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Nach Explosion im Libanon: Vertrauen in den Staat ist verloren | BR24

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Am 4. August explodierten im Hafen von Beirut 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat. Die Detonation tötete 191 Menschen, 6.000 wurden verletzt, 300.000 verloren ihr Zuhause.

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Nach Explosion im Libanon: Vertrauen in den Staat ist verloren

Am 4. August explodierten im Hafen von Beirut 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat. Die Detonation tötete 191 Menschen, 6.000 wurden verletzt, 300.000 verloren ihr Zuhause. Auch über einen Monat nach der Katastrophe ist der genaue Hergang noch ungeklärt.

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Von
  • Julia Neumann

Sechs Wochen nach der Explosion von mehr als zweieinhalb Tausend Tonnen Ammoniak im Hafen von Beirut, ist die Wut der Libanesen auf ihre Politiker groß - und das nicht erst seit der Explosion. Land und Wirtschaft kollabierten schon vorher.

Trümmer überall

Auf dem Balkon eines hellgelben Hauses mit weißen Rundbögen im Beiruter Viertel Aschrafieh stehen Helferinnen mit Helmen und Handschuhen. Sie werfen Säcke mit Ziegelsteinen hinunter. Neben einem Haufen von Schutt und Steinen steht Sabine Soueidy und gibt Anweisungen.

"Es gibt einen Spruch: Beirut wurde siebenmal zu Boden gebracht. Ich glaube das ist das achte Mal, dass es fällt – und wir bauen es selbst wieder auf." Sabine Soueidy, (Studentin Politikwissenschaft)

Aufräumen statt Ausgehen

Das Gebäude, das die 23-jährige Politikstudentin von Schutt, Asche und Wandsteinen befreit, ist eines der ältesten Häuser in Beirut. Die Straße, auf der sie steht, war einst eine Flaniermeile mit Bars, Cafés und Restaurants. Doch seit dem 4. August kommen die Leute nicht zum Ausgehen hierher, sondern zum Aufräumen.

Am 4. August detonierten 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen der libanesischen Hauptstadt. 191 Menschen starben, 6.000 wurden verletzt, 400.000 Wohneinheiten zerstört. Auch über einen Monat nach der Katastrophe ist der genaue Hergang noch ungeklärt. Fakt ist aber: Der explosive Stoff lag schon lange ungesichert im Hafen, direkt in der Stadt.

Keinerlei Hilfe vom Staat

Die Zollbehörde, der Hafenchef, sogar die Regierung und der Präsident haben davon gewusst. Weil von Seiten des Staates keine Hilfe kommt, räumen die Beirutis ihre Häuser selbst auf. Und nicht nur das: Bereits vor der Katastrophe litten die Menschen unter der Corona-Pandemie und einer schweren Wirtschaftskrise.

Tausende verloren ihre Jobs, und das libanesische Pfund büßte rund 80 Prozent seines Wertes ein. Deshalb stiegen nicht nur die Preise für Lebensmittel, sondern auch für Baumaterialien wie Holz, Aluminium oder Glas. Viele Häuser haben noch immer keine Fenster.

Große Solidarität in der Bevölkerung

Organisationen und Freiwillige ergreifen deshalb die Initiative. Die Solidarität ist groß in Beirut. Freiwillige kochen jeden Tag und verpflegen die Nachbarschaften. Sie koordinieren Aufräumarbeiten, leisten psychologische Hilfe, organisieren einen Kran, um einen möglichen Überlebenden zu bergen.

Architektinnen und Architekten wie der 26-jährige Bahaa Baschnak besichtigen die Häuser, fragen die Menschen nach ihren Bedürfnissen. Sie machen sich dafür stark, dass die Menschen bei einem Wideraufbau durch den Staat nicht vertrieben werden. Einer von Ihnen ist Bahaa Baschnak:

"Nach dieser Phase der ersten grundlegenden Beobachtungen wird es eine weitere Phase geben, in der professionelle Architekten und Ingenieure die Gebäude und Schäden untersuchen, bestimmen, welche Gebäude renoviert und wiederaufgebaut werden sollten. Natürlich brauchen wir einen Plan, wie wir all diese Schäden beheben können. Aber wir sollten diese Pläne nicht der Regierung überlassen. Natürlich würden sie gerne das tun, was sie auch nach dem Bürgerkrieg in der Innenstadt getan haben: Alle Menschen aus dem Gebiet evakuieren, und es verändern: Seine Geschichte und soziale Struktur zerstören und stattdessen Hochhäuser bauen." - Bahaa Baschnak, 26, Architekt

Wut statt Vertrauen

Die Menschen haben das Vertrauen in ihren Staat verloren. Was bleibt, ist das Gefühl, dass Ihnen niemand hilft, wenn sie sich nicht selbst helfen. Und die Wut auf ihre Politikerinnen und Politiker, gegen die sie seit fast einem Jahr protestieren.

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