Ermittler arbeiten vor dem Gebäude der Zeugen Jehovas in Hamburg
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Nach Amoktat von Hamburg: Die Frage nach dem "Warum"

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Nach Amoktat von Hamburg: Die große Frage nach dem "Warum"

Nach dem Amoklauf in Hamburg geht es nun um die Aufarbeitung der Tat - warum schoss der Memminger bei den Zeugen Jehovas plötzlich um sich? Erste Anhaltspunkte gibt es. Bundesinnenministerin Faeser will derweil ein schärferes Waffenrecht prüfen.

Über dieses Thema berichtet: BAYERN 3-Nachrichten am .

Am zweiten Tag nach der Amoktat mit Toten und Verletzten in den Räumen der Zeugen Jehovas in Hamburg setzt die Polizei ihre Ermittlungen fort. Inzwischen sind auch einige Einzelheiten zum Täter bekannt.

Bei der Tat am Donnerstag starben sieben Menschen und der Täter selbst, acht weitere Menschen wurden verletzt. Zu den Toten zählt die Polizei auch ein ungeborenes Kind. Der deutsche Täter war den Angaben zufolge Sportschütze, hatte seit Dezember 2022 eine Waffenbesitzkarte und war erst kürzlich von der Waffenbehörde aufgesucht worden.

Hinweise auf Konflikte mit den Zeugen Jehovas

Der 35 Jahre alte Philipp F. war ein ehemaliges Mitglied der Hamburger Gemeinde der Zeugen Jehovas, die er vor eineinhalb Jahren freiwillig, aber offenbar nicht im Guten verlassen hatte, wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Innenbehörde am Freitag sagten. Mögliche Konflikte innerhalb der religiösen Sondergemeinschaft schließen die Ermittler nicht aus. Polizeipräsident Meyer sagte, es gebe Hinweise auf einen Streit "möglicherweise aus dem Bereich der Zeugen Jehovas".

Faeser spricht Mitgefühl aus und will schärferes Waffenrecht prüfen

Am Freitagnachmittag hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) den Angehörigen und Freunden der Opfer bei einem Besuch am Tatort das tief empfundene Mitgefühl der Bundesregierung ausgesprochen. "Es ist kaum in Worte zu fassen, was hier Furchtbares passiert ist. Was ein Täter mit dieser Amoktat anrichten konnte, ist wirklich grauenvoll." Sie sei tief bewegt, sagte die Ministerin.

Faeser kündigte an, den Entwurf zur Verschärfung des Waffengesetzes noch einmal auf Lücken zu prüfen. Die furchtbare Tat mit acht Toten zeige, "wie notwendig Änderungen" im Waffenrecht seien, sagte sie dazu auch am Freitagabend in den ARD-"Tagesthemen".

Über den von ihr im Januar vorgelegten Entwurf für ein schärferes Waffenrecht müsse man angesichts der Tat "sicher diskutieren". Dieser müsse womöglich erweitert werden. In Faesers Gesetzentwurf ist ein Verbot von kriegswaffenähnlichen, halbautomatischen Waffen für Privatleute vorgesehen. Die in Hamburg genutzte Tatwaffe, eine halbautomatische Pistole, würde allerdings nicht unter das Verbot fallen. Der mutmaßliche Täter war als Sportschütze registriert und besaß die Waffe legal.

Psychologische Eignung bei Waffenbesitz besser prüfen

Die Bundesregierung müsse erneut "an das Gesetz gehen und schauen, gibt es noch Lücken", sagte die Innenministerin mit Blick auf den von ihr vorgelegten Entwurf. Im Waffengesetz solle beim Antrag auf eine Waffenbesitzkarte künftig überprüft werden, "ob jemand psychologisch geeignet ist".

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), künftig sollten nicht nur unter 25-Jährige ein amtsärztliches Gutachten vorlegen müssen, wenn sie eine waffenrechtliche Erlaubnis beantragten. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sebastian Hartmann, forderte zu klären, warum die Kontrollen des Täters keine Anzeichen für eine Gefahr geliefert und nicht zu einem Entzug der Waffenbesitzerlaubnis geführt hätten.

"So etwas kannten wir in Hamburg bisher nicht"

Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) besuchten den Tatort und drückten das tiefe Mitgefühl des Senats und der Hamburger Bevölkerung aus. Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) bezeichnete die Tat als Amoklauf: "Eine Amoktat dieser Dimension - das kannten wir bislang nicht. Das ist die schlimmste Straftat, das schlimmste Verbrechen in der jüngeren Geschichte unserer Stadt."

Der Amoktäter hatte mehr als 100 Mal geschossen. Bei den Todesopfern handelt es sich den Angaben zufolge um vier Männer, zwei Frauen und einen weiblichen Fötus im Alter von 28 Wochen. Die Männer und Frauen seien zwischen 33 und 60 Jahre alt gewesen, sagte der Leiter des Staatsschutzes der Polizei, Thomas Radszuweit. "Alle Todesopfer sind deutscher Staatsangehörigkeit und starben jeweils durch Schusseinwirkung."

Hinweis auf mögliche psychische Erkrankung

Die tödlichen Schüsse waren am Donnerstagabend gegen 21.00 Uhr während einer Veranstaltung im Gebäude der Gemeinde im Hamburger Norden gefallen. Der Täter erschoss sich selbst. Als Extremist war der 35-jährige Schütze nach Angaben aus Sicherheitskreisen nicht bekannt. Seit 2015 war der gebürtige Memminger Informationen der Nachrichtenagentur dpa zufolge in Hamburg gemeldet.

Die Waffenbehörde erhielt nach Angaben von Meyer im Januar einen anonymen Hinweis auf eine mögliche psychische Erkrankung von Philipp F. Anfang Februar sei F. von zwei Beamten der Waffenbehörde unangekündigt aufgesucht worden. Es habe keine relevanten Beanstandungen gegeben. Die rechtlichen Möglichkeiten seien damit ausgeschöpft gewesen. Nach den Schüssen fand die Polizei laut Staatsanwaltschaft in seiner Wohnung auch eine größere Menge Munition.

- Mit Informationen von DPA und AFP -

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