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Nach dem Tod von George Floyd: "Chance, etwas zu verändern" | BR24

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Nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd werden die Stimmen gegen strukturellen Rassismus lauter. Eine der führenden Expertinnen für afroamerikanische Geschichte, die Augsburger Professorin Waldschmidt-Nelson, über weiße Vorherrschaft in den USA.

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Nach dem Tod von George Floyd: "Chance, etwas zu verändern"

Nach dem Tod von George Floyd werden die Proteste gegen Rassismus in den USA lauter. Die Augsburger Amerikanistik-Professorin Waldschmidt-Nelson erklärt im BR-Interview den Fall Floyd, die Rassismus-Probleme im Land und die Rolle von Präsident Trump.

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Die Bilder vom Mord an dem 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd durch einen Polizisten erschüttern zutiefst. Warum der Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft nach wie vor so tief verankert ist, erklärt die Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson. Sie ist Professorin an der Universität Augsburg und gilt als eine der führenden Expertinnen für afroamerikanische Geschichte.

BR: Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA ist keine Seltenheit. Immer wieder kam es zu heftigen Protesten dagegen. Wieso entzündet sich dieser Protest gerade jetzt so massiv?

Prof. Britta Waldschmidt-Nelson: Das liegt daran, dass sich in den letzten Jahren diese Vorfälle von ganz brutalen Übergriffen der Polizei auf unbewaffnete schwarze Amerikaner - die dann sehr oft auch dabei ums Leben kamen - immer weiter gehäuft hat. Und sie können jetzt, anders als früher, durch Videoaufnahmen von Umstehenden dokumentiert werden. Ein Fall, der dieses Fass zum Überlaufen brachte, geschah noch während der Amtszeit von Barack Obama im August 2014, als dem 18-jährigen jungen schwarzen Amerikaner Michael Brown nach einer Konfrontation mit einem Polizisten in den Rücken geschossen und er getötet wurde. Dieser Vorfall hatte die Black-Lives-Matter-Bewegung ins Leben gerufen, die versucht hat, durch fast immer friedliche Massenproteste eine Änderung dieses Systems der Gewalt gegen schwarze Amerikaner herbeizuführen. Jetzt, fast sechs Jahre später, sind es immer noch die gleichen Vorfälle, die ungeahndet bleiben. Und jetzt, da ein wirklich so brutaler, gnadenloser Mord von vier Polizisten an einem vollkommen hilflosen schwarzen Amerikaner begangen wurde, ist es jetzt einfach so weit, dass die Menschen sagen, das geht nicht so weiter.

BR: Mit Donald Trump ist ein Präsident im Amt, der auch Anhänger aus der Gruppe der sogenannten "White Supremacy" hat, also derjenigen, die glauben, Weiße wären schwarzen Bürgern überlegen. Wie realistisch ist denn da die Hoffnung auf einen tatsächlichen Wandel?

Prof. Britta Waldschmidt-Nelson: Ein Wandel wird ganz bestimmt nicht durch diesen Präsidenten initiiert werden. Aber die Polizei untersteht eigentlich immer den lokalen Behörden, also den städtischen Behörden oder auch den Gouverneuren in den jeweiligen Ländern. Wenn also jetzt Bürgermeister und Gouverneure darauf bestehen, dass an dem System etwas verändert wird, dann kann Donald Trump eigentlich nicht viel dagegen machen. Es ist ja erstmalig ein wirklicher Fortschritt: Der Polizist, der George Floyd umgebracht hat, ist verhaftet worden und angeklagt wegen Mordes, also wegen "Second-Degree-Murder" - das ist so ein Mittelding zwischen Totschlag und Mord. Auch die drei anderen Polizisten, die ja zugeguckt und auch geholfen haben, George Floyd niederzuhalten, auch die wurden jetzt tatsächlich verhaftet und wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Und allein das, dass die wirklich angeklagt werden vor einem echten Gericht, nicht nur vor einer Grand Jury, das ist schon mal ein Fortschritt. Und auch der Gouverneur hat jetzt angekündigt, dass da tiefgreifende Änderungen vollzogen werden sollen, dass das Verhalten der Polizei über die letzte zehn Jahre hinweg von einem unabhängigen Untersuchungsausschuss genauestens untersucht werden soll. Insofern besteht vielleicht tatsächlich einmal eine Chance, etwas zu verändern. Aber ganz bestimmt nicht durch das Zutun des Präsidenten.

BR: Was aber hinter dieser Polizeigewalt auch steckt, sind ganz grundsätzliche Einstellungen. Schwarze Bürgerrechtler in den USA beklagen schon lange, dass dieses Narrativ von den ethnischen Unterschieden zwischen schwarzen und weißen Amerikanern eigentlich bestehen geblieben ist. Wie sehen Sie das?

Prof. Britta Waldschmidt-Nelson: Das ist natürlich ein ganz großes Problem. Es ist einfach der jahrhundertelangen Existenz der Sklaverei geschuldet und deren ideologischer Rechtfertigung. Es wurde ja selbst den Kindern in der Schule gelehrt, dass Schwarze keine gleichwertigen Menschen sind. Und dass es darum vollkommen legitim ist, sie erst 300 Jahre lang als Sklaven zu halten; dass dann nach dem amerikanischen Bürgerkrieg immer noch weitere 100 Jahre im Süden der Vereinigten Staaten eine legale Diskriminierung von Schwarzen bestand; nicht nur durch die Rassentrennung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, sondern darüber hinaus auch durch die wirtschaftliche Ausbeutung und die politische Entmündigung. Und das wurde ja immer begründet mit einer Ideologie der Überlegenheit der weißen Rasse. Das ist so tief verankert in manchen Gehirnen und Denkansätzen, insbesondere im Süden der Vereinigten Staaten. Aber nicht nur dort. Sie haben vorhin die Hardcore-Gruppe der White Supremacy in den Vereinigten Staaten angesprochen. Das sind einfach Rassisten. Und für diese Leute war der Amtsantritt von Barack Obama praktisch eine Kriegserklärung. Viele Menschen, auch ich, haben ja gehofft, dass sich durch den ersten eben afroamerikanischen Präsidenten vielleicht etwas ändern würde, dass er so eine Art Brückenbauer sein könnte zwischen Weißen und Schwarzen. Aber für die weißen Rassisten bedeutet es, das sozusagen ihre letzte Bastion der weißen Privilegien, nämlich das Weiße Haus, dass das jetzt auch von einem Schwarzen "erobert" worden war. Und seitdem häufen sich auch diese rassistischen Übergriffe, diese unglaublich brutalen und hasserfüllten Attacken. Da ist so viel Hass, und der ist so tief verankert, dass die reine gesetzliche Abschaffung der Rassentrennung das nicht aufheben konnte.

BR: Tut Präsident Trump in dieser Hinsicht zu wenig? Müsste er sich explizit gegen diese rechte Gewalt stellen und davon distanzieren?

Prof. Britta Waldschmidt-Nelson: Es ist nicht nur so, dass Trump zu wenig tut, sondern er tut eigentlich das Gegenteil. Er hat ja von Anfang an in seiner Wahlkampfrhetorik genau den Leuten in die Hände gespielt, die es bereuen, dass die Rassentrennung abgeschafft wurde. Die es bereuen, dass die Schwarzen und andere Minderheiten, etwa die Hispanic Americans, Native Americans, Asian Americans, dass die jetzt den weißen Herrenmenschen gleichgestellt werden sollen. Und darum haben viele von denen auch Trumps Wahlkampfslogan "Make America Great Again" praktisch uminterpretiert in "Make White America Great Again".

BR: Die USA befinden sich derzeit im Wahlkampf. Was bedeutet das für den Kampf gegen strukturellen Rassismus in den USA?

Prof. Britta Waldschmidt-Nelson: Wenn man erwarten will, dass das Weiße Haus sich an diesem Kampf gegen strukturellen Rassismus beteiligt und da wirklich mal was verändert und unternommen wird - dann wird das ganz bestimmt nicht passieren, wenn Donald Trump diese Wahl gewinnt, denn er hat ja kein Interesse daran. Der strukturelle Rassismus äußert sich ja nicht nur in rassistischer Gewalt, sondern zum Beispiel auch in der mangelhaften Krankenversorgung von schwarzen Amerikanern. Die Einführung von "Obamacare", also die Einführung einer halbwegs bezahlbaren allgemeinen Krankenversicherung, ist einer der wenigen Erfolge von Barack Obama, die wirklich der Black Community etwas genutzt hat. Vorher hatte weniger als ein Viertel der Schwarzen eine Krankenversicherung. Jetzt ist es immerhin fast die Hälfte, die zumindest eine rudimentäre Krankenversicherung hat. Die mangelnde Krankenversorgung, der mangelnde Zugang zu Bildung - durch dieses immer noch de facto segregierte Schulsystem in den USA - all das wird sich nicht ändern, solange Donald Trump im Weißen Haus sitzt.

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In Australien haben Zehntausende ihre Solidarität mit den Demonstranten in den USA gezeigt. Auch in vielen europäischen Städten, etwa in London, gingen tausende Menschen auf die Straße.