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Krisenseelsorger Andreas Müller-Cyran.

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Nach dem Anschlag von Wien: Psychische Ersthilfe für die Opfer

Nach Anschlägen oder Katastrophen betreut das Kriseninterventionsteam (KIT) Opfer und Augenzeugen. Im BR-Interview erzählt der Leiter, Andreas Müller-Cyran, warum es wichtig ist, traumatisierten Menschen schnell zu helfen.

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

Die Anschläge vom 11. September in New York, der Tsunami in Thailand, das Bergbahnunglück am Kitzsteinhorn, der Amoklauf im OEZ, die Terroranschläge in Paris und zuletzt die Schießerei in Wien: Die Mitglieder des Münchner Kriseninterventionsteams (KIT) haben bei all diesen Anschlägen Opfer und Augenzeugen psychologisch betreut.

Sie haben sich zum Ziel gesetzt, das psychische Leid, die erfahrene Todesangst, die unendliche Trauer über den Tod eines Angehörigen ein bisschen kleiner oder erträglicher werden lassen. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erzählt der Gründer und Leiter des KIT München, Andreas Müller-Cyran, warum es nicht nur wichtig ist, sich um Schwerverletzte zu kümmern, sondern auch um psychisch traumatisierte Menschen.

BR: Herr Müller-Cyran, provokant gefragt: Ist es nicht nachvollziehbar, dass man sich in Notfallsituationen erst einmal um Schwerverletzte kümmert?

Andreas Müller-Cyran: Natürlich! Das ist ja auch gut so und soll auch so bleiben. Es geht aber nicht darum, dass psychisch Traumatisierte in Konkurrenz zu den Schwerverletzten stehen und hinten runterfallen. Es ist wichtig, dass diese Menschen, die ja massivste Erfahrungen machen und hochgradig verunsichert sind, möglichst frühzeitig einen verlässlichen Ansprechpartner haben, damit sie mit ihren Eindrücken nicht alleine sind.

BR: Ist ein unmittelbarer Ansprechpartner aus moralischer und mitmenschlicher Sicht wichtig oder auch aus therapeutischer?

Andreas Müller-Cyran: Es eine Grundvoraussetzung, dass man mit der Hilfe nicht wartet und sofort einen Verarbeitungsmechanismus aktiviert. Nach Tagen, Wochen, manchmal leider auch Monaten, bisweilen sogar Jahren ist es oft zu spät und die Leute erkranken ernsthaft an ihren Traumata. Die meisten Menschen berichten, dass sie Todesangst hatten in der Situation. Da ist es von zentraler Bedeutung, dass man ihnen vermittelt: Was passiert ist, ist jetzt vorbei, du bist in Sicherheit, es kann dir nichts mehr passieren.

Opfer spalten eigene Gefühle ab

BR: Was kann die Krisenintervention leisten?

Andreas Müller-Cyran: Natürlich ist es so: An diese furchtbaren Minuten und Stunden erinnert man sich ein Leben lang und diese Menschen werden Alpträume haben. Aber im besten Fall verändert es sich und wird nicht zu einer psychischen Erkrankung. Ziel unserer Maßnahmen ist es, dass diese Menschen innerlich Distanz bekommen und sagen können: Das war furchtbar. Ich werde mich zwar immer daran erinnern und ich kann auch, wenn ich möchte, mit Menschen darüber reden, aber dieses Ereignis hat keine destruktive oder zerstörerische Macht mehr über mich.

BR: Die Menschen werden schlagartig aus Ihrer Normalität herauskatapultiert, aber auch vor Ort herrscht meist großes Chaos. Wie gehen Sie vor, wenn Sie und Ihre Kollegen am Einsatzort eintreffen?

Andreas Müller-Cyran: Wenn wir an der Einsatzstelle eintreffen, ist es wichtig, dass wir uns mit den Kollegen der notfallmedizinischen Versorgung und der Polizei sofort vernetzen und ein integraler Bestandteil der Einsatzabläufe werden. Das gibt einem auch selber Sicherheit und Halt, denn wir können unsere Arbeit nicht unabhängig durchführen. Gerade bei Gewalterfahrungen, wie Attentate oder Amokläufe, sind die Opfer ja auch Zeugen für die Polizei. Das heißt also, wir müssen uns mit der Polizei absprechen und uns strukturieren.

BR: In welchem Zustand sind die Opfer? Können Sie überhaupt zu Ihnen durchdringen, also psychisch - es reagiert ja auch jeder unterschiedlich?

Andreas Müller-Cyran: Es ist, wie Sie sagen, zwar so, dass die Menschen nicht alle gleich reagieren, trotzdem gibt es Parallelen. Gerade nach Amokläufen meint man oft, die Menschen würden schreien, weinen, ausrasten. Tatsächlich sind sie in solchen Situationen auf eine fast unheimliche Weise ganz still oder wirken jedenfalls sehr ruhig, auch wenn sie innerlich hochgradig aufgewühlt sind. Wir nennen das dann ein Abspalten der eigenen Gefühle.

BR: ...man sagt, in Extremsituationen schaltet der Mensch auf Autopilot, er funktioniert einfach?

Andreas Müller-Cyran: Genau, es gibt tatsächlich eine Art Überlebensmodus, in den die Menschen schalten. Das tun Menschen, um handlungsfähig zu bleiben, wenigstens in einem minimalen Umfang, um noch das eigene Leben oder das Leben anderer Menschen retten zu können und zielgerichtet zu handeln. Die Aktivierung solcher Ressourcen ist ein Schutzmechanismus: Um die Situation zu überleben, zeigen die Menschen oft keine Gefühle. Das verändert sich, wenn sie spüren, dass sie in Sicherheit sind. Wichtig ist es, die Menschen in dieser Situation dann mit Informationen zu versorgen: Was ist passiert, was erwartet dich jetzt und alles, was du fühlst, ist normal! Und natürlich Halt zu geben, bei ihnen zu sein.

Helfer müssen auf sicherem Boden stehen

BR: Sie haben mit Menschen zu tun, die andere sterben sahen, die selber in den Lauf einer Waffe blicken mussten oder mit Eltern, die ihre Kinder verloren haben – frisst einen so etwas nicht irgendwann selber auf?

Andreas Müller-Cyran: Mitfühlen, aber nicht mitleiden, sagen wir immer. Man muss sich bewusst machen: Das Schlimme, was dort passiert ist, ist nicht mir passiert, sondern es ist den Menschen passiert, zu denen ich geschickt werde und die ich stabilisieren möchte. Das hört sich vielleicht für einen Außenstehenden im ersten Moment herzlos an, wenn ich das so formuliere. Aber ich kann anderen Menschen nur dann Boden unter den Füßen geben, wenn ich selber mit beiden Beinen sicher auf dem Boden stehe. Das funktioniert nur über eine Form der Distanzierung. Wir bilden unsere Kollegen auch so aus, dass sie sich selber immer wieder sagen: Die Not, die Angst, die Todesangst, die die Menschen erlebt haben, das ist die Angst dieser Menschen, es war nicht meine Todesangst.

BR: Gibt es Einsätze, die ihnen trotzdem nicht mehr aus dem Kopf gehen?

Andreas Müller-Cyran: Die Dinge, die mir persönlich nachgehen, sind nicht so sehr die großen Ereignisse, die man im Kopf haben mag und bei denen ich oder auch die Kollegen tätig wurden. Das sind eher Ereignisse, die im Alltag passieren, der Tod von Kindern, wenn ein Kollege bei einem Einsatz stirbt oder Autounfälle, wo einfach klar ist: Das hätte auch dich treffen können, das hättest du sein können. Da kann es passieren, dass der Schmerz dieser Menschen auch zu meinem Schmerz wird. Und das kann so stark werden, dass man sofort auf Distanz gehen muss zwischen dem, was dort passiert ist, und meiner eigenen Lebensgeschichte und sich versucht rauszuziehen. Einfach, weil ich sonst keine Hilfe mehr bin, sondern selber Bestandteil dieser traumatisierenden Erfahrungen werde. Und das ist nicht gut.

💡 Wer ist Andreas Müller-Cyran?

Andreas Müller-Cyran studierte in München Philosophie, Theologie und Psychologie und arbeitete zehn Jahre hauptamtlich im Rettungsdienst, ehe er 1994 das Münchner Kriseninterventionsteam (KIT) des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) gründete. Rund neunhundert Einsätze hat sein Team im Jahr. Er überbringt Todesnachrichten nach einem Verkehrsunfall, betreut Hinterbliebene nach Selbsttötung oder bei Gewalterfahrungen. Seit 20 Jahren betreut sein Team auch im Ausland deutsche Staatsangehörige.

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Wenn das KIT-München auf den Plan gerufen wird, ist meist Schlimmes geschehen. Jährlich betreuen die Mitarbeiter rund 2.000 Menschen, die nach einem außergewöhnlichen Vorfall unter Schock stehen oder unter schweren seelischen Belastungen leiden.

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