenempfang" gemeint sind beispielsweise kirchliche Trauungen, Taufen oder Bestattungen. Die Zahl der kirchlichen Trauungen lag im Jahr 2021 bei 20.140 und damit im Vergleich zu 2020 mit 11.018 bei fast doppelt so vielen. Auch bei den Taufen gab es mit 141.992 im Vergleich zu 104.610 im Jahr 2020 einen deutlichen Anstieg. Allerdings dürfte hier Corona auch eine Rolle bei den Zahlen spielen, weil viele Trauungen und Taufen 2020 womöglich aufs nächste Jahr verschoben worden sind.

"Traurig" und "schmerzhaft": Reaktionen aus den Bistümern

Auch der Augsburger Bischof Bertram Meier ist "traurig" über die aktuellen Austrittszahlen: "Jeder Mensch, der geht, ist ein Verlust für unsere Gemeinschaft. Für viele junge Menschen hinge der Verbleib in der Kirche an einem seidenen Faden. Für den Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, Christoph Klingan, ist die hohe Zahl der Kirchenaustritte "sehr schmerzhaft" und "nicht zu beschönigen". Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick bewertete die Statistik als "traurig und bitter, aber leider erwartbar". Er forderte vor allem die Seelsorgenden auf, die ausgetretenen Christen nicht aus den Augen zu verlieren und weiter für sie da zu sein: "Ausgetretene sind nicht abgeschrieben! Wir möchten Kontakt zu ihnen halten, sie sind uns wichtig. Die Tür bleibt offen."

Auswirkungen des Missbrauchsgutachtens auf Kirchenaustritte

Die heute für die bundesweite katholische Kirche vorgestellten Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum Januar bis Dezember 2021. Sie spiegeln also noch nicht die Reaktionen der Kirchenmitglieder auf das im Januar 2022 vorgestellte Missbrauchsgutachten wider. In München hatte dieses einen Rekord an Kirchenaustritten zur Folge. "Wir hatten so viele Kirchenaustritte wie noch nie", sagte der Sprecher des Kreisverwaltungsreferates München, Johannes Mayer, der Deutschen Presse-Agentur. Demnach traten zwischen Januar und Ende Juni 2022 in München 14.035 Menschen aus der Kirche aus - über alle Konfessionen hinweg. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum 10.472 und 2019 sogar nur 7.556. Die Zahlen für 2020 - mit 5.538 Austritten im ersten Halbjahr - hält Johannes Mayer wegen des Corona-Lockdowns für nicht repräsentativ.

Auch in anderen bayerischen Städten setzt sich der Trend fort: In Regensburg stieg die Zahl der Kirchenaustritte von 1.239 im Jahr 2021 auf 2.073 im ersten Halbjahr 2022. In Augsburg waren es 2.068 Austritte im Vergleich zu 1.406 im gleichen Zeitraum 2021. Und Ingolstadt zählte 1.260 Austritte statt 699 im Jahr 2011.

Jesuitenpater versteht den Frust der Menschen

Obwohl er selbst fester Bestandteil der Institution Kirche ist, kann Pater Ansgar Wiedenhaus nachvollziehen, warum so viele Menschen heute der Kirche den Rücken kehren. Er leitet die offene Kirche Sankt Klara in der Nürnberger Innenstadt und spricht dort viel mit Menschen über ihren Frust und ihre Zweifel mit der Kirche.

"Vielleicht ist es wirklich so, dass wir mal richtig abstürzen und wirklich begreifen müssen, was wir uns mit unserem Verhalten in den letzten Jahrhunderten eingehandelt haben." Pater Ansgar Wiedenhaus

Auch wenn derzeit viel über Reformen diskutiert wird, die die Kirche wieder nahbarer machen soll: Ansgar Wiedenhaus fragt sich, "ob der Zug nicht schon abgefahren ist". Das Vertrauen der Menschen, sich auf deren Lebens- und Glaubensfragen einlassen, habe die Kirche womöglich schon verspielt. Vieles liege bereits in Trümmern.

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