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Bildrechte: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Theint Mon Soe

Allein am Samstag wurden in Myanmar mindestens 114 Menschen getötet. Soldaten schossen auch auf Kinder. Nach dem Putsch haben die Militärs offenbar die letzten Skrupel abgelegt. US-Präsident Biden kündigte Sanktionen an.

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Myanmars Militär gegen Demonstranten: Gezielte Kopfschüsse

Allein am Samstag wurden in Myanmar mindestens 114 Menschen getötet. Soldaten schossen auch auf Kinder. Nach dem Putsch haben die Militärs offenbar die letzten Skrupel abgelegt. US-Präsident Biden kündigte Sanktionen an.

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Von
  • Holger Senzel
  • Jörn Sawatzki

Es war für das Land erst die zweite Wahl, die von internationalen Beobachtern seit dem Ende der direkten Militärherrschaft im Jahr 2011 als frei und fair angesehen wurde: Die birmanische Nationale Liga für Demokratie (NLD) hatte im November letzten Jahres einen Erdrutschsieg verzeichnet. Nach offiziellen Angaben holte sie die absolute Mehrheit. Doch die Armee sprach von Wahlbetrug, drohte, die Verfassung aufzuheben und riss schließlich die Macht an sich.

Entmachtete Wahlsiegerin

Aung San Suu Kyi ist de-facto-Regierungschefin von Myanmar und Wahlsiegerin, die inzwischen entmachtet und verhaftet wurde, forderte nach der Wahl die Bevölkerung in einer auf Facebook veröffentlichten Erklärung dazu auf, den Militärputsch nicht hinzunehmen. Diesem Aufruf sind seitdem Hunderttausende Menschen in Myanmar gefolgt - trotz Verhaftungen und teils tödlicher Gewalt gegen Demonstranten. Eine Mutter am Sarg ihres Sohnes

Eine Mutter am Sarg ihres Sohnes

Eine Mutter steht am Sarg ihres Kindes: "Wie soll ich ohne dich leben, mein Sohn?", sagt sie schluchzend. Das Foto auf dem Altar zeigt einen fröhlichen Jungen: Say Wai Yan, 13 Jahre alt - erschossen von Polizisten. Ein Vater begräbt seine Tochter, Khin Myo Chit, sieben Jahre alt: "Die Soldaten haben die Tür aufgebrochen und sind hereingestürmt", sagt er unter Tränen. "Obwohl wir die Eingänge mit unseren Fahrrädern blockiert hatten. Ich habe meine Tochter gepackt, um mit ihr zu fliehen. Aber die Soldaten traten uns in den Weg und fragten: 'Ist noch jemand im Haus?' Dabei schossen sie und sagten: 'Lüg uns nicht an, alter Mann!' Mein Mädchen wurde getroffen, während sie an meiner Brust lehnte."

Militärangriff auf Trauergemeinde

Doch nicht einmal vor der Trauer der Menschen hatten die Sicherheitskräfte Respekt, wie der myanmarische BBC-Mitarbeiter Kyi Whi Tan berichtet: Bei einer Beerdigung etwa 60 Kilometer nordwestlich von Yangon tauchten plötzlich Sicherheitskräfte auf und schossen auf die Trauernden. "Ich kann nicht sagen, ob es Tote oder Verletzte gab, aber sie schossen, und dann wurden 40 Trauernde dort abgeführt."

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Nach Luftangriffen des Militärs sind in Myanmar Tausende Menschen auf der Flucht. Viele von ihnen versuchen, außer Landes zu kommen.

Menschen protestieren

So viele Tränen und Unmengen von Blut: Demonstranten schleifen panisch Verletzte von der Straße, während Sicherheitskräfte das Feuer eröffnen, überall blutige Schleifspuren auf dem Asphalt. Eine völlig enthemmte Soldateska im Blutrausch - das war der Eindruck dieses Wochenendes. Gezielte Schüsse in den Kopf und in die Brust. Schüsse auf Kinder, wahllose Schüsse in Wohnungen. Währenddessen sagte General Minh Aung Hlaing in weißer Galauniform beim Bankett zu Ehren der Armee: "Das Militär reicht der ganzen Nation die Hand, um die Demokratie zu schützen."

114 Tote an einem Tag

114 Menschen kamen an einem Tag ums Leben. Im Karen Staat im Südwesten des Landes, der von der bewaffneten ethnischen Karen National Union kontrolliert wird, warfen myanmarische Kampfflugzeuge sogar Bomben. Die Junta hat offenbar die letzten Skrupel abgelegt und scheint fest entschlossen, den Protest mit allen Mitteln niederzuschlagen, wie blutig auch immer. Neuwahlen und die Rückkehr zur Demokratie hatten die Miltärs versprochen, jetzt wollen sie offenbar nur noch Friedhofsruhe im Land erzwingen.

Trotzdem gehen die Menschen weiter auf die Straße, mit Liedern gegen Gewehre. "Wenn es für unser Land ist, sind wir bereit unser Leben zu opfern, während das Blut aus uns fließt wie aus Pfauenflügeln", heißt es in dem Revolutionslied von 1988. "Wir kämpfen diesen Kampf bis zum Ende, um Frieden und Freiheit zu erlangen."

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