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Bildrechte: dpa

Wolf im Bayerwald-Tierpark Lohberg

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    Neu entfachte Debatte: Wann dürfen Wölfe abgeschossen werden?

    Landwirtschaftsministerin Klöckner hat sich für einen gezielten Abschuss einzelner Wölfe in Deutschland ausgesprochen - in Regionen wie Niedersachsen, wo bereits viele Tiere leben. Wird auch in Bayern die Diskussion um das Konfliktthema neu befeuert?

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    Von
    • Doris Fenske

    Der gute "Erhaltungszustand" des Wolfs sei in einigen Bundesländern erreicht, so Julia Klöckner. Die CDU setze sich daher für ein regionales Bestandsmanagement ein. Fast 3.000 Nutztiere seien in Deutschland im Jahr 2019 durch Wölfe verletzt oder getötet worden.

    Auch im Freistaat wurden immer wieder Forderungen laut, Wölfe abzuschießen und sogenannte wolfsfreie Zonen einzurichten. Viele Almbauern und Weidetierhalter sind gegen die Rückkehr des Wolfs, der in Bayern vor etwa 150 Jahren ausgerottet wurde.

    Bauernverband fordert gezielte Dezimierung von Wolfsbeständen

    Stefan Köhler, Umweltpräsident des Bayerischen Bauernverbands, ist der Meinung, die Rückkehr des Wolfs und Weidetierhaltung seien nicht vereinbar. Durch den massiven Anstieg der Wolfsbestände sei eine Tierhaltungsform in Gefahr, die einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert genießt. Köhler begrüßt daher die Position der Bundeslandwirtschaftsministerin, nicht nur "Problemwölfe" zu entnehmen, sondern bei günstigem Erhaltungszustand die Wolfsbestände gezielt zu dezimieren.

    Tierschützer: Herdenschutz vor Abschuss

    Andreas von Lindeiner, Artenschutzexperte beim Landesbund für Vogelschutz, ist nicht grundsätzlich dagegen, einzelne Wölfe zu töten, sollten sie Probleme verursachen. Das sei aber erst der letzte Schritt. Jetzt ginge es erst einmal darum, gemeinsam praxistaugliche Maßnahmen konsequent umzusetzen und auch weiter zu entwickeln.

    Dazu müssten erst Herdenschutzmaßnahmen, wie etwa wolfsabwehrende Zäune, konsequent umgesetzt werden. Und das Know-how dazu weiterentwickelt werden. Sollte der günstige Erhaltungszustand erreicht sein, macht es laut Andreas von Lindeiner keinen Sinn, pauschal eine Regulierung vorzunehmen: Wenn ein Wolf keinerlei Probleme mache, gebe es keinen guten Grund, ihn zu töten.

    Was genau ist ein "günstiger Erhaltungszustand"?

    In Bayern ist der Wolf inzwischen in neun Regionen dauerhaft heimisch: Einzeltiere leben in der Rhön, in den Allgäuer Alpen und auf dem Truppenübungsplätz Hohenfels. Rudel gibt es im nördlichen und südlichen Nationalpark Bayerischer Wald, im Manteler Forst in der Oberpfalz, im Veldensteiner Forst in Oberfranken und auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Im Vergleich zu den nordöstlichen Bundesländern leben bei im Freistaat verhältnismäßig wenige Wölfe. Laut Bundesamt für Naturschutz wurde der Erhaltungszustand der Wölfe in Deutschland bislang als ungünstig bis schlecht bewertet.

    Das liegt, trotz Vermehrung, an der noch zu geringen Anzahl und Verbreitung der Tiere. Erst wenn es Wölfe auch in bisher nicht vom Wolf besiedelten, aber besiedelungsfähigen Gebieten gibt und die Anzahl so groß ist, dass der Wolf auch langfristig in Deutschland ohne Inzuchtserscheinungen überleben kann, kann sein Erhaltungszustand mit "günstig" bewertet werden, so die Argumentation.

    Bayern ist Drehscheibe für Austausch verschiedener Populationen

    Andreas von Lindeiner warnt davor, den günstigen Erhaltungszustand fehlzuinterpretieren. "Abschuss-Befürworter sehen die bayerischen Wölfe als Bestandteil der polnischen und mitteldeutschen Population. Weil es in diesen Regionen deutlich mehr Wölfe gibt, könne man in Bayern den Wolf ja dezimieren, so die Argumentation. Das ist nicht legitim, wir haben in Bayern eine besondere Verantwortung für den Wolf."

    Denn für den Erhaltungszustand sei auch wichtig, welche Funktion das jeweilige Gebiet habe. Bayern sei eine Art Drehscheibe für den Austausch verschiedener Populationen aus dem Norden mit denen aus den Alpen und dem Balkan. Damit komme dem Freistaat eine wichtige Bedeutung zu, die sich von Brandenburg oder Niedersachsen unterscheide.

    Rechtfertigen mehr Wolfsübergriffe den Abschuss?

    2020 gab es in Bayern zwölf bestätigte Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere. Die Folge: 38 tote Nutztiere. Im Jahr 2019 waren es vier Übergriffe mit fünf toten Nutztieren. Auch 2021 werden wieder Angriffe gemeldet - etwa aus Oberfranken, dem Landkreis Neumarkt oder dem Veldensteiner Forst.

    Stefan Köhler, Umweltpräsident des Bauernverbands hält die aktuelle Situation mit zunehmenden Wolfsangriffen auf Nutztiere für untragbar für die die Bauernfamilien, "weil sie immer in der Sorge leben, am nächsten Tag tote oder verletzte Tiere vorzufinden".

    Lernfähige Wölfe?

    Naturschützer wie Andreas von Lindeiner halten die Forderung nach Abschuss für zu kurzfristig gedacht. "Günstige Reviere werden offensichtlich gerne wiederbesetzt, das kennen wir auch von anderen Tierarten wie dem Biber." So könnten nach einem Abschuss wieder Wölfe nachfolgen, die Probleme machen. Effektiver sei der Weg, von dem Schäfer in anderen Bundesländern berichten.

    "Wenn ein Rudel gelernt hat, dass es Weidetiere in Ruhe lassen muss, dann verhindert dieses Rudel, dass einzelne durchziehende Wölfe, die diese Lernerfahrung noch nicht gemacht haben, sich ansiedeln." Andreas von Lindeiner

    In Europa sind keine Übergriffe auf Menschen bekannt

    Gegensätzlich sind die Positionen von Naturschutz und Bauernverband auch in einem anderen Punkt. Stefan Köhler spricht vom "Verlust an vertrauter Sicherheit auf dem Land und die zunehmende Angst und emotionale Belastung der bäuerlichen Familien und ihrer Kinder." Ähnlich hat sich auch Julia Klöckner geäußert. Sie könne sehr gut nachvollziehen, dass Eltern um ihre Kinder besorgt seien.

    Dem widerspricht Andreas von Lindeiner deutlich und plädiert dafür, beim Thema Wolf sachlich zu bleiben statt zu dramatisieren. So hätte es in den letzten Jahrzehnten nie eine gefährliche Begegnung zwischen Wolf und Mensch gegeben. "Fälle aus dem Iran, in Indien, in Russland, die im Zusammenhang mit Wolfsangriffen bekannt wurden, da hat eben auch die Tollwut eine Rolle gespielt. Das ist bei uns nicht der Fall."

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