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Studie: Warum Latein schlechter ist als sein Ruf | BR24

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Soziologe Jürgen Gerhards: Latein macht nur schlau, weil viele dran glauben.

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Studie: Warum Latein schlechter ist als sein Ruf

Wer Latein lernt, lernt logisch denken und hat es mit anderen Sprachen leichter, glauben viele. "Stimmt nicht", fasst der Soziologe Jürgen Gerhards von der FU-Berlin die Ergebnisse seiner Studie zusammen. Gut ist Latein nur für eines.

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Sie sagen, Latein zu lernen, bringt gar nicht so viel, wie immer behauptet wird. Weder fürs logische Denken noch für andere Sprachen. Können Sie das beweisen?

Jürgen Gerhards: Man muss vorweg fragen: Warum lernt man überhaupt eine Sprache? Eine Sprache lernt man, um sich mit anderen Leuten verständigen zu können. Und das gilt für Latein natürlich nicht. Dass Latein einen anderen Nutzen hat, dass es das logische Denken fördert, das Grammatik-Verständnis oder den Erwerb anderer Fremdsprachen erleichtert, wird durch unseren Forschungsstand nicht bestätigt. Man muss das vergleichen mit Leuten, die im gleichen Zeitraum eine andere Sprache lernen, die noch gesprochen wird, wie zum Beispiel Französisch. Wenn man das tut, sieht man, dass der Lern-Zuwachs in diesen Faktoren im Grunde nicht gegeben ist.

Latein ist also schlechter als sein Ruf?

Jürgen Gerhards: Latein ist in der Tat schlechter als sein Ruf. Aber: Was wir zeigen können, ist, dass die Leute daran glauben, dass Latein das logische Denken fördert. Ich nenne mal zwei Zahlen: 80 Prozent der von uns befragten Eltern sagen, dass Latein das logische Denken befördert, aber nur acht Prozent sagen, dass eine moderne Fremdsprache das tut. Wir haben es hier mit einem Spannungsverhältnis zu tun: Einerseits zeigt die Wissenschaft, Latein bringt in diesem Sekundärnutzen nichts, aber die Leute glauben daran, dass es was bringt. Dieser Glaube – das ist ein bisschen wie in der Geschichte "Des Kaisers neue Kleider" – dieser Glaube ist selber wirksam. Wir haben deshalb "Des Kaisers alte Kleider" als Titel für unseren wissenschaftlichen Aufsatz genommen.

Sie als Wissenschaftler sind ja dann derjenige, der sagt: "Schaut mal hin, der Kaiser hat ja nichts an". Welche Reaktionen bekommen Sie, etwa von Altphilologen?

Jürgen Gerhards: Naja, man kann sich vorstellen, dass die Altphilologen nicht sonderlich amüsiert sind. Das ist ja auch eine Interessengruppe, die ihr Fach verteidigt und in gewisser Weise auch ihre Pfründe. Wenn kein Schüler mehr Latein wählen würde, dann wäre eine ganze Berufsgruppe von der Arbeitslosigkeit bedroht. Das man sich dagegen wehrt, ist natürlich verständlich.

Würden Sie sagen, Latein ist überholt und sollte eigentlich raus aus dem Stundenplan?

Jürgen Gerhards: So weit würde ich nicht gehen. Ich finde, das sollen die Eltern und Schüler selber entscheiden. Man muss aber Folgendes sagen: Die Stundentafel, also die Anzahl der Stunden, die in der Schule zur Verfügung stehen, ist ja begrenzt und insofern gibt es da ein automatisches Konkurrenzverhältnis zwischen verschiedenen Fächern. Ich würde angesichts der Tatsache, dass wir in einer globalisierten Welt leben und Fremdsprachen immer wichtiger werden, empfehlen, eher eine moderne Fremdsprache zu wählen.

Aber das Gegenteil ist der Fall: Seit Ende der 90er-Jahre ist der Anteil der Schüler, die Latein wählen, von rund 26 auf 32 Prozent gestiegen. Wie können Sie sich denn das erklären?

Jürgen Gerhards: Ja, das ist richtig. Auch das haben wir untersucht. Wenn man sich die Entwicklung des Abiturs und des Gymnasiums in den letzten 15 Jahren anschaut, sieht man, dass wir es mit einer Bildungsexpansion zu tun haben: Immer mehr Schüler absolvieren das Abitur. Das bedeutet für die mittleren sozialen Schichten eine Konkurrenzsituation. Soll heißen: Es kommen immer mehr Leute aus den unteren Schichten, die auch Abitur machen. Die Eltern der mittleren und oberen Schichten sind in gewisser Weise besorgt über diese Entwicklung, weil sich dadurch die Konkurrenz für sie erhöht. Die Strategie der mittleren und oberen Schichten ist, sich von den unteren Schichten abzugrenzen. Und eine Abgrenzungsstrategie ist Latein.

Jetzt haben sie Latein ganz schön zerpflückt. Haben Sie für die Eltern, deren Kinder Latein haben, irgendetwas zum Trost?

Jürgen Gerhards: Ja. Die können sich auf den zweiten Teil unserer Untersuchung berufen: Alle glauben an den Nutzen von Latein. Und weil das so ist, wirkt Latein tatsächlich.