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Nach Augsburger Gewalttat: Herkunftsnennung sorgt für Diskussion | BR24

© dpa-Bildfunk/Julian Stratenschulte

Medien nennen die Herkunft von Tatverdächtigen bei Gewalttaten immer öfter.

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    Nach Augsburger Gewalttat: Herkunftsnennung sorgt für Diskussion

    Die Herkunft von Tätern spielt seit 2015 in der medialen Berichterstattung eine wichtige Rolle. So auch nach der Gewalttat in Augsburg. Ein Journalismus-Forscher kritisiert, dass die Wahrheit verzerrt werde. Die Mehrheit der Täter seien Deutsche.

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    In der Berichterstattung über Gewaltdelikte in deutschen Medien hat die Nennung der Herkunft eines Verdächtigen nach Angaben des Journalismus-Forschers Thomas Hestermann drastisch zugenommen. 2014 habe die Nationalität mutmaßlicher Täter noch kaum eine Rolle gespielt, sagte der Professor der Hochschule Macromedia am Dienstag in Berlin. In nur knapp fünf Prozent der Fernsehbeiträge sei sie genannt worden.

    Berichterstattung änderte sich nach Silvesternacht in Köln

    Die Silvesternacht von Köln beim Jahreswechsel 2015/16 habe alles geändert. 2017 sei in jedem sechsten Fernsehbeitrag über Gewaltdelikte die Herkunft von Verdächtigen genannt worden, 2019 sogar in jedem dritten, erklärte er mit Verweis auf eine eigene Untersuchung der Fernsehberichterstattung. Hestermann untersuchte den gleichen Effekt auch bei überregionalen Zeitungen. Er stellte fest, dass die Herkunft meist dann genannt werden, wenn es Ausländer betreffe. Er warnte vor einem Zerrbild: 69 Prozent der Gewalttäter 2018 seien Deutsche gewesen, sagte Hestermann unter Berufung auf die Polizeistatistik. Das in Medien gezeichnete Bild sei damit nicht wahrheitsgetreu.

    Änderung im Pressekodex sei Fehlentscheidung gewesen

    Die Änderung der betreffenden Richtlinie im Pressekodex bezeichnete er als "krasse Fehlentscheidung". Der Presserat als Selbstkontrollorgan der deutschen Presse hatte im Frühjahr 2017 entschieden, dass die Herkunft genannt werden kann, wenn ein "begründetes öffentliches Interesse" daran besteht. Vorher galt, dass die Herkunft nur dann genannt werden soll, wenn ein Zusammenhang zur Tat besteht, etwa wenn die Tat nur durch die Nennung der Nationalität erklärbar wird.

    Hestermann sagte zugleich, viele Journalisten hielten sich nach wie vor an die alte Richtlinie. Dazu riet auch die Geschäftsführerin des Vereins "Neue deutsche Medienmacher*innen", Konstantina Vassiliou-Enz. Die automatische Verknüpfung von Herkunft und Tat sei "unsachlich und unjournalistisch", sagte sie. Nur in Ausnahmen sei die Nennung der Herkunft notwendig, um die Geschichte um eine Tat zu verstehen. Sie plädierte dafür, in Fällen, in denen die Herkunft genannt wird, auch zu erklären, warum das relevant ist. Ihr Verein setzt sich für diskriminierungsfreie Berichterstattung ein.

    Nennung der Herkunft müsse individuell abgewogen werden

    Der Pressesprecher der Berliner Polizei, Thilo Cablitz, wandte sich gegen die Forderung pauschaler Vorgaben für Pressemitteilungen der Polizei. Die Nennung der Herkunft müsse immer individuell abgewogen werden, sagte er. Auch er plädierte für die Nennung, wenn es für das Verständnis des Geschehenen notwendig sei. Auch in anderen Fällen sei es sinnvoll, Details wie die Nationalität zu nennen, etwa um einem "Frame" entgegenzuwirken, sagte er.

    Der stellvertretende Chefredakteur der "Sächsischen Zeitung", Heinrich Maria Löbbers, verteidigte die 2016 von seiner Zeitung getroffene Entscheidung, die Herkunft eines Verdächtigen immer zu nennen. So wolle man dem Zerrbild entgegenwirken, weil auch bei deutschen Tätern die Nationalität genannt werde. Ausschlaggebend für die Berichterstattung sei aber die Relevanz des Deliktes, nicht die Herkunft. "Für unsere Region, glauben wir, ist es die richtige Entscheidung gewesen", sagte Löbbers mit Blick auf die Auseinandersetzungen rund um "Pegida" in Sachsen.