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Negative Zinsen: EZB-Politik belastet Spar- und Girokonten | BR24

© Sabina Wolf/BR

Das Ersparte gehört dem Sparer. Das galt bisher. Doch zunehmend belasten Negativzinsen die Depots und knabbern Guthaben an. Banken und Sparkassen verweisen auf die Negativzins-Politik der Europäischen Zentralbank.

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Negative Zinsen: EZB-Politik belastet Spar- und Girokonten

Sparer und Kontoinhaber erleben dramatische Zeiten. Ihre Guthaben werden gekündigt oder sie rentieren sich nicht mehr. Negative Zinsen entwerten das Ersparte. Eine Zinswende ist nicht in Sicht, zeigt das ARD-Politmagazin report München exklusiv.

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100 Euro auf der Bank sind plötzlich weniger wert. Denn, wenn der Bankkunde das Geld nach einem Jahr abhebt, bekommt er nur 99,50 Euro zurück. Wie kann das sein? Schuld sind die Negativzinsen, die die Bank dem Kunden in Rechnung stellt.

Minus 0,5 Prozent berechnen manche Banken in Deutschland ab dem ersten Euro auf dem Girokonto bereits. Das schafft Verunsicherung und Verdruss.

Banken kündigen Sparverträge

Und auch das verärgert: Zigtausend Sparkassen-Kunden flattert derzeit eine Kündigung ihrer Sparverträge ins Haus. Auch Wolfgang Specht aus München hat es getroffen. Er ist stinksauer. Jahrelang hat er gespart und jetzt das: Die Stadtsparkasse München kündigt am 25. September 2019 den Spar-Vertrag, den er für seine Tochter vor rund 20 Jahren abgeschlossen hat.

"Das ärgert mich! Denn als langjähriger Kunde der Stadtsparkasse, nämlich 60 Jahre - vom Kleinkindalter mit der grünen Spardose an - da erwartet man sich eigentlich ein anderes Vertrauensverhältnis. Ich fühle mich getäuscht." Wolfgang Specht, Sparkassen-Kunde aus München

Begründung der Stadtsparkasse die Geschäftsbeziehung abrupt zu beenden: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Bankgeschäft hätten sich grundlegend geändert. Man müsse "0,5 Prozent Zinsen an die Europäische Zentralbank zahlen."

Zwar hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit den Bank- und Sparkassenkunden wie Wolfgang Specht direkt nichts zu tun. Denn die Zinspolitik der EZB gilt nur für die Bankenwelt. Doch indirekt wirkt sie sich eben doch auf die Kunden aus - der Fall Specht belegt es für Spar-Verträge. Und das gilt auch für die negative Verzinsung auf Girokonten.

Mechanismus der negativen Zinspolitik der EZB

Die EZB diktiert der deutschen Zentralbank - das ist die Bundesbank - die Zinsen. Die gibt sie an Banken und Sparkassen weiter. 2014 hat die EZB den Einlagenzins erstmalig unter Null gesenkt. Aktuell liegt er bei minus 0,5 Prozent.

Der Knackpunkt: Banken und Sparkassen sind verpflichtet, einen großen Teil ihrer Kundengelder bei der Bundesbank über Nacht zu parken. Die Bundesbank berechnet dazu den von der EZB festgesetzten Einlagenzins. Weil der negativ ist, bekommen Banken und Sparkassen am nächsten Morgen weniger Geld zurück.

Sind Negativzinsen legal?

Darf die EZB den Wert des Euro, über den Einlagenzins indirekt beschneiden? Nein, meint Verfassungsrechtler Professor Paul Kirchhof im Interview mit dem ARD-Politmagazin report München:

"Die Europäische Zentralbank muss sich klarmachen, dass diese Negativzinspolitik ein Eingriff ist in das Privateigentum des Bürgers." Prof. Paul Kirchhof, Verfassungsrechtler an der Universität Heidelberg

Keine EZB-Politik zu Gunsten der Sparer und Kontoinhaber

Was sagt man bei der EZB zu den Sorgen der Sparer, deren Verträge gekündigt werden und zu denen, deren Bankguthaben jetzt schrumpfen?

"Es ist ganz wichtig zu verstehen, dass die EZB Geldpolitik für die gesamte Eurozone macht - für alle Menschen in der Eurozone. Deswegen müssen wir unsere Geldpolitik so gestalten, dass wir denken, dass sie positiv auf die gesamte Wirtschaft wirkt und dass sie positiv auf die Preisentwicklung wirkt. Dass natürlich nicht alle im gleichen Maße von dieser Geldpolitik profitieren, ist auch klar." Tobias Linzert, EZB

Umverteilung der negativen Zinsen in andere Euro-Länder

2,4 Milliarden Euro Negativzinsen haben die Banken und Sparkassen im vergangenen Jahr an die Bundesbank bezahlen müssen. Nach Recherchen des ARD-Politmagazins report München fließen rund drei Viertel davon an die Zentralbanken der anderen Euro-Länder ab. Rechtsanwalt Wolfgang Schirp, der Negativzinsen ohnehin für rechtswidrig hält, kritisiert:

"Wir haben letztlich eine Umverteilung, die beim Kleinsparer beginnt und die sich über die Institute, die davon auch geschädigt sind, fortsetzt. Letztlich ist das eine weitere Umverteilung von den großen Sparernationen - also Deutschland, Frankreich und die Niederlande - an die nicht so sparfreudigen Nationen. Ein weiterer Umverteilungskreislauf, der politisch und rechtlich höchst fragwürdig ist." Wolfgang Schirp, Rechtsanwalt aus Berlin

EZB-Prognose: Negative Zinsen werden weiter fallen

Ein Ende der Negativzinspolitik der EZB ist nicht in Sicht, räumt Tobias Linzert von der EZB im Interview mit dem ARD-Politmagazin report München ein:

"Klar ist, dass es natürlich irgendwo eine Untergrenze von diesen negativen Zinsen gibt. Aber klar ist eben auch, dass diese Untergrenze derzeit noch nicht erreicht ist." Tobias Linzert, EZB

Deutsche Sparer werden wohl weiter belastet

Ein "Working Paper" des Internationalen Währungsfonds IWF vom April dieses Jahres empfiehlt als Kommunikationsstrategie für Negativzinsen, es sei wichtig die Idee zu verbreiten, "dass tiefe negative Zinsen es schaffen, innerhalb kurzer Zeit der Wirtschaft zu helfen."

Unter der neuen EZB Chefin Christine Lagarde, die zuvor den IWF anführte werden die Negativzinsen wohl so schnell nicht wieder zur Nulllinie zurückführen. Und das wird die Guthaben der Deutschen noch lange und wohl auch noch stärker belasten als bisher.