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Neue Leidenschaft: Junge Menschen für Europa | BR24

© dpa-Bildfunk Daniel Schäfer

Teilnehmer der "Pulse of Europe"-Demonstration in Dresden 2019

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    Neue Leidenschaft: Junge Menschen für Europa

    Brexit, Finanzkrise, Rechtspopulismus – überzeugte Europäer haben genügend Grund zur Sorge. Gerade viele junge Menschen wollen deshalb spätestens zur Europawahl gegensteuern. Sie vernetzen sich oder engagieren sich in proeuropäischen Initiativen.

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    Im Herbst 2016 gründete das Frankfurter Ehepaar Daniel und Sabine Röder die Bürgerinitiative "Pulse of Europe". Die beiden wollten nicht mehr zuschauen, wie ihr Europa sang- und klanglos den Bach runtergeht. Den letzten Anstoß gaben das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps in den USA. Ab jetzt ging es darum, die vermutete schweigende Mehrheit wachzurütteln. Also aktivierte das Frankfurter Rechtsanwälte-Paar nach und nach erst den eigenen Bekanntenkreis, dann die ganze Republik. Markenzeichen von "Pulse of Europe" ist die strikte Überparteilichkeit, oder wie es Sabine Speck, Aktivistin der ersten Stunde, formuliert:

    "Da kann jeder mitmachen. Da ist jetzt keine Ausrichtung. Pulse of Europe ist für das positive Grundrauschen zuständig. Ich stehe positiv zu einer offenen europäischen Gesellschaft." Sabine Speck, Pulse of Europe

    Nur Bestehendes zu bewahren reicht nicht

    Positives Grundrauschen als Leitmotiv – das reicht nicht jedem, der sich für Europa einsetzt. In einem Café am Potsdamer Platz in Berlin treffen wir Katja Sinko. Mit ihrer Kampagne "The European Moment" wolle sie mehr, als nur das Bestehende bewahren, erzählt die 28-jährige gebürtige Rostockerin. Reformen müssten her und zwar schnell:

    "Es muss was Neues geben. Es ist mir egal, wie es heißt, ob es die Vereinigten Staaten von Europa sind, der Europäische Bundesstaat oder die Europäische Republik. Aber so, wie es gerade ist, muss es verändert werden. Und ich glaube, diese Debatte anzustoßen, das schafft man halt nicht, indem man nett bleibt." Katja Sinko, The European Moment

    Sogenannte disruptive Aktionen seien dafür das beste Mittel der Wahl. Wichtig sind ihr dabei die verschiedenen Blickwinkel, die es einzunehmen gelte.

    "Wie wäre es denn, nehmen wir die Stadt Mainz, wenn man dort den Bürgermeister, der offen homosexuell ist, einfach mal festnehmen lässt, öffentlich – natürlich in Absprache mit ihm. Oder man sucht sich einen Fußball-Trainer, der sich ganz klar für Geflüchtete einsetzt. Wie wäre es, wenn wir zwischen Rheinland-Pfalz und NRW Grenzkontrollen in den Zügen abhalten, um einfach mal aufzuzeigen, wie es denn wäre, wenn wir wieder zurückgehen würden. Vielleicht löst das ja bei manchen Menschen etwas aus." Katja Sinko, The European Moment

    Grenzüberschreitendes Denken ganz selbstverständlich

    Auf ein vereintes und demokratisches Europa setzen alle proeuropäischen Bewegungen. Die Beschäftigung mit grenzüberschreitender, transnationaler Politik sei für sie mittlerweile etwas ganz Natürliches geworden – anders als in früheren Generationen, sagt der Berliner Politikwissenschaftler Manuel Müller:

    "Die Generation Erasmus ist da so ein Schlagwort. Viele junge Menschen, die Europa als ihren natürlichen politischen Lebensraum wahrnehmen, sind enttäuscht von der nationalen Politik und suchen deswegen eigene transnationale Organisationsstrukturen, in denen sie von Anfang an europäische Politik umsetzen können." Manuel Müller, Politikwissenschaftler

    Zu diesen von den etablierten Parteien und ihrer Europapolitik Enttäuschten gehört auch die 23-jährige Studentin Eileen O´Sullivan. Die gebürtige Frankfurterin mit irisch-türkischen Wurzeln tritt bei der Europawahl für die Kleinpartei "Volt" an. In einer Frankfurter Künstlerwerkstatt erklärt sie, wie die Partei – anfangs noch als Bewegung – Ende März 2017 gegründet wurde.

    "Volt ist praktisch entstanden, als sich drei Freunde unterhalten hatten über den Brexit, über die Trump-Wahlen und über den generellen Rechtsruck in Europa. Das waren Damien, Colombe und Andrea. Fängt irgendwie ein bisschen an wie ein schlechter Witz: Ein Italiener, eine Französin und ein Deutscher fangen eine Partei an." Eileen O´Sullivan, Mitglied bei Volt

    Der Berliner Politikwissenschaftler Müller beschreibt "Volt" als eine Partei, die einen proeuropäischen Zentralismus vertritt, nicht weit entfernt von dem, was etablierte Parteien bereits anböten, nur eben bis ins Letzte europäisch durchdekliniert. Beispiel Verteidigungspolitik:

    "Diese Idee, dass nationale Armeen, jedes Land seine eigene Verteidigungsfähigkeit erhalten müsste, und seine eigenen politischen Strategien in der Weltpolitik verfolgen müsste, damit fängt Volt nichts an. Sondern, da ist die Überzeugung einfach groß, dass Europa nur als gemeinschaftlicher Akteur in der Welt eine Rolle spielen kann." Manuel Müller, Politikwissenschaftler

    Eine etwas andere politische Ausrichtung verfolgt "Diem25". Die Bewegung hat es sich zur Aufgabe gemacht, europaweit linke Politik zu bündeln. Eine der Besonderheiten des paneuropäischen Bündnisses ist ihr deutscher Spitzenkandidat: Janis Varoufakis, ehemaliger griechischer Finanzminister, Ökonom und Gründer von "Diem25".

    "Europa, Deutschland, die europäische Peripherie, Frankreich zerfallen wegen vier paralleler Krisen: öffentliche Schulden, faule private Kredite, geringe Investitionen in nachhaltige Technologien und einen Mangel an Armutsbekämpfung. Diese vier großen Krisen haben wir in Europa alle gemeinsam." Janis Varoufakis, Gründer von "Diem25"

    In ihrem Programm bekennt sich "Diem25" zwar zur Europäischen Union als Gemeinschaft, bemängelt aber vermeintliche ökonomische Kurzsichtigkeit, Intransparenz und eine in Brüssel weitverbreitete Beamtenmentalität.

    Wunsch nach Bündelung der Kräfte

    Insbesondere vor der Europawahl ist der Wunsch nach einer Bündelung der Kräfte besonders stark zu spüren und gilt für alle, die sich mit europäischer Politik beschäftigen, ob nun als Einzelkämpfer, in Bewegungen oder in Parteien. Welchen Zulauf sie haben, und wie insbesondere "Volt" und "Diem25" bei der Europawahl abschneiden werden, ist schwer vorherzusagen.

    Denn die europäischen Umfrageinstitute weisen in ihren Erhebungen meist nur Werte über drei Prozent einzeln aus, alles andere wird nicht erfasst. So auch in Deutschland, obwohl hier die Chancen für Kleinstparteien am größten sind. Schließlich ist es möglich, mit weniger als einem Prozent der Stimmen einen Sitz im EU-Parlament zu ergattern.