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Nach Nahles-Rücktritt: Haben es Frauen in der Politik schwerer? | BR24

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Die SPD-Chefin Andrea Nahles ist von all ihren Ämtern zurückgetreten. Warum das ein dramatisches Zeichen ist und wie stark die Politik noch von männlichen Ritualen geprägt ist, erklärt die Politologin Helga Lukoschat im Interview.

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Nach Nahles-Rücktritt: Haben es Frauen in der Politik schwerer?

Der Rücktritt von SPD-Chefin Nahles befeuert eine neuerliche Debatte über den Umgang mit Frauen in der Politik. In seltener Einigkeit mahnen Politikerinnen ganz unterschiedlicher Couleur einen gleichberechtigten Umgang mit Frauen an.

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Stolz verweist die SPD in diesen Wochen und Monaten auf die Verdienste der Sozialdemokraten im Kampf um die Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren. Nachdem aber nun mit Andrea Nahles die erste Frau an der SPD-Spitze aufgegeben hat, sehen sich die Genossen zum Teil in ein völlig anderes Licht gerückt: Plötzlich ist in Zeitungskommentaren von einer "machistisch geprägten Partei" ("taz") die Rede, von "SPD-Alphamännern", die eine Frau an der Parteispitze kaum ertragen ("Berliner Zeitung"), vom "Mief des vergangenen Jahrhunderts", der die SPD noch immer durchziehe ("Süddeutsche Zeitung").

Auch so mancher Politiker machte im SPD-internen Machtkampf der vergangenen Tage die Geschlechterfrage durchaus als einen Faktor aus. Schon am Sonntag die SPD-Spitzenmänner Olaf Scholz und Karl Lauterbach von "Frauenfeindlichkeit". Jetzt schließen sich auch Politikerinnen anderer Parteien an - und geben der Debatte über den Umgang mit Frauen in der Politik insgesamt neuen Schwung.

Katharina Schulze: "Frauen werden anders bewertet als Männer"

So sagte die bayerische Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze dem BR: "Die Politik ist immer noch sehr männlich dominiert. Und ich finde auch, dass die Politik schonungsloser mit Frauen umgeht - das sieht man auch im Fall Andrea Nahles, aber auch in anderen Beispielen." Frauen würden in der Politik nach wie vor anders begutachtet und bewertet als Männer.

Ähnlich äußerte sich in Berlin auch Grünen-Bundeschefin Annalena Baerbock : "Politik ist nicht nur ein wahnsinnig hartes Geschäft, sondern ich weiß selber, dass es auch immer nochmal besondere Härten gibt, wenn man weiblich ist."

CSU-Vize kritisiert Umgang mit Nahles

Kritisch zum Umgang mit Nahles äußerte sich auch die stellvertretende CSU-Vorsitzende Dorothee Bär. "Ich weiß nicht, ob man an der einen oder anderen Stelle mit Männern auch so hart umgegangen wäre", sagte sie in einem "Bild"-Interview.

Die frühere CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer glaubt zwar nicht, dass im Fall Nahles das Geschlecht der Parteichefin ein zentraler Grund für den parteiinternen Machtkampf war, wie sie dem BR sagte. Aber bei der Begründung, also der Begleitmusik, die dann gekommen sei, habe sie "vieles empfunden als etwas, was man bei einem Mann so nicht gebracht hätte - was den Umgang angeht und die Argumente, die da ins Feld geführt wurden".

Wie die Grünen-Politikerin Schulze, beklagt auch Haderthauer, dass Männer und Frauen nach wie vor in allen Bereichen der Gesellschaft mit zweierlei Maßen gemessen würden. Die Arbeit einer Frau in einer politischen Spitzenposition werde "einfach anders und mit strengeren Kriterien wahrgenommen", so die Ex-CSU-Generalsekretärin.

"Eine miese Nummer"

Die stellvertretende bayerische SPD-Fraktionsvorsitzende Margit Wild will die Debatte über den Nahles-Rücktritt zwar nicht auf die Geschlechterfrage reduzieren, sieht darin aber durchaus einen Faktor. "Ich kenne auch Männer, denen man das Leben in der Politik schwer gemacht hat", sagte sie dem BR. "Aber möglicherweise tun sich manche Männer leichter, eine Frau zu attackieren als einen Mann." Und im Fall Nahles habe es "einige Heckenschützen" innerhalb der SPD gegeben. "Ich finde das eine miese Nummer, die da von einigen da gelaufen ist."

Auch die niederbayerische SPD-Bundestagsabgeordnete Rita Hagl-Kehl kritisierte, viele männliche Kollegen hätten sich lieber in der Presse über Nahles geäußert, als mit ihr selbst zu sprechen. "Das ist kein Umgang in einer Partei. Ich bezweifle auch, dass man mit einem Mann so umgegangen wäre. Das finde ich unverantwortlich."

Derweil verwahrte sich der Generalsekretär der bayerischen SPD, Uli Grötsch, gegen Vorwürfe, die Partei habe ein Frauenproblem. "Hat sie definitiv nicht", betonte er. Er sei froh, dass mit Manuela Schwesig und Malu Dreyer jetzt wieder zwei Frauen an der Spitze der SPD stünden, wenn auch nur übergangsweise.

Mehr Frauen in der Politik

Unabhängig vom Fall Nahles sehen Schulze und Haderthauer Handlungsbedarf in der Politik - über Parteigrenzen hinweg. Haderthauer bezeichnet die CSU als eine "sehr stark männerdominierte Welt", insbesondere an der Basis. Schulze verweist darauf, dass die Grünen eine feministische Parteien seien - aber: "Auch wir müssen ständig daran arbeiten."

Als wichtigstes Ziel sehen beide, dass es mehr Frauen in der Politik geben müsse. Schulze mahnt darüber hinaus auch eine stärkere Solidarität unter Frauen an. "Aber ich möchte auch die Männer mit ins Boot nehmen, denn Gleichberechtigung und Feminismus ist für die gesamte Gesellschaft gut."

Audio: Mädchenparlament diskutiert über den Fall Nahles

© Mädchenparlament im Landtag

Mädchenparlament im Landtag