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Die Infektionszahlen sinken und die Corona-Regeln werden gelockert. Damit treffen wir wieder mehr Menschen. Noch auf Abstand getrimmt, fühlt sich die zurückgewonnene Nähe oft fremd an. Doch wir können uns wieder aneinander gewöhnen, sagen Experten.

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Plötzlich wieder Kontakte: Die ungewohnte Nähe nach dem Lockdown

Die Infektionszahlen sinken und die Corona-Regeln werden gelockert. Jetzt treffen wir wieder mehr Menschen. Noch auf Abstand getrimmt, fühlt sich die zurückgewonnene Nähe oft fremd an. Doch wir können uns wieder aneinander gewöhnen, sagen Experten.

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  • Leonie Thim

Auf einem Spielplatz im Münchner Norden sitzen Eltern näher beieinander als noch vor ein paar Wochen, und in der Abendsonne schaukelt Bastian Söllner mit seiner zweijährigen Tochter. Sie freuen sich darüber, dass wieder mehr möglich ist, nach den Monaten des Lockdowns. "Wir haben es super genossen, dreimal jetzt schon Essen gewesen zu sein und draußen zu sitzen im Restaurant", strahlt der zweifache Vater. Natürlich hänge das auch mit dem guten Wetter zusammen, dass man wieder aktiver werde. "Aber insgesamt fühlt es sich natürlich total gut an."

Durch ständiges Abstandhalten die Nähe verlernt

Über ein halbes Jahr lang waren Restaurants, Einzelhandel, Fitnessstudios und Kulturstätten zuletzt in der Corona-Pandemie geschlossen. Inzwischen haben sich viele daran und an die AHA-Regeln gewöhnt. Rücken an Rücken im Biergarten zu sitzen, kann sich auch Bastian Söllner momentan noch nicht so gut vorstellen.

"Das ist tatsächlich ein Punkt, der sich in meinem Gefühl verändert hat, weil im Hinterkopf immer das Thema ist: 'Oh, ich kann mich anstecken'", sagt er. Oder zumindest sei man sensibilisiert, dass man auf ausreichend Abstand achte, wenn man mit fremden Menschen zu tun habe. Dieses Gefühl werde wohl auch noch eine Zeitlang bleiben, befürchtet er.

Experte: Nähe zum engsten Kreis, Abstand zu Fremden

Im engsten Freundes- und Familienkreis wird die körperliche Nähe, das Umarmen und Berühren irgendwann wieder normal werden, sagt Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Aber außerhalb vom engsten Kreis zunächst noch auf Abstand zu achten, sei, trotz Lockerungen, die richtige Einstellung. Schließlich wollten wir ja einander schützen.

Bestimmte Umgangsformen, wie Händeschütteln und jedermann umarmen, seien jetzt erst einmal nicht möglich, schätzt Dieter Frey. Aus seiner Sicht ist es momentan richtig, den Abstand zueinander zu wahren. Denn noch seien nicht alle geimpft und man könne nicht abschätzen, wie sich die Mutanten des Corona-Virus weiterentwickelten.

Nähe schaffen auch ohne Berührung möglich

Glücklicherweise gebe es andere Möglichkeiten für Nähe, erklärt der Sozialpsychologe. "Durch den Augenkontakt, durch die Mimik, durch die Gestik, aber auch durch die Art der Sprache, da kann ich ja auch Nähe transportieren", sagt Dieter Frey.

Er geht davon aus, dass es auch zu ungewohnten Situationen kommen kann. Dann, wenn Menschen, die im Umgang noch vorsichtig sind, mit anderen zusammentreffen, die schon wieder verstärkt aufeinander zugehen – sich etwa wieder die Hand geben wollen.

Verständnis fürs Gegenüber gefragt

Doch diese Situationen müssten nicht zu einem Konflikt führen, erklärt Dieter Frey. "Ganz wichtig ist, dem Gegenüber zu erklären, warum man im Moment noch nicht so offen sein möchte." Es sei "auch vollkommen unproblematisch zu sagen: 'Es gibt eine Krankheit in der Familie, ich möchte mich und möchte andere schützen.' Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dafür die Menschen Verständnis haben." Die Empfehlung des Sozialpsychologen lautet, authentisch und offen darüber sprechen.

Kinder und Jugendliche leiden besonders unter sozialer Distanz

Vor allem die Jüngsten haben gelitten unter den fehlenden sozialen Kontakten während des Lockdowns, das haben verschiedene Studien gezeigt. Auch Lucia Steinmetzer erlebt das täglich in der psycho-therapeutischen Ambulanz für Kinder und Jugendliche in München, die sie leitet. "Wir haben viele sehr belastete Kinder und Jugendliche gesehen", erzählt die niedergelassene Psychotherapeutin. Vor allem seit dem zweiten Lockdown im vergangenen Herbst hätten die Anmeldungen in der psycho-therapeutischen Ambulanz zugenommen. Den Andrang zu bewältigen, sei immer schwieriger geworden, erzählt Steinmetzer.

Kindern zurückhelfen in eine Normalität

Für alle Kinder und Jugendliche sei es nun wichtig, langsam wieder zurückzufinden in die Gesellschaft. "Wichtig ist, dass wir die Brücke für die Kinder bauen, zurück in die Normalität, dass wir ihnen nicht einfach nur mit Leistungsdruck begegnen und Forderungen, was alles aufzuholen ist in der Schule, sondern mit Gesprächsangeboten, darüber, was man durchgemacht hat", empfiehlt die Psychotherapeutin.

Wenn Kinder Angst haben vor Kontakten mit anderen, sollte man mit ihnen darüber sprechen. Denn der Rückzug sei keine Lösung gegen die Angst, sondern würde sie nur vergrößern, erklärt Lucia Steinmetzer. Helfen könne auch, wenn Erwachsene selbst Zuversicht vermitteln und sie Kindern und Jugendlichen vorlebten: "Weil, Zuversicht können Kinder nur entwickeln, wenn wir als Eltern und Lehrer, als Erwachsene zuversichtlich sind und die Krise, die wir durchgemacht haben, auch als eine Chance begreifen, aus der wir lernen können."

Wir werden zum Miteinander zurückfinden

Bastian Söllner ist optimistisch, dass sich soziale Kontakte irgendwann wieder normal anfühlen werden. "Ich hoffe, dass wir da wieder hinkommen und bin auch davon überzeugt, dass wir Gewohnheitstiere sind. Das braucht einfach ein bisschen Zeit und dann wird es auch wieder zur Normalität zurückkehren."

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