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Nach Einsturz: Genua weiht neue Autobahnbrücke ein | BR24

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Vor knapp zwei Jahren stürzte die riesige Autobahn-Brücke "Ponte Morandi" ein. 43 Menschen starben und ganz Italien stand unter Schock. In Rekordzeit wurde eine neue Brücke aus Stahl und Beton hochgezogen. Sie soll am Abend eingeweiht werden.

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Nach Einsturz: Genua weiht neue Autobahnbrücke ein

Zwei Jahre nach dem Einsturz der "Ponte Morandi" weiht Italien die neue Autobahnbrücke von Genua ein. Die Brücke soll Symbol der Erinnerung und Zeichen des Neuanfangs nach einem der schlimmsten Ereignisse in der jüngeren Geschichte Italiens sein.

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© picture alliance/IPA

Die neue Brücke "San Giorgio" bei Genua

Es war ein gewaltiger Schock für Italien: Am 14. August 2018 stürzte in Genua wie aus dem Nichts die Autobahnbrücke "Ponte Morandi" ein. 43 Menschen sterben. Ein gewaltiges Loch klafft mitten in der wichtigsten Verkehrsader im Nordwesten Italiens. Menschlich wie wirtschaftlich eine Katastrophe für das ganze Land. Jetzt, nicht einmal zwei Jahre später, ist die neue Brücke fertig. Heute wird sie eingeweiht.

Es bleibt aber die Frage: Was hat das Land aus der Katastrophe gelernt?

Gedenken an Opfer des Brückeneinsturzes von Genua

Genua, Mitte Juli. Wie eine zarte Linie führt die neue, gut eintausend Meter lange Brücke über die Häuserschluchten des Polcevera-Tals. Während oben auf der Brücke letzte Arbeiten laufen, pflanzen unten im Schatten des Viadukts ein paar Arbeiter Bäume für einen Gedenkpark. Denn genau hier zwischen den zwei 40 Meter hohen Betonpfeilern Nummer zwölf und Nummer dreizehn ist die alte Brücke zusammengebrochen.

Angehörige wählen Bäume für Gedenkpark aus

Dort wartet Giorgio Robbiano. Für ihn ist es das erste Mal, dass er den Ort betritt, an dem er drei Familienmitglieder verloren hat. "Das trifft mich sehr. Warum? Weil es weh tut, weil es mich an den Tod erinnert", sagt er.

Vor zwei Jahren sind hier sein Bruder, dessen Frau und ihr achtjähriger Sohn mit dem Auto in den Tod gestürzt. Am Tag des Unglücks war die Familie zum Essen verabredet.

"Als ich die Nachricht bekam, warteten wir gerade auf ihn, er war später dran als normal. Dann schickte mir ein Freund Bilder von der eingestürzten Brücke. Und mir war sofort klar, die sind da dabei." Giorgio Robbiano

Für jedes der 43 Opfer wird im Gedenkpark nun ein Baum gepflanzt. 43 unterschiedliche, verschieden wie die Opfer aus aller Welt. Robbiano soll gleich drei Bäume für seine toten Verwandten auswählen. Als Andenken und Mahnmal für eines der schlimmsten Ereignisse in der jüngeren Geschichte Italiens.

Hinweise auf Einsturzgefahr jahrelang ignoriert

Denn kurz nach dem Unglück kam heraus, dass die Betreiber wohl jahrelang Hinweise auf eine Einsturzgefahr ignoriert hatten. Das Unglück gilt deshalb vielen als ein Sinnbild für das, was in Italien schief läuft. Nun soll alles besser werden.

Für den Wiederaufbau der Autobahnbrücke rief die Politik die Parole "Rinascimento" aus: "Wiedergeburt". Als Zeichen des Aufbruchs an das Land und die ganze Welt. Dafür schufteten hier im Schichtbetrieb gut 1.000 Arbeiter, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche; selbst dann, als aufgrund der Corona-Pandemie alle anderen Baustellen im Land still standen.

Nur zehn Monate dauerte der Wiederaufbau: Rekord. Koordiniert hat diesen Marathon Bauleiter Stefano Mosconi: "Hier haben wir auch an Weihnachten und an Ostertagen immer gearbeitet. Keine Feiertage. Kein Stopp. Das war Wahnsinn, aber wir haben alle beschlossen, dieses Jahr ist Brückenjahr."

Unterseite soll an Rumpf eines Fischerboots erinnern

Nun, am Ende dieses Brückenjahres, sagt Mosconi, sei er wahnsinnig erschöpft, aber auch stolz. Besonders auf deren strahlend weiße, leicht gewölbte Unterseite. Entworfen hat sie Stararchitekt Renzo Piano. Sie soll an den simplen Rumpf eines genuesischen Fischerbootes erinnern und damit an ehrliche, vertrauenswürdige Arbeit. Hier, bei diesem Wiederaufbau mitgearbeitet zu haben, sei eine besondere Ehre gewesen, sagt Mosconi.

Keine Feier zur Einweihung der Brücke von Genua

Aber feiern möchten er und seine Kollegen hier an der Brücke nicht: "Wir finden alle, es kann zu einem Missverständnis kommen, wenn wir hier eine Feier machen. Klar, wir haben etwas Tolles gemacht, aber zuerst ist etwas ganz Schlimmes passiert."

Noch immer fehlt ein Urteil gegen die Schuldigen

Selbst jetzt, kurz vor der Einweihung, ist das Land uneins in der Frage, ob Italien wirklich an dieser Tragödie gewachsen ist. Noch immer fehlt ein Urteil gegen die Schuldigen. Die Konzessionsvergabe löste zwischenzeitlich eine veritable Regierungskrise aus.

Dennoch schwärmen viele vom "Modell Genua". Hier zeige sich, dass man noch in der Lage sei, Großprojekte zu stemmen. Weniger Bürokratie, mehr Verantwortung bei einzelnen Personen. Im Fall der Genua-Brücke lag die vor allem beim Bürgermeister der Stadt, Marco Bucci.

"Der Kernpunkt ist doch: wenn es sich um eine schwierige Situation handelt, dann krempeln hier alle die Ärmel hoch und arbeiten zusammen", sagt Bucci. Ein Arbeitsklima, das dann schlussendlich auch entsprechende Ergebnisse liefere. Das müsse aber der Normalfall sein, nicht die Ausnahme.

Kleine Zeremonie statt pompösem Staatsakt

Ursprünglich war ein pompöser Staatsakt zur Einweihung der "San Giorgio"-Brücke am Montag geplant. Nun soll es eine schlichte Zeremonie werden. Aus Respekt gegenüber den Opfern.

Menschen wie Giorgio Robbiano. Als er gefragt wird, ob er mittlerweile die passenden Gedenkbäume für seine drei Verwandten gefunden hat, sagt er: "Mir gefällt die Idee und es wird auch schön umgesetzt, aber ich bin noch nicht so weit. Mir fehlt noch die Ruhe um zu sagen: Das ist der Baum für Samuele, für Roberto, für Ersilia, meine Lieben."

Vom "Rinascimento", der Wiedergeburt, will er nicht sprechen. Denn verarbeitet ist das Trauma in Genua noch längst nicht. Ein Vorbild sei die neue Brücke ohnehin nur dann, wenn es keine Katastrophe braucht, damit das Land so über sich hinauswächst.

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