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Giftiges Nahrungsergänzungsmittel: Ohne Kontrolle auf den Markt | BR24

© BR/Philipp Reichert

Nahrungsergänzungsmittel brauchen eine behördliche Erlaubnis, ehe sie verkauft werden dürfen. Doch Report Mainz zeigt, dass hochgiftige Produkte völlig unkontrolliert auf den Markt gelangen.

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Giftiges Nahrungsergänzungsmittel: Ohne Kontrolle auf den Markt

Nahrungsergänzungsmittel brauchen eine behördliche Erlaubnis, ehe sie verkauft werden dürfen. Doch Report Mainz zeigt, dass hochgiftige Produkte völlig unkontrolliert auf den Markt gelangen.

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Einem Autorenteam des ARD-Politikmagazins Report Mainz ist es gelungen, ein gefährliches Nahrungsergänzungsmittel bei den Behörden für den Verkauf anzumelden. Während des gesamten Experiments über knapp zwei Monate wurde es weder kontrolliert noch verboten. Auf dem Etikett gaben die Reporter als Zutat einen giftigen Pflanzenstoff an: Datura-Extrakt, also Stechapfel. Nach Einschätzung des Pharmakologen Martin Smollich vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein gehört die Pflanze zu den giftigsten in Mitteleuropa: "Damit kann man potenziell auch Menschen umbringen."

Verkauft und hergestellt haben die Reporter das gefährliche Produkt nicht, um niemanden zu gefährden. Nahrungsergänzungsmittel müssen beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit registriert werden. Für die Überwachung sind dann die rund 400 Landkreise und kreisfreien Städte zuständig. Auf Nachfrage, warum die drei im Experiment betroffenen Städte das gefährliche Produkt nicht kontrolliert haben, erklärten sie, Nahrungsergänzungsmittel würden nur stichprobenartig kontrolliert. Für die Sicherheit der Produkte seien die Hersteller selbst verantwortlich.

Experten kritisieren Überwachungssystem

Für den Pharmakologen Smollich zeigt das Experiment, dass die Überwachung in Deutschland nicht funktioniere. Eine Gesundheitsgefahr für Verbraucher durch Nahrungsergänzungsmittel könne deshalb aktuell nicht ausgeschlossen werden, so Smollich.

Ein Lebensmittelkontrolleur, der aus Angst um seinen Arbeitsplatz anonym bleiben möchte, erklärte im Interview, die Behörden seien überfordert. "Das Problem ist dieser schnelllebige, globale Handel und die lokale Kontrolle." Es fehle an Zeit und an Personal. "Wir rennen dem Markt hinterher. Das ist ein Kampf David gegen Goliath."

Künast fordert Systemwechsel

Die Verbraucherschutzpolitikerin Renate Künast (Bündnis90/Die Grünen) fordert deshalb, das System zu ändern. Nahrungsergänzungsmittel müssten zugelassen werden, bevor sie verkauft werden - so wie Arzneimittel. "Wir können den Markt mit etwas, das am Ende gesundheitsschädlich ist, nicht einfach so unreguliert lassen."

In Deutschland kommen immer mehr neue Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt. Nach Angaben des zuständigen Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr knapp 8.000 neue Produkte registriert. Vier Jahre zuvor waren es noch halb so viele. Umfragen zufolge nimmt fast jeder dritte Deutsche solche Pillen, Pulver oder Kapseln. Für die Hersteller ein gutes Geschäft. Dabei sind sich Experten einig: Nur die wenigsten Konsumenten brauchen Nahrungsergänzungsmittel. Bei einer ausgewogenen Ernährung sind diese fast immer unnütz.