Wagner-Soldaten beim Abzug aus Rostow
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Wagner-Soldaten beim Abzug aus Rostow

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So bewertet Kiew die Rebellion: "Russland ein Potemkin-Staat"

Ukrainische Meinungsmacher erwarten nicht viel von der Destabilisierung Russlands. Der Westen habe Angst vor einem Zusammenbruch des Putin-Regimes, fürchte die Risiken. Ex-Botschafter Melnyk hält die Rebellion allerdings für eine "einmalige Chance".

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Der Krieg treibt buchstäblich merkwürdige "Blüten" in der Ukraine: Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte das Parlament auf, den medizinischen Gebrauch von Cannabis zu legalisieren: "Die besten Mittel und Arzneien der Welt, egal wie komplex oder ungewöhnlich sie auch sein mögen, müssen in der Ukraine angewendet werden, damit nicht alle ukrainischen Bürger den Schmerz, den Stress und das Trauma des Krieges ertragen müssen."

Der entsprechende Gesetzentwurf liegt seit einem Jahr in den Ausschüssen, jetzt machte Selenskyj Druck. Die Ukrainer müssten sich auf "legale Weise" Cannabis besorgen können. Derweil beteuerte der Präsident, sein Land werde "niemals" einem Einfrieren des Konflikts entlang der Frontlinie zustimmen, und Verteidigungsminister Oleksij Resnikow versprach in der "Financial Times", die "Hauptsache" bei der laufenden Offensive komme noch, das würden dann alle sehen.

Die Rebellion von Jewgeni Prigoschin habe das Geschehen auf dem Schlachtfeld nicht nennenswert beeinflusst, behauptete Resnikow, der nicht sagen wollte, welche "bestimmten Gebiete" seine Armee inzwischen erobert hat. Allerdings habe der Putschversuch gezeigt, wie verwundbar Russland sei: "Das hilft dem Westen zu erkennen, dass er aus einem ganz bestimmten Grund in die Ukraine investiert, dass der Sieg der Ukraine absolut real ist und bald bevorsteht."

Melnyk: "So viel Popcorn gegessen"

Der frühere Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, der sein Land demnächst in Brasilien vertreten wird, informierte seine Twitter-Gemeinde stolz darüber, in welchen deutschen Zeitungen er mit seinen Zitaten auf der Titelseite landete, etwa in der "Welt" und in der "Berliner Morgenpost": "Der Wagner-Putschversuch ist ein Zeichen von Russlands Schwäche und bietet eine einmalige Chance für die Ukraine. Eine schnelle Befreiung aller besetzten Gebiete, einschließlich der Krim, scheint zum Greifen nah." Dass der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius keine Kampfjets nach Kiew schicken will, bezeichnete Melnyk als "fatalen Fehler", und zwar gleich zigfach hintereinander.

Unmittelbar nach dem Ende von Prigoschins Aufstand hatte sich Melnyk im Jogging-Outfit gemeldet: "Das richtige Moskau-Drama hat erst begonnen. Putins Russland ist militärisch nur eine Mittelmacht und kann besiegt werden. So viel Popcorn gegessen. Da tut eine Jogging-Runde echt gut." Zuvor hatte der umstrittene Politiker Russland als "Koloss auf tönernen Füßen" bezeichnet, das Regime werde wie ein "Kartenhaus" zusammenbrechen.

"Wagneriten gegenüber Putin nicht sehr loyal"

Im ukrainischen Telegram-Portal "Strana" war zu lesen: "Man muss wissen, dass die 'Wagneriten', die mit Prigoschin nach Belarus gehen, offensichtlich Putin gegenüber nicht sehr loyal sein werden, andernfalls hätten sie einen [angebotenen] Vertrag mit dem Verteidigungsministerium der Russischen Föderation oder einer anderen russischen Machtstruktur unterzeichnet. Das heißt, auf dem Territorium von Belarus wird eine Privatarmee stationiert, die, gelinde gesagt, den russischen Behörden gegenüber nicht sehr freundlich eingestellt ist." Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko sei bereits ein Akteur in der russischen Innenpolitik.

Der wichtigste Hinweis von Lukaschenko sei gewesen, dass er nicht daran denkt, Prigoschin finanziell zu unterstützen: "Das bedeutet, dass die 'Wagneriten' möglicherweise nicht lange in Belarus bleiben und von dort aus 'in die Freiheit der Pampa' gehen werden, um in Ländern der Dritten Welt zu kämpfen und Staatsstreiche zu organisieren."

Experte Makitra sieht keine klaren Vorteile für die Ukraine

Der Politologe Iwan Stupak vom ukrainischen Institut für Zukunftsforschung sagte: "Ich glaube, dass nach dem, was Putin erlebt hat, er auf jeden Fall eine neue Phobie entwickeln wird und seine Wachsamkeit gegenüber seiner Umgebung um ein Vielfaches zunehmen wird!" Es werde eine Säuberungswelle geben, es werde nach "Verrätern" gesucht.

Experte Jaroslaw Makitra hofft inständig auf längerfristige Zerwürfnisse im Kreml, denn bisher seien "klare Vorteile" für die Ukraine nicht absehbar: "Das Worst-Case-Szenario für uns wäre ein stiller Putsch im Kreml, nach dem eine neue Macht in der Lage wäre, die Kontrolle über den Staat und die Armee zu behalten und so den russischen Staat wieder zu stärken. Der größte Erfolg wäre eine längere Konfrontation innerhalb Russlands. Der Anfang ist jedoch schon mal gut und mit der Aussicht auf weitere Entwicklungen verbunden."

Der Politologe Taras Sagorodny hatte Putins Rede nach der Niederschlagung des Aufstands mit dem Satz quittiert: "Ich denke, der tiefere Sinn der Rede besteht darin, zu bestätigen, dass das Russische Reich endgültig verstorben ist. Und es scheidet auf so komische Weise dahin, wie es sich keine Dystopie-Vorhersage ausdenken konnte."

Blogger Pekar: "Westen fürchtet Russlands Zusammenbruch"

Der ukrainische Blogger Roman Shrike meinte zur vorerst gescheiterten Rebellion: "Für uns liegt ihr Nutzen darin, dass Prigoschin der ganzen Welt gezeigt hat, dass Russland ein Potemkin-Staat ist, dessen Institutionen durch nicht-reguläre Handlungen in Narkose fallen. Und dass Putin sich gleichzeitig wie ein verängstigter Junge verhält, der sich unter dem Tisch versteckt, und dann eine gewalttätige Medienaktivität entwickelt, um seine eigene Schwäche zu rechtfertigen." Prigoschins Schicksal erinnere an einen Drogensüchtigen, der unter dem Einfluss von Substanzen erst in Euphorie, dann jedoch in Depression verfalle.

Shrikes Blogger-Kollege Valery Pekar ist nicht sehr optimistisch, was einen Umsturz in Moskau betrifft: "Der Westen fürchtet den Zusammenbruch der Russischen Föderation mehr als alles andere: die unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen, die größte Flüchtlingskrise, das übermäßige Erstarken Chinas. Putin wird also heimlich unterstützt, weil es keinen anderen Plan gibt. Es war lächerlich, in Russland auf die Demokratie zu setzen, und sie verstehen das inzwischen bereits ziemlich gut. Leider hat auch die Ukraine keinen Plan. Das Vorhandensein des ukrainischen Plans würde auch unseren Verbündeten helfen, den toten Punkt zu überwinden."

Auf die russische Bevölkerung gibt Pekar nicht viel: "Sie wird jeder Autorität die Treue schwören, weil ihr seit langem beigebracht wird, die Quelle der Legitimität in der [faktischen] Macht zu sehen."

Selenskyjs Ehefrau erwartet keinen großen Aufstand in Russland

Die First Lady der Ukraine, Olena Selenska, Ehefrau von Wolodymyr Selenskyj, antwortete in einem Interview mit der ukrainischen Ausgabe von RBC auf die Frage, warum die Russen nicht gegen Putin rebellieren: "Die meisten von ihnen haben wahrscheinlich Angst davor, die schreckliche Wahrheit über sich selbst zu erfahren. Denn dann musst du dir selbst sagen, dass du auch ein Monster bist, du hast es unterstützt. Aber das alles ist noch immer keine Entschuldigung für Angst und Ohnmacht. Ich höre viel darüber reden, dass sie sich bald erheben werden, dass bald etwas passieren wird. Ich würde es nicht erwarten." Wenn überhaupt, werde ein Putsch vermutlich aus der Elite kommen, aber nicht, um politische Freiheiten durchzusetzen, sondern um die eigenen materiellen Interessen abzusichern.

Blogger Andrij Tsaplienko, mit 315.000 Fans einer der populärsten Meinungsmacher in der Ukraine, stellte das Video eines "unglaublich mutigen Rentners" ein, der im russisch besetzten Mariupol bekannte, auf Seiten der Ukraine zu stehen und die "Befreiung" der Stadt ankündigte. "In den von den Russen besetzten Gebieten der Ukraine gibt es Widerstand. Aktiv. Versteckt. Still. Verbal", lobte Tsaplienko.

Russland-Experten sehen den Nimbus Wladimir Putins als unantastbarer Staatsführer beschädigt.
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Russland-Experten sehen den Nimbus Wladimir Putins als unantastbarer Staatsführer beschädigt.

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