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Neuer Corona-Test: gurgeln, spucken, analysieren | BR24

© dpa/pa, Herbert P- Oczeret

Wiener Kroatien-Reiserückkehrende im Rahmen der "kostenlosen Covid-19 Tests" beim Walk-In und Drive-In mit erstmaligen Gurgeltests

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    Neuer Corona-Test: gurgeln, spucken, analysieren

    Wer den Corona-Test über sich ergehen lassen musste, weiß: angenehm ist das nicht gerade. Ein Wattestäbchen wird tief in den Rachen oder die Nase geschoben. Gurgeln ist da schon angenehmer. Doch ist der neue Test auch wirklich aussagekräftig?

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    Im Nachbarstaat Österreich wird er schon jetzt bei Reiserückkehrern in Wien angewendet, im Herbst soll eine große Studie mit Schülern folgen. Er ist angenehmer für die Testperson als aktuelle Corona-Tests, preiswerter und kann innerhalb von 24 Stunden ausgewertet werden. In Deutschland herrscht allerdings Skepsis über das neue Nachweisverfahren.

    Gurgel-Test in Österreich entwickelt

    Wer heute aus den Risikoreiseländern des Balkans zurückkommt und einen Stopp in Österreich als Urlauber einlegen will oder in Österreich wohnt, der wird an der Grenze aufgefordert am Wiener Ernst-Happel-Stadion einen PCR-Gurgeltest durchführen zu lassen.

    Die Idee zum neuartigen Testverfahren hatte das Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie, IMP, in Wien. Es schloss sich unter dem Namen "Vienna Covid-19 Diagnostics Initiative" mit 21 Wiener Forschungsinstituten zusammen. Molekularbiologe Alwin Köhler ist der Leiter des Verbundes und er ist überzeugt, dass bisher kein Nachteil gegenüber dem Nasen-Rachen-Abstrich entdeckt werden könne.

    "Die 'Gurgelmethode' eröffnet neue Möglichkeiten zur Proben-Entnahme." Alwin Köhler, Max Perutz Labs der Uni Wien

    60 Sekunden gurgeln mit Kochsalzlösung

    Das Verfahren ist einfach: Personen bekommen ein kleines Fläschchen mit Kochsalzlösung und Zucker gereicht. Die Flüssigkeit muss 60 Sekunden lang gegurgelt und anschließend in das Teströhrchen gespuckt werden. Die Forscher in Wien sind überzeugt, dass ein PCR-Gurgeltest genauso sensitiv und verlässlich ist wie der mit einem Wattestäbchen.

    Selbst für Kinder problemlos möglich

    Um zu testen, ob das Verfahren auch bei Kindern funktioniert, wurde es bereits bei Wiener Schülern in Einsatz gebracht. Sie wurden aufgefordert eigenständig eine solche Probe abzugeben. Nach Angaben der österreichischen Forscher gelang das 80 Prozent der Kinder ab sechs Jahren problemlos.

    Bis zu 4.000 Test pro Tag

    Bis zu täglich 4.000 Einzeltestungen können derzeit ausgeweitet werden. Das Ziel der Forscher ist es, einen "smarteren" Test flächendeckend zum Einsatz zu bringen - sprich, einen angenehmeren Test für alle Betroffenen zu entwickeln. Die Infrastruktur sei aber vor allem für Testungen unter Risikogruppen, im Bildungssystem oder bei Forschungsprojekten gedacht.

    "Das ist insbesondere auch attraktiv, wenn man an Kinder denkt, denn eine solche Abstrich-Entnahme in der Nase ist hier besonders schwer zu vermitteln", sagt Michael Wagner, Professor am Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft der Uni Wien.

    Beim Gurgeln entstehen Aerosole

    Die Forscher in Wien gehen davon aus, dass beim Gurgeln Aerosole, also kleine Tropfen, entstehen können, durch die das Virus potenziell übertragen werden kann. So heißt es in einer Pressemitteilung der Uni Wien. Das Virus würde sich vermehrt im hinteren Rachenbereich feststellen lassen, wo die Gurgelflüssigkeit gut hinkäme, erklärt Johannes Zuber vom Vienna Biocenter, das die Auswertungen vornimmt.

    Weniger geschultes Personal notwendig

    Der große Vorteil der Gurgelmethode: Leicht auch bei Kindern zu entnehmen, die Behörden brauchen weniger geschultes Personal, das eh derzeit besonders knapp ist und die strengen Schutzmaßnahmen fallen zum Teil weg. Die Zielvorstellung der Wiener Wissenschaftler ist es, dass jeder die Proben selbst zuhause nimmt und das Röhrchen dann bei einer Sammelstelle für das Labor einwirft.  

    Nach dem derzeit laufenden, großflächigen Test von Kroatien-Rückkehrern in Wien wird im Herbst ein zweiter großer Probelauf an Wiener Schulen starten. Die Stadt plant auch den verstärkten Einsatz bei Verdachtsfällen.

    Münchner Forscher an Entwicklung beteiligt

    An der Erforschung des neuen Tests beteiligt ist Professor Michael Wagner. Er stammt aus München und studierte und arbeitete an der TU. Seit 2003 ist er Leiter des Zentrums für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaften der Uni Wien. Er ist der Überzeugung, dass sich durch das Gurgeln genauso viel Probematerial für einen Nachweis gewinnen lässt wie durch einen Abstrich in der Nase.

    Sein Team ist ebenfalls an der Erforschung des Coronavirus im Abwasser beteiligt. Dadurch wollen die Wissenschaftler, wie auch bereits in Bayern, ein Frühwarnsystem für besonders betroffene Gemeinden oder für ein entsprechendes Versorgungsgebiet entwickeln.

    Bayerischer Apothekerverband ist skeptisch

    Auch in Bayern testen bereits die Unikliniken Augsburg und Regensburg die Gurgelmethode. Allerdings zeigt sich Ralf Schabik vom Bayerischen Apothekerverband skeptisch. Mit dem Probestäbchen, mit der die Flüssigkeit in der Nase entnommen wird, sei man näher am Geschehen, sagt Schabik. "Man glaubt, dass sich die SARS-CoV-2-Viren hauptsächlich in der Nase ansiedeln." Und damit, erklärt der Apotheker weiter, würde man die Viren mit dem Gurgeln nicht wirklich "erwischen".

    Zudem müsse berücksichtigt werden, dass bei einem in Deutschland gängigen PCR-Test immer ein Arzt dabei sei, der die korrekte Abnahme überprüfe, was beim Gurgeltest nicht vorgesehen ist.

    Wie funktioniert der PCR-Test

    "Der PCR-Test ist generell das Verfahren, mit dem wir hinterher die Proben untersuchen", erklärt Ralf Schabik vom Bayerischen Apothekerverband. "Die Probe, die von der Person entnommen wird, wird ausgewaschen und dann mittels einer Polymerase-Kettenreaktion (polymerase chain reaction, PCR) untersucht." Mit der entnommenen Flüssigkeit soll das Erbgut des Virus in unserem Körper nachgewiesen werden - also Spuren, die zeigen, dass es sich in uns befindet.

    In Deutschland gibt es zwei Varianten: den normalen PCR-Test und den PCR-Schnelltest (Kartuschentest). Sie unterscheiden sich in der Genauigkeit und vor allem im Preis, denn der Schnelltest ist deutlich teurer, aber auch weniger zuverlässig. Der Gurgelschnelltest ist ebenfalls ein PCR-Verfahren.

    Der PCR-Test stellt generell immer nur eine Momentaufnahme dar. Es spiegelt die Infektionslage zum Zeitpunkt der Entnahme wider. Am 26. März wurde der erste Schnelltest für SARS-CoV-2 zugelassen, es handelt sich um ein Projekt der Firma Bosch, mittlerweile gibt es noch weitere Zulassungen von Tests anderer Firmen.

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