BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© pa/dpa/Sebastian Wollnow
Bildrechte: pa/dpa/Sebastian Wollnow

Krankenhaus-Recherche des BR löst breites Echo aus

41
  • Artikel mit Video-Inhalten

Nach BR-Recherche: Konsequenzen aus Klinik-Misere gefordert

Pflegekräfte und Mediziner kämpfen mit Personalmangel und Sparkurs. Das geht aus einer BR-Umfrage hervor. Nun melden sich Wissenschaftler und Politiker zu Wort. Der Tenor: Krankenhauspersonal muss entlastet werden, und zwar schnell.

Von
Claudia GürkovClaudia Gürkov
41

Es werde akzeptiert, dass Ärzte und Pflegekräfte systematisch überlastet würden, kritisiert Professor Christian Karagiannidis von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung von Intensiv- und Notfallmedizinern. Die Krankenhäuser seien am Limit, so Karagiannidis. Es bestehe Reformbedarf, man müsse weg vom rein ökonomischen Gedanken.

Dann sei auch eine bessere Patientenversorgung möglich: "In England, Skandinavien oder in den Niederlanden betreut eine Pflegekraft einen beatmeten Patienten, bei uns einen, zwei oder in der Nacht drei."

In einer nicht repräsentativen Umfrage hat der BR 54 Pflegekräfte und Mediziner zu ihren Arbeitsbedingungen am Krankenhaus befragt. Fast alle beklagen Personalnot und fühlen sich überlastet. Und die Befragten warnen vor Folgen für die Patienten: 46 von 54 gaben an, dass ihre Arbeitsbedingungen Patienten gefährden.

Pflegewissenschaftlerin fordert Krankenhausstudien

Professorin Martina Hasseler von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfsburg sieht in den Rechercheergebnissen keine Einzelfälle, sondern ein Systemproblem. Es brauche dringend unabhängige wissenschaftliche Studien, um die Versorgungsrealität in den Krankenhäusern abzubilden: "Wir müssten untersuchen, welche Auswirkungen es hat, wenn pflegerische Versorgung nicht in professionell ausreichender Anzahl durchgeführt werden kann. Ich bin davon überzeugt, dass wir belegen könnten, dass Patienten deswegen Komplikationen erleiden. Das taucht aber in keiner Statistik auf. Auch diese ganzen Qualitätsergebnisse von den Krankenhäusern geben das nicht wieder."

Die Pflegewissenschaftlerin verweist auf internationale Studien, die belegen, dass Personalmangel und der Ersatz von Fachkräften durch Hilfskräfte zu einer schlechteren Versorgung der Patienten und einer höheren Komplikationsrate führten.

Grüne, SPD und FDP üben Kritik an Staatsregierung

Andreas Krahl (Bündnis 90/Die Grünen) hat bis 2018 selbst als Krankenpfleger gearbeitet. Überlastung sei schon lange Thema, so der pflegepolitische Sprecher der Landtagsfraktion, die Lage habe sich aber durch Corona verschärft. Andreas Krahl fordert, bei Unterbesetzung und fehlender Qualifikation konsequent Betten zu sperren. Altenpfleger statt Fachkräfte im Krankenhaus einzusetzen, auch auf Intensivstationen, hält er nur mit Einarbeitung und Fachweiterbildung für vertretbar.

Bereits jetzt gefährde der Fachkräftemangel die Versorgungssicherheit des Gesundheitssystems, schreibt der gesundheitspolitische Sprecher der FDP, Dominik Spitzer, auf Anfrage: "Was wir jetzt endlich brauchen, ist eine längst überfällige Diskussion über die Krankenhausstruktur im Freistaat. Wir müssen uns ehrlich machen und eingestehen, dass mit immer weniger Personal die jetzige Anzahl an Kliniken nicht mehr zu betreiben ist."

Für die SPD trägt die Staatsregierung eine Mitverantwortung an der Lage in den Krankenhäusern. Denn die Investitionskostenzuschüsse lägen bei rund 640 Millionen Euro, so die gesundheitspolitische Sprecherin Ruth Waldmann. Tatsächlich läge der Bedarf aber bei einer Milliarde Euro. "Was hier an Investitionskosten nicht übernommen wird, muss ja woanders herkommen. Das wird zum Teil aus den Behandlungspauschalen genommen. Und das Geld fehlt dann beim Personal. Mit dem Geld könnten wir das Personal besser bezahlen und auch mehr Leute anstellen."

Patientenbeauftragter rät bei Problemen im Krankenhaus aktiv zu werden

In der BR-Recherche fiel ein Krankenhaus im Raum Nürnberg negativ auf: Unterlagen deuten darauf hin, dass auf der Intensivstation immer wieder zu wenige und nicht ausreichend qualifizierte Kräfte gearbeitet haben. Laut Ex-Mitarbeitern sind dort Menschen zu Schaden gekommen und in der Folge gestorben. Der Staatsanwaltschaft liegen Strafanzeigen vor.

Auch dem bayerische Patienten- und Pflegebeauftragten Peter Bauer sind Fälle bekannt, in denen Patienten im Krankenhaus zu Schaden kamen. Eine Strafanzeige ist für den Gesundheitsexperten der Freien Wähler das letzte Mittel. Er rät, zunächst die Behandlungsunterlagen einzufordern. Darauf haben Patienten ein Recht. Ist der Patient verstorben, können auch Erben und nächste Angehörige die Herausgabe der Krankenakte verlangen. Peter Bauer empfiehlt, einen Fachmann mit der Sichtung der Unterlagen zu beauftragen. Unstimmigkeiten oder Verdachtsmomente können Betroffene unter anderem dem Medizinischen Dienst, der jeweiligen Krankenkasse oder der Gutachterkommission für Behandlungsfehler der Landesärztekammer und Landeszahnärztekammer melden.

© BR
Bildrechte: BR

Die Digitalisierung im Gesundheitssektor kommt nach wie vor nicht voran. Damit Infektionsketten durchbrochen werden können, müssen Corona-Patienten den Gesundheitsämtern gemeldet werden. Das passiert oft auf analogem Weg, mit Papier, Stift und Fax.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

Sendung

BR24 Infoblock

Schlagwörter