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Wie Raketentechnik die Virenlast in der Luft senken könnte | BR24

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Satelliten werden in Reinräumen produziert, was eine Satellitenfirma auf die Idee brachte, ihre Luftreinigungstechnik in Klassenzimmern zu nutzen. Und das soll sogar wirksamer sein, als Lüften. Unumstritten ist das nicht, jetzt wird getestet ...

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Wie Raketentechnik die Virenlast in der Luft senken könnte

Endlich wieder in die Schule gehen - ein Wunschtraum vieler Schüler und ihrer Eltern, der vermutlich noch einige Zeit unerfüllt bleiben wird. Dabei gäbe es Möglichkeiten das Ansteckungsrisiko in Schulen erheblich zu senken.

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Von
  • Arno Trümper

Axel Müller steigt auf Tische, kriecht unter Bänke und kniet vor einem Lüftungsgitter. Er befindet sich in einen Seminarraum des Instituts für Virologie am Münchner Klinikum Rechts der Isar. In der Hand hält er ein pistolenartiges Gerät das Rauch erzeugt, ganz ähnlich dem Partynebel in einem Club. Jedes Mal wehen die Rauchschwaden in eine bestimmte Richtung – nach oben, zur Seite, in die entgegengesetzte Richtung. Müller zeigt so die Luftzirkulation, die er in dem Raum erzeugt hat.

Viren und Aerosole werden mitgerissen und herausgefiltert

Die Luftströmung wird von einer Luftfilteranlage erzeugt, die er entworfenen hat: Im hinteren Bereich des Raums wird die Luft in Kniehöhe in den Raum eingeblasen. Sie wandert im Bodenbereich langsam nach vorn. Die Körperwärme der Schüler oder Studenten sorgt aber dafür, dass sich die Luft erwärmt und beginnt, nach oben zu steigen. Verstärkt wird das durch eine Absaugung, die sich unter der Zimmerdecke befindet. Es ist ein Rohr mit vielen kleinen Ansauglöchern.

Sollte ein Schüler mit Corona infiziert sein, dann gelangen die Viren und winzige Wassertröpfchen, die Aerosole, durch den Atem in die Raumluft. Da um die Schüler herum die Luft aufsteigt, werden die Viren ebenfalls nach oben transportiert und abgesaugt. Ein Filter reinigt die angesaugte Luft, die dann wieder hinten im Klassenzimmer eingeblasen wird. So schließt sich ein Luftkreislauf.

Mit Raumfahrttechnologie gegen Corona

Das Knowhow zur Luftreinigung hat Müller bei der Raumfahrtfirma OHB aus Oberpfaffenhofen erworben. Hier baut er sogenannte Reinräume. Das sind Montagehallen, in denen Satelliten- und Raketenteile montiert werden.

Verschmutzung und Kontamination haben schon zu Raketenabstürzen geführt. Darum werden Raketen und Satelliten heute in Räumen zusammengebaut, die eine extrem saubere Luft haben. Die hier verwendete Luftreinigungsmethode ähnelt stark dem Raumluftfilter für Klassenzimmer.

Mehr als ein üblicher Raumluftfilter

Raumluftfilter sind, gerade in Zusammenhang mit Corona, schon länger im Gespräch. Von der Senkung der Ansteckungsgefahr sind inzwischen einige, Wissenschaftler, Ärzte und Lehrer überzeugt. Allerdings sind die bisher gebräuchlichen Raumluftfilter Geräte, die an einem Punkt die Luft einsaugen, meist hinten im Klassenzimmer. Viren wandern hier also, im schlechtesten Fall, durch das gesamte Klassenzimmer, vorbei an Schülern.

Die Anlage von Müller saugt die Atemluft auf kürzestem Weg, entlang des Ansaugrohres mit den vielen Löchern, jeweils nach oben ab. Das, so hofft der Forscher, reduziert die Ansteckungsgefahr erheblich.

"Wir erhoffen uns von der Anlage, dass wir damit die Kinder von einander Trennen können, in dem wir eine unsichtbare Trennwand aus Luft generieren, die das Infektionsrisiko, von einer Person auf die andere massiv reduziert." Axel Müller
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Grafik zur Funktionsweise entsprechender Lüftungsanlagen

Kritiker glauben nicht an die Wirksamkeit

Allerdings: Solche Filteranlagen sind auch umstritten. Etwa der Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts der TU Berlin, Martin Kriegel, bezweifelt den Nutzen solcher Anlagen. Er glaubt, dass die Viren nicht zuverlässig aus der Luft entfernt werden könnten bzw. verhindert würde, dass sich andere anstecken. Der Schutz vor Infektionen, der durch so eine Anlage suggeriert würde, sei trügerisch.

"Die Menschen suchen eben nach einfachen Lösungen. Die Behauptungen (...) zur angeblichen Sicherheit durch Raumluftreiniger sind gefährlich und verantwortungslos." Martin Kriegel

Die Wirksamkeit soll nachgewiesen werden

Müller will die Wirksamkeit seiner Anlage beweisen. Er hat die Virologin Ulrike Protzer, Professorin am Münchner Klinikum Rechts der Isar, von seiner Idee überzeugt. Darum konnte er am Institut für Virologie ein Gerät aufbauen. Damit also der Praxistest im Universitätsalltag: Der Prototyp steht jetzt in einem Seminarraum und Forscher werden regelmäßig Messungen machen. Es soll die Virenlast im Raum und besonders auch in den Filtern der Anlage gemessen werden. So wollen die Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Effektivität ziehen.

"Die Hoffnung ist natürlich, wir sind ja hier in einem Seminarraum, dass man in diesem Raum sitzen kann und eine minimale Ansteckungsgefährdung hat, wenn man sich hier unterhält, wenn man einem Seminar zuhört oder auch miteinander diskutiert." Prof. Ulrike Protzer

Der Luftfilter filtert alles heraus: Staub und Aerosole, alle möglichen Viren, Bakterien, Pollen oder Feinstaub. Darüber würden sich etwa Allergiker freuen oder die, die sich nicht mit dem Frühjahrsschnupfen eines Mitschülers anstecken wollen. So könnten solche Luftfilteranlagen auch nach der Pandemie noch nützlich sein.

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