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Neue Vorwürfe gegen Security-Leitung im Bamberger Ankerzentrum | BR24

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Machtmissbrauch, strukturelle Gewalt - so lauteten Vorwürfe gegen Teile des Sicherheitsdienstes im Bamberger Ankerzentrum. Vorwürfe gehen weiter. Recherchen des BR zeigen: Das Führungspersonal könnte stärker involviert sein als bislang bekannt.

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Neue Vorwürfe gegen Security-Leitung im Bamberger Ankerzentrum

Machtmissbrauch, strukturelle Gewalt – so lauteten Vorwürfe gegen Teile des Sicherheitsdienstes im Bamberger Ankerzentrum. Vorwürfe gehen weiter. Recherchen des BR zeigen: Das Führungspersonal könnte stärker involviert sein als bislang bekannt.

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Im Oktober 2017 erstatteten Sicherheitsmitarbeiter der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken, heute Ankerzentrum, Anzeige gegen eigene Kollegen. Sie sollen über Monate gezielt Flüchtlinge schikaniert und gewaltsam angegangen haben. Der BR berichtete im Mai dieses Jahres über Hintergründe, nachdem sich mehrere ehemalige Mitarbeiter einem Reporter anvertraut hatten.

Im August 2018 hatte die Staatsanwaltschaft zwei Verfahren eingestellt. Doch Vorwürfe lassen weiterhin nicht nach.

Regierung von Oberfranken - noch immer Zusammenarbeit mit "Fair Guards Security"

Die im letzten Jahr eingestellten Verfahren richteten sich gegen eine Sondereinheit, die damals "Sonderteam" hieß. Ehemalige Mitarbeiter, zu denen der BR Kontakt hat, reden allerdings auch heute von einer zwar kleinen, aber in der Hierarchie des Sicherheitsdienstes mächtigen Sondereinheit, die einen gezielten Aggressionskurs gegen Bewohner des Bamberger Ankerzentrums fahren würde.

Der BR hat nachgefragt, was die Regierung von Oberfranken unternommen hat. Sie ist als Betreiber des Ankerzentrums auch Auftraggeber der Firma Fair Guards Security, die die Sicherheit in der zentralen Flüchtlingsunterkunft verantwortet. Die Bezirksregierung betont durch ihren Sprecher Michael Weiser, dass sämtliche bisher abgeschlossene Ermittlungsverfahren ohne strafrechtliche Konsequenzen blieben.

"Wir betonen, dass sämtliche bisher abgeschlossenen Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter der Security in der Einrichtung kein strafbares Fehlverhalten der Sicherheitsdienstmitarbeiter festgestellt haben." Stellungnahme Regierung von Oberfranken

Mehrfache Hinweise auf strukturelle Gewalt

Bis Mai 2019 hatten sich bereits sieben ehemalige Mitarbeiter dem BR anvertraut, berichteten Details über das besagte Sonderteam. Wie eine Art Clique habe dieses innerhalb der Security funktioniert. Mitglieder hätten sich untereinander immer wieder mit rassistischen Sprüchen über Bewohner hochgeschaukelt, Geflüchtete gezielt provoziert und misshandelt.

Dem BR liegen zudem polizeibekannte Inhalte eines WhatsApp-Chats vor. Sie belegen, dass im Sommer und Herbst 2017 innerhalb der Security eine solche Gruppe existierte, die zur Gewalt und rassistischen Hetze neigte. Auch über die Chats berichtete der BR erstmals im Mai.

Rassistische Security-Chats aus dem "Sonderteam"

Geht es nach einem Schichtplan aus dem Jahr 2017, den der BR einsehen konnte, so kamen die fünf Mitglieder dieser WhatsApp-Gruppe vorwiegend aus dem Umfeld des damaligen Sonderteams. Auch damals schon zuständig für die Sicherheit in der Einrichtung: die Firma Fair Guards Security. Der damalige Sicherheitschef: auch heute noch in Bamberg in dieser Funktion.

Gegen ihn liege nichts vor, erklärt die Regierung von Oberfranken auf Anfrage des BR. Von den Chats wisse man allerdings seit Ende der Ermittlungen. Also schon seit dem letzten Jahr. Da waren die Chat-Mitglieder bereits suspendiert, so die Bezirksregierung.

"Wir betonen, dass wir Übergriffe jeglicher Art gegen Bewohner nicht tolerieren, ebenso wenig wie die Einstellung, die sich aus Chats der von Ihnen angesprochenen WhatsApp-Gruppe von fünf Mitarbeitern ergibt. Über diese Gruppe informierte die Polizei die Regierung nach Abschluss der Ermittlungen. Wären die Mitglieder dieser WhatsApp-Gruppe nicht schon aufgrund der Ermittlungen suspendiert gewesen, hätten sie spätestens zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Chats ein Beschäftigungs- und Hausverbot für und in der AEO erhalten." Stellungnahme Regierung von Oberfranken

Vorwürfe auch gegen Sicherheitschef

Fair Guards-Geschäftsführer Stefan Ketterer will sich gegenüber dem BR auch heute nicht näher zu Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiter äußern. Auch sein Sicherheitschef stehe weiterhin nicht für Fragen zur Verfügung.

Ehemalige Mitarbeiter halten es für einen schweren Fehler, dass zwar Mitglieder des damaligen Sonderteams vor die Tür gesetzt wurden, aber nicht mit ihnen der Sicherheitschef. Nicht nur hatte er den Aufbau des Sonderteams mitzuverantworten. Er habe auch das Verhalten der Truppe nach außen gedeckt.

Zudem habe der Sicherheitschef eine neue Sondereinheit aufgebaut und einen Mitarbeiter zum Supervisor benannt, dessen Name schon in einem Einsatzplan des einstigen Sonderteams zu lesen ist. Der BR konnte das Dokument einsehen.

Supervisor ohne Sachkundeprüfung?

Fraglich auch: die Qualifikation dieses Supervisors, der seine Sachkundeprüfung nicht bestanden habe. So heißt ein Test der Industrie- und Handelskammer, in dem Kandidaten Kernfähigkeiten nachweisen: wie zum Beispiel die, in sensiblen Situationen zu deeskalieren, Eskalationen zu verhindern. Auch interkulturelle Kompetenzen werden geprüft. Securities, die in einer Flüchtlingsunterkunft Führungsposten übernehmen, müssen den Test bestehen. So verlangt es die Gewerbeordnung.

Den Vorwurf, der Mitarbeiter sei an dem Test gescheitert, dementiert die Regierung von Oberfranken gegenüber dem BR nicht, teilt jedoch mit, bei der betreffenden Personalie würde es sich um keinen Mitarbeiter in leitender Funktion handeln. Ähnlich sieht es der Geschäftsführer von Fair Guards. Bei der Benennung des Mitarbeiters zum Supervisor habe es sich nur um eine Maßnahme "im firmeninternen Bereich ohne Weisungsbefugnis" gehandelt, so Stefan Ketterer.

Brisantes Schreiben

Jedoch: Ende November 2018 wandte sich Ketterers Bereichsleiter, also der besagte Sicherheitschef, an die Mitarbeiter - per Schreiben, das dem BR vorliegt. Der neue Supervisor wird darin sogar mit der "Überwachung des Tagesablaufes" beauftragt. Nur Schichtleiter sind ihm laut Schreiben nicht unterstellt. Ansonsten sei er gegenüber "allen im Ankerzentrum Oberfranken eingesetzten Mitarbeitern Weisungsbefugt" (Großschreibung und Fettdruck im Original).

Die Regierung von Oberfranken erklärt durch ihren Sprecher, das Schreiben nicht zu kennen. Und Fair Guards-Geschäftsführer Ketterer? Konfrontiert mit dem Schreiben, relativiert dieser erneut. Das Schreiben sei so auszulegen, dass dem Supervisor "in Ausführung seiner Aufgaben Auskunft zu erteilen ist."

"Der Begriff weisungsbefugt erscheint hier nicht zweckmäßig." Stefan Ketterer, Geschäftsführer Fair Guards Security

Er teilt also mit, dass der betreffende Mitarbeiter nicht weisungsbefugt sei, obwohl dies in dem vorliegenden Schreiben genau so formuliert und durch Fettdruck hervorgehoben ist. Auch lassen die Aussagen ehemaliger Mitarbeiter durchaus auf die Führungskompetenzen des Supervisors schließen, die das Schreiben vorsieht.

Neues Vergabeverfahren für Sicherheitsdienst - Fair Guards Security will im Ankerzentrum bleiben

Inzwischen sind die Fristen eines neues Vergabeverfahrens für den Sicherheitsdienst im Bamberger Ankerzentrum verstrichen. Nach offiziellen Angaben sei das Verfahren aber noch nicht abgeschlossen.

Fair Guards-Geschäftsführer Stefan Ketterer erklärt auf BR-Nachfrage, man habe sich erneut beworben und sehe sich auch künftig in der Lage, die Sicherheit im Bamberger Ankerzentrum zu verantworten.