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Seit der großen Fluchtbewegung über den Balkan 2015 versperren meterhohe Zäune und Grenzanlagen die Wege für Flüchtlinge und Migranten.

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Neue Balkanroute: Flüchtlinge im rumänischen Grenzgebiet

Seit der großen Fluchtbewegung über den Balkan 2015 versperren meterhohe Zäune und Grenzanlagen die Wege für Flüchtlinge. Deren Routen ändern sich häufig. Zurzeit versuchen immer mehr Menschen, über Rumänien in den Westen zu kommen.

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Von
  • Srdjan Govedarica

Ein Acker im Westen Rumäniens irgendwo im Nirgendwo. Zusammen mit vier weiteren Männern versteckt sich Hassein aus Afghanistan hier im Gebüsch vor der rumänischen Polizei. Die Männer hausen in Zelten. Sie werden von Freiwilligen einer Hilfsorganisation aus Temeswar mit Essen versorgt. Und sie haben einen Plan:

Jede Nacht gehen die Männer zu einem Lkw-Rastplatz an der nahegelegenen Autobahn. Von hier aus versuchen sie sich auf einen Lastwagen zu schmuggeln, der sie weiter nach Westen bringt. Bislang ohne Erfolg – entweder seien sie von den Fahrern der Lkws erwischt und vertrieben oder von der Polizei kontrolliert worden, erzählt Hassein.

Tagsüber im Gebüsch, nachts auf der Suche nach Fluchtwegen

Wenn die Polizei die Männer aufgreift, werden sie in ein Asylzentrum gebracht. Nach Temeswar oder in einen anderen Ort des Landes. Damit entfernen sich die Männer aber von der Grenze und dem Lkw-Rastplatz. Deshalb verstecken sie sich tagsüber im Gebüsch – obwohl sie in den Asylzentren ein Dach über den Kopf und eine sichere Unterkunft hätten.

"Die Leute wollen ja nicht wirklich hier bleiben," sagt Dominic Fritz, Bürgermeister von Temeswar. "Sie stellen ja den Antrag nicht, damit sie hier Asyl bekommen, sondern weil sie dann ein Jahr lang einen Aufenthaltstitel bekommen. Und innerhalb dieses Jahres versuchen sie weiterzuziehen."

Der 38-jährige Deutsche Dominic Fritz ist seit Oktober 2020 Bürgermeister von Temeswar. Er sagt, die Zahl von Flüchtlingen und Migranten in der Stadt habe sich seit November 2020 verdreifacht. Das sei auch im Stadtbild zu sehen.

Trotz Zäunen: Neue Fluchtrouten über den Balkan

Nach Angaben des Generalinspektorats der Grenzpolizei in Bukarest habe man im ersten Quartal 2021 rund 6.500 - wie es heißt "illegale Grenzübertritte ausländischer Staatsbürger" festgestellt. Im Gesamten Jahr 2020 seien es rund 10.000 gewesen. Und die 350.000-Einwohner-Stadt Temeswar mit ihrer Lage im Dreiländereck zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn ist inzwischen zu einer Art Drehscheibe geworden.

Bürgermeister Fritz sagt, die Bürger von Temeswar seien weltoffen und gastfreundlich. Es sei keine Stadt, in der Ausländerhass Platz habe, ganz im Gegenteil: "Wir sind stolz hier auf die Geschichte des friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen."

Situation in Temeswar neuerdings angespannt

Dennoch sei die Situation inzwischen schwierig. Und sie habe sich in den letzten Monaten sehr zugespitzt, so Fritz. Mitte April wurde bei einer Schlägerei zwischen zwei Gruppen von Flüchtlingen und Migranten ein Mann getötet.

Danach änderten die Behörden ihre Strategie. In Rumänien werden Migranten und Flüchtlinge nach ihrer Ankunft im Land in Flüchtlingsunterkünften registriert. Wenn sie aufgegriffen werden, bringt man sie nun sofort dorthin zurück. Auch wenn die Flüchtlingsunterkunft, die ihnen ursprünglich zugeteilt wurde, weit entfernt ist.

Hoffen auf Fluchtfahrzeug Richtung Deutschland

Das Problem: Viele zieht es trotzdem wieder nach Temeswar und ins Grenzgebiet zurück. So wie Hassein aus Afghanistan und seine Begleiter. Sie sind gerade dabei, eine Essensspende in ihren Zelten zu verstauen, die ihnen ein Mitarbeiter der NGO Casa Logs mitgebracht hat. Auch ein Paar Socken, Wasserflaschen und einige Medikamente haben die Männer bekommen. Nun wollen sie sich etwas ausruhen.

Am Abend geht es dann wieder wie jeden Tag zum Lkw-Parkplatz an der Autobahn, irgendwo im Nirgendwo in der Nähe von Temeswar. Hassein hofft, dass es bald klappt und er es unter einer Lkw-Plane nach Deutschland schafft. Doch seine Chancen stehen schlecht, sagt uns Mujeeb. Der junge Afghane ist schon lange in Rumänien und hilft als Freiwilliger bei der NGO Casa Logs aus. Er weiß: "Die Polizei ist überall hier, auch die Grenzpolizei. Ich glaube nicht, dass sie es schaffen werden. Es ist zu schwer."

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