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Neue Wege bei der Behandlung von Krebs-Patienten | BR24

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Bildrechte: picture alliance/KEYSTONE | GAETAN BALLY

Im Jahr 2018 waren Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Dabei entwickelt sich die Krebsmedizin weiter, hin zu einer individualisierten Behandlung. Der Patient rückt damit in den Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung.

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Neue Wege bei der Behandlung von Krebs-Patienten

Im Jahr 2018 waren Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Dabei entwickelt sich die Krebsmedizin weiter, hin zu einer individualisierten Behandlung. Der Patient rückt damit in den Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung.

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Von
  • Leonie Thim

Traudl Baumgartner ist zweimal an Brustkrebs erkrankt. Zum ersten Mal mit Anfang 30 schaffte sie es, die Tumorzellen zu bekämpfen. Doch zwanzig Jahre später kam der Krebs zurück. In diesen beiden Jahrzehnten starben zwei enge Verwandte der Münchnerin an Tumoren, und Traudl Baumgartner wurde bewusst, dass Krebserkrankungen vielleicht in ihrer Familie liegen könnten.

Familiäre Krebserkrankungen

Sie suchte nach ähnlichen Fällen in München. In Köln und Hannover fand sie Frauen mit gleichen Erfahrungen. "Mich mit denen auszutauschen war so hilfreich für mich, dass ich mir gedacht hab: Wenn ich mal wieder fit bin, dann werde ich auch in der Selbsthilfe aktiv, weil ich das so wichtig find", sagt Traudl Baumgartner heute.

Nachdem sie den Krebs ein zweites Mal besiegt hatte, trat sie dem BCRA-Netzwerk für Hilfe bei familiären Krebserkrankungen bei. Mit dem Netzwerk bietet sie Krebserkrankten bundesweit online Unterstützung und Information. Sie möchte darauf aufmerksam machen, dass es eine genetische Veranlagung für Krebs geben kann. "Niemand soll mehr sterben, nur, weil er oder sie nicht gut genug informiert ist", findet sie.

Dazu gehört ihrer Meinung nach auch, die Ärzte immer wieder für das Thema Krebs zu sensibilisieren, dass sie sich fortbilden und wenn sie selber nicht auf Tumorerkrankungen spezialisiert sind, ihre Patienten an die richtigen Stellen weiter verweisen, zum Beispiel an kompetente Krebszentren.

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20 Mio Menschen weltweit erkranken jedes Jahr an Krebs. Eine eher seltene Tumorerkrankung haben davon rund ein Viertel. Um für die Betroffenen die richtige Therapie zu finden, hat die LMU mit der AOK und dem Bund ein Projekt auf den Weg gebracht.

Mediziner fordern: Zugang für jeden zu Spitzenonkologie

Damit Krebstherapien erfolgreich sein können, sollten Erkrankte leicht Zugang zur onkologischen, also auf Krebserkrankungen ausgelegte Spitzenmedizin erhalten. Das sehen auch Onkologen des Münchner Tumorzentrums so. Mit Spitzenonkologie meinen die Experten den Übergang von der konventionellen Onkologie, so wie sie die vergangenen 40 Jahre praktiziert wurde, zu einer modernen Krebsmedizin, erklärt Prof. Hana Algül, geschäftsführender Direktor des Tumorzentrums München.

Weitläufig sei sie unter dem Begriff der personalisierten, individualisierten Krebsmedizin bekannt. "Damit wird nichts anderes als ein Paradigmenwechsel an sich eingeleitet", erklärt der Onkologe. "Damit stellen wir den Patienten und die Patientin in den Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung."

Neuere Bewegung in der Medizin: Patient Empowerment

Die Krebspatienten werden aktiv eingebunden in die Therapie. Sie erfahren die wichtigsten Daten und Fakten zu ihrer Erkrankung, verstehen den Sinn der Behandlung und können wirklich mitentscheiden. Patient Empowerment, also Befähigung des Patienten, heißt das.

Das kommt dem Bedürfnis vieler Erkrankter entgegen, erklärt Prof. Sebastian Theurich, Oberarzt an der Medizinischen Klinik III des LMU Klinikums. "Fast jeder Patient fragt: Was kann ich machen, dass ich die Heilungschancen erhöhe? Dass ich mich besser fühle und, dass ich wieder gut aus dieser Krisensituation rauskomme? Mit dieser Frage wird eigentlich jeder Onkologe, jede Onkologin täglich konfrontiert", sagt Sebastian Theurich.

Ernährung und Sport können Nebenwirkungen mindern

Gezielte Ernährung und Bewegung könnten helfen, Nebenwirkungen der Krebstherapie, wie Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erschöpfung zu mindern, erklärt der Onkologe. Ein individuelles Training könne das Immunsystem stärken und Muskeln erhalten, womit Patienten gestärkt in eine Chemotherapie gehen könnten.

Ernährung: Bunt ist gesund

Für eine gesunde Ernährung gilt sowohl für Krebspatienten als auch für Gesunde die Regel: bunt ist gesund. Das heißt, man sollte viel Obst und Gemüse essen, auch Fisch, dafür wenig tierische Fette und wenig rotes Fleisch, erklärt Theurich.

"Es ist so, dass in Deutschland gerade Krebspatienten Ernährungs- und Bewegungstherapien nur in etwas eingeschränkten Maße bekommen", sagt Theurich. Es sei eben nicht "so richtig etabliert" in der klinischen Medizin und die Krankenkassen zahlen die Sonderleistungen nicht. Das versucht der Oberarzt zu ändern. In einer bundesweiten Studie untersucht er, wie sich Ernährung und Sport auf die Krebstherapie auswirken.

Gezielte Ernährungs- und Sporttherapie in die Regelversorgung

Zwar gebe es Untersuchungen zu Sport und Ernährung in Krebstherapien, aber es gebe eben auch viele Mythen rund um das Thema. "Wir wollen das Ganze auf solide, seriöse Beine stellen, wissenschaftlich untersuchen, um diese Behandlung, die wir anbieten auch irgendwann in die Regelversorgung zu überführen", erklärt der Mediziner.

Die Therapie als Patient aktiv mitgestalten

Der Münchner Martin Baumer nimmt an der Studie teil, weil er schon immer sportlich war, wie er sagt. Nun will er mit dem individuellen Training und der gezielten Ernährung seine Krebstherapie unterstützen. Seit vergangenem November weiß der Lehrer, dass er Speiseröhrenkrebs hat.

Nach der Diagnose hatte er den Wunsch, selbst etwas für seine Gesundheit zu tun. Durch die Studie erhält er alle zwei Wochen eine Ernährungsberatung und zweimal die Woche ein individuelles Sporttraining. "Wenn man fit ist, so denke ich mir, hat man vielleicht auch bessere Chancen und wenn man gut ernährt ist, hilft das natürlich auch."

Zugang zu psychosozialer Hilfe

Nicht jeder Patient ist nach der Diagnose Krebs dazu in der Lage, selbst aktiv zu werden, erklärt Markus Besseler, Geschäftsführer der Bayerischen Krebsgesellschaft. Denn bei einer Krankheit wie Krebs spielten auch immer existentielle Fragen eine Rolle. "Mit der Diagnose Krebs legt man quasi eine Vollbremsung im Leben hin", sagt Besseler.

Die Bayerische Krebsgesellschaft bietet Erkrankten und ihren Angehörigen Hilfe und Information, zum Beispiel wie der Alltag mit Krebs gehandhabt werden kann oder wo sie Unterstützung für den Haushalt finden. Reden würde schon einmal helfen, erklärt der gelernte Psychologe. Aber die beste Therapie helfe nichts, wenn der Erkrankte nicht mitwirke. "Das heißt, eine Unterstützung nach unserem Verständnis sieht so aus, dass man Patienten dazu befähigt, mit der Erkrankung Leben zu lernen."

Patienten tragen viel Potenzial in sich

Den wenigsten Patienten sei bewusst, dass sie das Potenzial zur Krisenbewältigung bereits in sich tragen. Deswegen versuchen die Berater in der Bayerischen Krebsgesellschaft gemeinsam mit Erkrankten individuelle Bewältigungsstrategien zu entwickeln und neue Perspektiven für ihr Leben zu finden.

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