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Nach Holocaust-Äußerung: Katerstimmung bei Extinction Rebellion | BR24

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Die verharmlosenden Äußerungen zum Holocaust des Gründers der Extinction Rebellion haben die Ortsgruppe in Erlangen kalt erwischt. Die Umweltaktivisten distanzierten sich sofort von Roger Hallam - aber stoßen danach auf immer neue Fragen.

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Nach Holocaust-Äußerung: Katerstimmung bei Extinction Rebellion

Die verharmlosenden Äußerungen zum Holocaust des Gründers von 'Extinction Rebellion' haben die Erlanger Ortsgruppe kalt erwischt. Die Umweltaktivisten distanzierten sich sofort von Roger Hallam - aber stoßen danach auf immer neue Fragen.

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Eigentlich sollte es auf dem Treffen im Erlanger E-Werk um die Folgen des Klimawandels gehen. Die Ortsgruppe der Extincion Rebellion, zu Deutsch Rebellion gegen das Aussterben, hatte zum Vortrag eingeladen. Doch auf der Bühne müssen zwei Aktivistinnen, Lydia van Odijk und Rebecca Fleischmann, dann zu einem anderen Thema Stellung beziehen - den Gründer ihrer eigenen Bewegung, Roger Hallam.

"Mit seiner Verharmlosung und Relativierung des Holocausts hat er eindeutig gegen unsere Prinzipien verstoßen," sagt Rebecca und Lydia schließt an: "Dass das Ganze aus taktischen Gründen geschah, macht uns fassungslos und wütend." Sie bekommen dafür Applaus aus dem Plenum.

Die Erlanger Gruppe gibt es erst seit diesem Sommer. Seitdem demonstrieren die jungen Aktivistinnen und Aktivisten dafür, dass der Kampf gegen die Erderwärmung von der Politik ernst genommen wird. Dann kam vergangene Woche die Nachricht: Der Mitgründer von Extinction Rebellion, Roger Hallam, hat den Holocaust als einen "weiteren Scheiß" in der Menschheitsgeschichte bezeichnet. "Ich stecke da mit total viel Herzblut drin und dann kommt so was," sagt Lydia.

Keine Wahl, keine Gewaltenteilung

Roger Hallam hat sich inzwischen entschuldigt. Aber es ist nicht das erste Mal, dass er mit Aussagen provoziert. Obwohl Extinction Rebellion dezentral und hierarchiefrei organisiert sein will, sticht Hallam als Mitgründer hervor. In offiziellen Youtube-Videos und seinem Buch "Common Sense" entwickelt er revolutionäre Ideen. Die westlichen Demokratien und ihre korrupte politische Klasse seien durch von ihm nicht näher erklärten "Eliten" korrumpiert. Diese Leute würden die Menschen nicht nur ausrauben, sondern sie auch durch den von ihnen verursachten Klimawandel umbringen. Seine Extinction Rebellion müsse sich von einer Rebellion gegen das Aussterben zu einer Rebellion gegen alles "Versagen der Regierung" weiterentwickeln, fordert Hallam. Bürgerversammlungen, in die 1.000 Menschen zufällig hineingelost werden, könnten die Demokratie retten, so der Plan. Diese sollen, so der Extinction Rebellion Mitbegründer, die Regierungsgewalt übernehmen, Gesetze erlassen und eine neue Verfassung ausarbeiten. Ohne Wahlen und Gewaltenteilung.

Der Ullstein-Verlag hatte die deutsche Veröffentlichung des "alarmierenden Manifests" für Ende November angekündigt. Nach Hallams Holocaust-Äußerungen hat er sie zurückgezogen. Zu seinen weiteren kruden Thesen: kein Kommentar vom Verlag.

Eine Brandmauer zu Hallam

Die beiden Aktivistinnen in Erlangen versuchen derweil, eine Brandmauer zwischen sich und Hallam zu errichten. Das ist nicht einfach, denn zu den Forderungen aller Gruppen gehören ebenjene Bürgerversammlungen. Laut der offiziellen Webseite der Extinction Rebellion sollen die Bürgerversammlungen nur eine Art Vorparlament sein, das verbindliche Empfehlungen zum Klimaschutz an die gewählten Volksvertreter abgeben soll. Aber wem soll man nun glauben? Hallam oder seiner Bewegung? "Wir entscheiden, wie wir das verstehen wollen. Und für uns ist die Bürgerversammlung als Ergänzung zu betrachten", sagt Lydia van Odijk. Hallam sei nicht Extinction Rebellion.

Englische Firma im Impressum bei der Extinction Rebellion

Aber inwieweit kann man Hallam und die anderen Gründer der Bewegung getrennt getrennt voneinander betrachten? Im Impressum der deutschen Webseite, auf der sich neben Erlangen auch andere Gruppen präsentieren, wird als verantwortliche Organisation eine englische Firma genannt. Die Compassionate Revolution Limited. Sie wurde 2015 von den heutigen Umweltaktivisten gegründet. Die Firma vertritt auf ihrer Seite ebenfalls schwammig formulierte Revolutionsideale. Einer der Geschäftsführer, George Barda, war vor Jahren Dauergast bei Russia Today, einem umstrittenen staatlichen russischen TV-Sender. Ein weiterer Geschäftsführer in diesem Jahr: Roger Hallam.

Gelder für deutsche Gruppen

Monika Griefahn bestätigt die Kritik an den neuen Umweltaktivisten. Sie hat Greenpeace in Deutschland mitgegründet, saß für die SPD im Bundestag. Von einer Bewegung, die sich für das Gemeinwohl einsetzt, erwartet sie eine transparente Organisationsform.

"Die Limited ist eine Firma und sammelt das Geld ein. Und es ist ihr vorbehalten, das Geld entsprechend auszuteilen. Es macht eher skeptisch, weil ich mich frage, werden die aus London mit Geld oder Anweisungen versorgt?" Monika Griefahn, Mitbegründerin von Greenpeace Deutschland und ehemalige deutsche Politikerin

Die Sprecher der deutschen Gruppen weisen das von sich. Die Firma werde nur aus rechtlichen Gründen im Impressum genannt, in der Finanzverwaltung deutscher Spenden spiele sie keine Rolle. Allerdings räumt die deutsche Extinction Rebellion ein, dass diese englische Limited die Einnahmen aus dem Handbuch der Bewegung "Wann wenn nicht wir" und Spendengelder des amerikanischen Climate Emergency Fonds für deutsche Gruppen verwaltet hat.

Auch nach Erlangen sind so 5.000 Euro Spendengelder geflossen. Die Aktivistinnen Lydia van Odijk und Rebecca Fleischmann sagen, dass sie von der Rolle der Firma in dem Verfahren nichts wussten. Genehmigt worden sei das Geld von der Internationalen Organisation der Extinction Rebellion. Doch nach dem Wirbel um Hallam seien solche Abhängigkeiten nicht tolerierbar. Sie wollen sich nun für eigene Strukturen in Deutschland einsetzen.