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Nach Leichenfund in England: Menschenhandel zunehmendes Problem | BR24

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In der Nähe von London wurden 39 chinesische Teenager tot in einem Lastwagen gefunden. Der Verdacht: Internationaler Menschenhandel. Für Dietmar Roller, Vorsitzender beim International Justice Mission e. V., ist es nur die Spitze des Eisbergs.

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Nach Leichenfund in England: Menschenhandel zunehmendes Problem

In der Nähe von London wurden 39 chinesische Teenager tot in einem Lastwagen gefunden. Der Verdacht: internationaler Menschenhandel. Für Dietmar Roller, Vorsitzender des Vereins International Justice Mission, ist es nur die Spitze des Eisbergs.

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Bayern 2-radioWelt: 39 Tote in einem Lkw: Was ist für Sie die naheliegendste Erklärung dafür, was da in Großbritannien passiert ist?

Dietmar Roller: So schrecklich der Fall auch ist, es wundert mich nicht. Wir haben auf einer breiten Welle in Europa ähnliche Phänomene in fast allen Ländern. Dass es irgendwann einmal zu einem menschenverachtenden Fall kommt, in dem einfach Schleuser Menschen zusammengepfercht haben und es ihnen letztlich egal war, wo sie rauskommen, damit muss man rechnen. Vor allem, wenn Menschenhandelsrouten relativ offen sind und wenig bewacht werden.

Wie oft kommt so etwas vor?

Dietmar Roller: Wir haben leider keine Zahlen zu solchen Fällen. Wenn man aber mit Leuten aus dem Polizeibereich spricht oder wenn man in Osteuropa unterwegs ist, dann wird einem sehr schnell deutlich, dass jeden Tag Menschen in LKWs oder in anderen Fahrzeugen von Osteuropa her nach Westeuropa unterwegs sind. Wir wissen, dass libanesische Clans hauptsächlich ihr Geschäft machen, indem sie als Schleuser fungieren und sich mafiöse Strukturen ausbreiten. Über Migrationsrouten aus Afrika werden Frauen, meist aus Nigeria, nach Deutschland geschleust, um dann hier erbärmlich in Zwangsprostitution ausgebeutet zu werden. Das Alles geschieht zwar im Verborgenen, aber gleichzeitig eben in einem System, wo es möglich ist, so etwas überhaupt zu tun. Der TIP-Report zum Menschenhandel (Traffic In Person), den die amerikanische Regierung jedes Jahr herausgibt, hat Deutschland im letzten Jahr um eine Stufe runtergestuft. Bei allen guten Bemühungen haben wir hier ein Strafmaß, das lächerlich ist. Nur etwa 26 Prozent von verurteilten Menschenhändlern verbüßen überhaupt eine Gefängnisstrafe.

Sozialwissenschaftler Dietmar Roller: "Da liegt vieles im Dunkeln"

Wenn diese Menschen ihre Reise über die Schmuggelrouten überleben, wo arbeiten und leben sie dann?

Dietmar Roller: Es gibt auch bei uns moderne Sklaverei, Arbeitsausbeutung. Wenn Sie zum Beispiel in Berlin unterwegs sind, sehen Sie viele junge Menschen aus Vietnam, die illegal Zigaretten verkaufen. Oder Frauen, die mit falschen Versprechungen hierher gelockt werden, und die in der Zwangsprostitution und zusätzlicher Arbeitsausbeutung landen. Man verschleiert ganz gezielt, dass es in Westeuropa einen Markt dafür gibt. Wir wissen heute, dass Menschenhandel neben Drogen- und Waffenhandel mit etwa 150 Milliarden Euro einer der lukrativsten Zweige ist, wenn man Geld machen will. So ein Fall wie in Großbritannien ist nur die Spitze des Eisbergs. Da liegt viel im Dunklen.