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Mammutprozess im Vatikan

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Nach Finanzskandal im Vatikan: Kardinal vor Gericht

Es ist ein historischer Strafprozess: Erstmals sitzt ein Kardinal auf der Anklagebank des Vatikan - neben Brokern und Kirchenbeamten. Die Vorwürfe reichen von Veruntreuung über Erpressung bis hin zum Amtsmissbrauch.

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Von
  • Elisabeth Pongratz
  • Jörn Sawatzki

Es ist ein historischer Strafprozess der Superlative: Erstmals sitzt ein Kardinal auf der Anklagebank des Vatikan. Mit ihm müssen sich Broker, Kirchenbeamte und eine selbst ernannte Geheimdienstexpertin vor den Richtern verantworten. Im Kern geht es um 350 Millionen Euro, die die Angeklagten bei Investitionen in eine Londoner Immobilie verzockt haben sollen, die Vorwürfe reichen von Veruntreuung und Geldwäsche über Erpressung bis hin zum Amtsmissbrauch.

Im September 2020 wurde Kardinal Giovanni Angelo Becciu von Papst Franziskus zum Rücktritt gedrängt. Er musste auch all seine Kardinalswürden abgeben. Kurz darauf erklärt sich der Geschasste der Presse. Er fühle großes Leid, sagt er, aber bei Priestern und auch Kardinälen gebe es immer Leid. Er nehme dies als Prüfung - und "hoffe, über kurz oder lang klärt sich alles auf". Nach wie vor beteuert Becciu seine Unschuld.

Im Visier: das Vatikanische Finanzsystem

So etwas gab es im Vatikan noch nie: Ein hoher Mitarbeiter verliert nicht nur seinen Job als Leiter der Heiligsprechungskongregation, sondern muss auch auf seine Rechte als Kardinal verzichten, inklusive Papstwahl. Und dann geht er damit auch noch an die Öffentlichkeit. Nun muss sich der 73-jährige Becciu vor dem Vatikangericht verantworten, als erster Kardinal in der Kirchengeschichte.

Für den Vatikan-Kenner Iacopo Scaramuzzi ist es ein Prozess, der erstmals das ganze System der Finanzen ins Visier nimmt: "Dieser Prozess kann als Folge, aber auch als Teil der Finanzreform angesehen werden, die Benedikt XVI. begonnen und Franziskus vorangetrieben hat."

Viele Jahre hatte das Staatssekretariat die Geldtöpfe der Kurie gemanagt, Ende vergangenen Jahres weist der Papst diese der Vermögensverwaltung APSA zu. Einige Monate später verändert Franziskus das Strafprozessrecht, von da ab können auch Kardinäle von Laien verurteilt werden. Und er leitet einen kulturellen Wandel ein, so Scaramuzzi: "Papst Franziskus hat eine Reihe von Gesetzen erlassen, die den eigentlichen Punkt treffen: die Vetternwirtschaft."

Kampf gegen Vetternwirtschaft

Es gehe um Aufträge, die Jobvergaben, die Geschenke, die Bischöfe und Kardinäle möglicherweise erhalten. "Es ist wahr, dass die Vatikangeschichte gespickt ist mit großen, berühmten Finanzskandalen. Aber all dies ist möglich, weil es einen fruchtbaren Boden für diese Skandale gibt - die Vetternwirtschaft", erklärt Scaramuzzi.

Neun Männer und eine Frau sitzen nun auf der Anklagebank. Ein Schweizer Jurist und Finanzexperte ist ebenso dabei wie ein römischer Banker und der ehemalige Direktor der vatikanischen Finanzaufsicht. Und natürlich Becciu, der als Substitut im Staatssekretariat über Jahre hinweg eine Schlüsselposition inne hatte.

Unter ihm investierte die Kurie mehrere hundert Millionen Euro unter anderem in eine Luxusimmobilie im Londoner Stadtteil Chelsea. Dabei verdienten vor allem die Vermittler des Deals viel Geld, der Vatikan selbst verlor Millionen. Teils stammten die Gelder vom sogenannten Peterspfennig, der für wohltätige Zwecke gedacht ist.

Vatikanbank stellt Anzeige

Im Herbst 2019 rückt im Kirchenstaat mitten in der Nacht die Gendarmerie aus und führt eine spektakuläre Razzia im Staatssekretariat und bei der Finanzaufsicht durch. Kurz darauf gesteht Franziskus erstmals den Skandal ein: "Es ist passiert, was passiert ist. Ein Skandal! Sie haben Dinge gemacht, die nicht sauber erscheinen."

Veruntreuung, Geldwäsche, Betrug, Erpressung, Urkundenfälschung und Amtsmissbrauch - die Vorwürfe vor dem Strafgericht sind alles andere als christlich. Erstmals werde im Vatikan ein Prozess gegen Teile des Vatikans geführt, so der Journalist Scaramuzzi. "Dieses Mal hat die sogenannte Vatikanbank die Anzeige gestellt", erklärt er. "Sie hatte Verdacht geschöpft wegen eines ihrer Meinung nach ungerechtfertigten Antrags auf eine Geldsumme. Deshalb hat sie eine gründlichere Vertiefung der Sache durch den vatikanischen Revisor und die Justiz gefordert."

"Historisch" nennen den Mega-Prozess deshalb schon jetzt viele Beobachter. Wieviel Licht er tatsächlich in die dunklen Machenschaften mit den vatikanischen Finanzen bringen kann, wird sich zeigen.

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