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Nazi-Opfergruppe? Kaum Chancen für "Berufsverbrecher" | BR24

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Juden, Kommunisten, Homosexuelle - sie alle sind offiziell als NS-Opfergruppen anerkannt. Das gilt nicht für Opfer, die von den Nazis als "asozial" oder "Berufsverbrecher" abgestempelt und ins KZ gesperrt wurden.

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Nazi-Opfergruppe? Kaum Chancen für "Berufsverbrecher"

Juden, Kommunisten, Homosexuelle - sie alle sind offiziell als NS-Opfergruppen anerkannt. Das gilt nicht für Opfer, die von den Nazis als "asozial" oder "Berufsverbrecher" abgestempelt und ins KZ gesteckt wurden.

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Wenn der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, mit jungen Besuchern spricht, fällt ihm eines auf: Sie wissen, dass die Nationalsozialisten Juden verfolgt haben, Sinti und Roma, politisch Andersdenkende. Dass es aber auch die Einstufungen "asozial" und "Berufsverbrecher" gab, ist kaum bekannt. Laut Skribeleit reagieren Schüler mit Sätzen wie: "Das wusste ich gar nicht". Und: "Das hätte auch mich treffen können." Oder eine Freundin aus sozial schwächeren Verhältnissen.

"Asozial" und "nicht resozialisierbar"

Im Dritten Reich genügte es, ein Heimkind zu sein, das nicht spurt. Eine Prostituierte. Oder ein Arbeitsloser, der heute vielleicht Hartz-IV-Empfänger wäre. Sie wurden eingesperrt und als billige Arbeitskraft im Granitsteinbruch von Flossenbürg missbraucht, wenige überlebten. Auch so genannte "Berufsverbrecher" kamen ins KZ, und zwar nach Verbüßung ihrer Haft. Weil sie als nicht resozialisierbar galten.

Antrag im Bundestag

Bisher sind sie nicht offiziell als NS-Opfergruppen anerkannt. Grüne und FDP wollen das ändern. Und haben entsprechende Anträge in den Bundestag eingebracht. Der niederbayerische Grünen-Abgeordnete Erhard Grundl pocht auf einen Grundsatz: "Niemand saß zu Recht in einem KZ." Auch jemand, der ein Verbrechen begangen habe, dürfe nicht in Haft gequält oder der Vernichtung preisgegeben werden. Doch genau das sei mit diesen Menschen passiert.

Stigma und Scham

Grundl hatte im Vorfeld die Gedenkstätte Flossenbürg besucht, mit Bundestagsabgeordneten aus anderen Fraktionen, auch dem FDP-Abgeordneten Thomas Hacker. Der fränkische Abgeordnete beklagt, die Opfer hätten auch nach 1945 keine Chance gehabt. Das sei eine Kombination gewesen aus "da wird schon etwas dran gewesen sein" und der Scham der Menschen, die die Nazis als als Asozial oder Berufsverbrecher abgestempelt hatten. Das habe "in der Nachkriegszeit die Opfer noch doppelt bestraft".

Erinnern und rehabilitieren

Es sei gut, dass die Gedenkstätte in Flossenbürg Einzelschicksale aufarbeite. Etwa die Erinnerungen von Carl Schrade, der wegen Unterschlagung im Gefängnis saß. Seinen Posten als Kapo im Krankenrevier nutzte er, um Mitgefangenen zu helfen. Der Leiter der Gedenkstätte, Skriebeleit, wünscht sich, dass diese Menschen zumindest symbolisch rehabilitiert werden. Um finanzielle Entschädigung gehe es gar nicht, Skriebeleit schätzt, dass keine hundert Menschen in Deutschland einen Anspruch anmelden könnten.

Union hält nichts von den Anträgen auf Anerkennung

Dass der Bundestag so einen symbolischen Schritt beschließt, ist aber unwahrscheinlich. Die Union tut sich schwer mit einer pauschalen Anerkennung dieser sehr heterogenen Opfergruppen. Das wurde deutlich bei der Bundestagsdebatte über die Anträge, die jetzt in den zuständigen Ausschuss verwiesen wurden. Die CDU-Politikerin Melanie Bernstein sagte , gegen Bildungsprojekte über diese NS-Opfer sei überhaupt nichts einzuwenden. Der Anstoß müsse aber "von den Trägern historisch-politischer Bildung kommen und nicht staatlich verordnet werden".

Wanderausstellung als Kompromiss?

Bernstein äußerte sich auch zurückhaltend zu dem Vorschlag, zumindest eine Wanderausstellung zu beschließen. Für diese Idee macht sich die SPD stark und weiß dabei auch die Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" hinter sich. Mit dem Argument: so könne man die Information breiter streuen und den Opfern einen angemessenen Platz im staatlichen Erinnern verschaffen.